Von Volker Weidermann
26. Juni 2005 Oha, jetzt passiert ja richtig was, im deutschen Literaturland. Überraschungen, Sensationen, Debatten - toll. Peter Handke hat jetzt also einen Text zur Verteidigung von Slobodan Milosevic geschrieben und darüber, wer in Wahrheit angefangen hat mit dem Krieg auf dem Balkan, und über das Morden der Nato.
Auf zwanzig Seiten hat er das aufgeschrieben, und die Zeitschrift "Literaturen" hat eine Titelgeschichte daraus gemacht, und die Feuilletons des Landes haben alle reagiert. Empört, überrascht, abwägend lobend. Und dann hat der Schriftsteller Matthias Politycki zusammen mit einigen Kollegen ein Manifest geschrieben. Es geht darin um seine Generation der Mittelalten, denen, eingezwängt zwischen den ewig bleibenden Wirklich-Alten um Grass und Freunde und den ewig jungen sogenannten Popschreibern, viel zuwenig mediale Aufmerksamkeit zuteil wird, obwohl sie die besseren Bücher schreiben, was sie hier in diesem Manifest noch einmal geloben, und sie wollen sich "Neue Mitte" nennen und einem "Relevanten Realismus" verpflichten. Die "Zeit" druckt das als Aufmacher ihres Literaturteils.
Es ist wirklich nicht zu glauben
Es ist wirklich nicht zu glauben, was in diesem Stillstandsland alles möglich ist! Bitte, wie oft haben wir jetzt von Herrn Politycki dieses Manifest gelesen? Seit wie vielen Jahren schreibt er den gleichen Text? Kam er als entschlossen leidender 78er, eingezwängt zwischen den Generationen, schon auf die Welt, oder sind wir irgendwie später dazugekommen? Und seit wann schreibt Peter Handke bitte diese eine Serbien-Betrachtung und erntet die immergleichen Reaktionen? Seit zehn Jahren? Fünfzehn?
Gleichzeitig bereitet die gesamte alte Generation, von denen man vor ein, zwei Jahren schon dachte, sie veröffentlichten so langsam - "Letzte Grüße", "Letzte Tänze" - ihre letzten Bücher, gerade die Herausgabe ihrer kompletten Lebens-Tagebücher vor. Kempowski will nach und nach alles drucken lassen, von Walser erscheinen im Herbst die ersten frühen Bände, Grass erinnert sich schreibend an sein frühes Leben, Rühmkorf wird die nächsten zwanzig Jahre mit der Edition der eigenen Tagebücher beschäftigt sein, und auch von Handke erscheint in drei Wochen ein Tagebuchband.
Rückschau, Wiederholung, Ewigkeit. Politycki-Verdrossenheit. Die Wiederkehr des Immergleichen, und wir, die Leser, mittendrin.
Machen die sich über die Leser lustig?
Gleichzeitig haben wir uns noch immer kaum von diesem lähmenden Frühjahrsprogramm erholt. Von all diesen Büchern der jungen und mitteljungen deutschen Autoren, in denen Köpfe hängen, Nebel fallen, Menschen warten, warten, warten, warten, bis wieder einmal nichts passiert. "Irgendwann würde in seinem Leben einmal etwas ganz Furchtbares und Schreckliches passieren, dachte er, nur jetzt nicht, jetzt würde es nicht passieren", sagt der Ich-Erzähler ganz am Ende eines über hundertfünfzig Seiten langen Buches des Autors Rainer Merkel, in dem fast nichts geschehen war, und man fragt sich bei diesem wie bei all den anderen Stillstandsbüchern - ja machen die sich über die Leser lustig? Das echte Buch, das mit dem einen, großen Erlebnis, das haben sie schon lange in der Hinterhand und plänkeln mit leeren Büchern nur so vor? Und was ist es - dieses eine große Erlebnis? Ist es diese eine große, dazwischenfahrende, demokratieverlachende, konservative Revolution, die der jungrechte Kitschier Uwe Tellkamp in seinem Frühjahrsbuch "Der Eisvogel" herbeigeschrieben hat? Was ist es? Statt Leere? Was? Zeigt her!
Es bleibt nichts anderes übrig, als dort zu suchen, wo jener Uwe Tellkamp im letzten Jahr entdeckt und messianisch gefeiert worden war (Uwe Tellkamp gewinnt Ingeborg-Bachmann-Preis), an jenem Ort, mit dem wir eigentlich abgeschlossen hatten, weil er der aufbruchsfernste Ort der Welt zu sein schien in den letzten Jahren. Wo Langeweile und Routine, Weltenferne, Betriebsklüngelei und schnelle Zufriedenheit herrschten - in Klagenfurt. Beim Bachmann-Wettbewerb. Was wurde dort in diesem Jahr gelesen? Nur das interessiert uns. Nur dieses eine: Was wird geschrieben? Ist hier ein kleiner Ausweg, ein Ausblick wenigstens zu finden aus dem ewigen Stillstand in der Literatur? In Klagenfurt 2005?
Man muß nicht dabeisein in Klagenfurt
Man muß nicht dabeisein in Klagenfurt, um zu wissen, was geschieht, um zu wissen, was gelesen wird. Man muß die Rituale auch nicht im Fernsehen verfolgen. Am besten ist es, man lädt sich in der ausgelosten Reihenfolge Text für Text aus dem Internet herunter und liest. Für sich. Und man liest also von Nikolai Vogel, da kommt es noch nicht so recht in Gang, und es geht um einen Wasserschaden, der dem Ich-Erzähler in seiner Wohnung widerfährt wegen der Unachtsamkeit der alten, hilflosen Dame über ihm, und es ist nur der Auftakt eines Aus-den-Fugen-Geratens der kleinen Wohnungswelt, souverän erzählt und klar, aber doch ein wenig unzwingend, ein bißchen zu sehr bachmannpreisig ausgedacht. Julia Schoch, die zweite Vortragende, liest eine Preußen-Brasilien-Geschichte, liest den Reisebericht einer blassen brandenburgischen Biographin des Reitergenerals von Zieten und der Fürstin von Liegnitz, die ins brasilianische Leben gerissen wird, in ein kommunistisches Wollen, männliches Begehren, und die, an ihren alten Preußen haltlos zerrend, langsam versinkt. Im Amazonas-Gebiet. Draußen, weit draußen. In der Nähe der Sonne, in der Welt.
Dann liest die erst zwanzigjährige Susanne Heinrich aus Leipzig, die gerade ihr Studium am Leipziger Literaturinstitut aufgenommen hat, und man kann nur hoffen, daß sie da nicht, wie so viele andere Absolventinnen, sich zu einer glatten, materialbeherrschenden, aber leeren Diplomschriftstellerin begradigen lassen wird, und sie hat eine Liebesgeschichte geschrieben, in der die Liebenden grünen Tee aus Tetrapaks trinken und Pflaumenschnaps und es einmal heißt: "Das Zimmer ist wenige Minuten lang aus Gold und voll von Luft ..." und so weiter und so weiter in einem endlos langen Satz, und der endet mit "ich weiß, daß er weiß, was ich sagen werde, weil das so ist und nur hier so ein kann und weil ich niemals aufhören will, mich Leander zu erzählen". Und zwischendurch ist es aber leider wie all die anderen Geschichten aus dem Wartesaal des Lebens, wenn sie schreibt: "Ich will, daß etwas passiert, daß irgend jemand irgend etwas von Bedeutung tut", aber sie tut es einfach selbst, sie ist Bedeutung, Leben, so wie wir es lieben, und sie schreibt: "Ich gehe aus dem Haus ins Glühen, heute zügellos." Und ein wenig glüht dann auch ihr Text.
Und als dann gleich darauf ein Text des jungen, bosnischstämmigen Sasa Stanisic vom Balkan-Krieg aus Kinderspielsicht folgt - ein heikles Experiment, das nicht an allen Stellen gelingt, aber sicher sechzehnmal interessanter, gewagter, suchender, neugieriger als jedes neuere Handke-Einerlei ist, da ist man fast schon versucht, an eine neue Welthaltigkeit, eine neue Wichtigkeit, ein neues Den-Leser-ernst-Nehmen der neuen deutschen Literatur zu glauben. Dann folgt auch noch der in Hamburg geborene Kristof Magnusson, der von einer isländischen Wirtschaftsmagnaten-Familie erzählt, von der Macht, von der Rückkehr auf die Insel nach vielen Jahren, vom Ende einer schwulen Liebesgeschichte, von isländischen Tanzclubs. U-Bahn-Fahrern aus Manchester und dem Leben dort oben im Norden. Mit Sätzen wie: "Nachdem Matilda im kaffi gogo erzählte, auf welche spektakuläre Weise Dagur seine Sachen aus dem brennenden Haus gerettet hatte, bekamen wir umsonst ein Thule-Bier und einen nach Apfelkaugummi schmeckenden Schnaps." Danach tanzen sie auf die isländischen Rockklassiker Luftgitar und Loaloa. Das Ganze ist ein Romanauszug und so unterhaltsam geschrieben, daß wir vermuten, daß es der Jury zu unseriös vorgekommen sein wird. Uns egal. Ein schöner Text, ein schönes Talent. Wir freuen uns auf den Roman. Er wird "Zuhause" heißen.
Dann wird es ein wenig schwächer
Dann wird es ein wenig schwächer. Helmut Kuhn wagt viel mit der Geschichte eines genialischen Außenseiters aus Murnau, aus der bayerischen Provinz; die Schilderung seiner Geburt, einer kritischen Zangengeburt, bei der ein Gesichtsnerv durchtrennt wird, ist intensiv und stark, aber später verliert er sich doch sehr in eine schwere Kitschbedeutung, die er dem kleinen Wesen auflädt. Und der Text der darauf folgenden Natalie Balkow ist dann wiederum so glatt und souverän und sauber und aufgeräumt, daß er den Preisvergebern sicher gefällt, aber als Text leider doch sehr langweilig ist. Die Geschichte einer Einsamkeit und einer traurigen Sektflasche im Kühlschrank, die einmal im Jahr - zu Silvester - ausgetauscht wird, und einer plötzlichen Liebe dann zu einem Nachbarn, und der Sekt findet also zu seiner wahren Bestimmung und so. Das liest sich alles so gehaucht. Ganz schön. Aber ein bißchen auch egal.
So, und der zweite Tag war dann wieder eher so "Klagenfurt as usual", mit Texten, bei denen man nicht auf harten Publikumsbänken im dunklen Studiosaal sitzen muß, um mächtig ungeduldig zu werden. Selbstverliebte Kleinleidtexte, bei denen man schon gut versteht, warum die Autoren sie geschrieben haben, aber nicht, warum sie dafür ein Publikum suchen - und warum Juroren sie auswählen. Texte, bei denen man, wenn man sie liest, nur den einen Gedanken denkt: "Warum stiehlst du mir meine schöne, schöne Zeit?" Texte von einer Flucht - und man weiß nicht wohin, von einem Warten - und man weiß nicht worauf, von Passau - und man weiß nicht warum, von einem Großraumbüro, das der Autorin nicht gefällt, von einem Karpfen, der leider sterben muß. Immerhin - am dritten Tag geht es mit einer starken Vater-Sohn-Geschichte von Thomas Lang wieder ein wenig bergauf.
Bergauf, da wo die Sonne ist. Bergauf, da wo das Leben ist. Es gab also ein kleines Erwachen in Klagenfurt. Ein kleines Erwachen aus der großen Lähmung. Ein wenig Welt. Ein wenig Abschied vom Ewiggleichen. Siebzehn waren gekommen, um zu schreiben. Einige werden vielleicht sogar bleiben.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.06.2005, Nr. 25 / Seite 23
Bildmaterial: AP
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