Umberto Eco erklärte jüngst, ihn interessiere ein Autor nur als literarische Autorität und nicht als Privatmensch. Stimmen Sie dem zu?
Pamela C. Scorzin, Mailand
Hat das Eco wirklich gesagt? Ich kann es mir nicht recht vorstellen. Außerordentlich interessiert mich das Leben von Thomas Mann, Kafka oder Brecht, von Goethe, Hölderlin oder Kleist. Das ist doch selbstverständlich. Denn wer die Lebensgeschichte dieser Schriftsteller kennt, der versteht auch besser ihre Werke. Seit meiner frühen Jugend hoffe ich, daß man noch irgendwelche Papiere von Shakespeare finden werde. Daraus ist nun nichts geworden, wir müssen uns damit abfinden, daß wir über das Leben des wohl größten Dichters nichts oder so gut wie nichts wissen.
Erwarten Sie irgendwelche Auswirkungen der (unausgegorenen) Rechtschreibreform auf die gegenwärtige oder künftige Literatur?
Günther Hoinka, Hameln
Nein, ich glaube nicht, daß die Rechtschreibreform, wie immer sie ausfällt, in irgendeinem Sinne Einfluß auf die Schriftsteller haben wird. Es sollte ja gerade umgekehrt sein, daß also Schriftsteller Einfluß auf die Reform ausüben. Aber wahrscheinlich ist es schon zu spät.
Welchen zeitgenössischen deutschsprachigen Literaturkritiker lesen Sie mit Gewinn?
Björn Schroth, Frankfurt/Main
Thomas Anz (Universität Marburg), Ulrich Greiner (Die Zeit), Volker Hage (Der Spiegel), Jochen Hieber (F.A.Z.), Frank Schirrmacher (F.A.Z.), Renate Schostack (F.A.Z.), Ulrich Weinzierl (Die Welt), Uwe Wittstock (Die Welt). Übrigens: Alle diese Kritiker kommen aus der von mir zwischen 1973 bis 1988 geleiteten Literaturredaktion der Frankfurter Allgemeinen. In aller Bescheidenheit: Meine pädagogischen Bemühungen waren nicht vergeblich. Überdies schätze ich ganz besonders: Joachim Kaiser (Süddeutsche Zeitung), Gerd Ueding (Universität Tübingen) und vor allem Peter von Matt. Reicht das?
Mit Begeisterung habe ich Ihre Autobiographie gelesen. Ich hätte mich gefreut, wenn Sie das Buch mit Fotos aus Ihrem Leben versehen hätten. Gab es einen Grund, warum Sie dies nicht gemacht haben?
Oliver Bronisch, Mannheim
Selbstverständlich. Das Buch Mein Leben, veröffentlicht 1999, umfaßt 566 Seiten. Hätten wir Fotos hinzugefügt, wäre es noch dicker und entsprechend teurer geworden. Die Deutsche Verlagsanstalt, München, hielt es daher für ratsam, meiner Autobiographie im Jahre 2000 ein zweites Buch (und in größerem Format) folgen zu lassen: Marcel Reich-Ranicki. Sein Leben in Bildern. Eine Bildbiographie. Herausgegeben von Frank Schirrmacher. Übrigens ist der in großer Auflage erschienene, beinahe 300 Seiten umfassende Band noch nicht vergriffen.
Warum haben so viele Menschen, selbst wenn sie an Literatur interessiert sind, Angst vor Franz Kafka?
Reinhard Metzger, Kassel
In meinem Bekanntenkreis gibt es, soweit ich informiert bin, niemanden, der Angst vor Kafka hätte. Und ich selber habe mich noch nie vor genialer Literatur gefürchtet, nicht einmal vor den Romanen von Dostojewskij oder den Erzählungen von Edgar Allan Poe. Aber Sie werden schon Gründe haben, eine solche Frage zu stellen. Vielleicht handelt es sich um Menschen, die versucht haben, Kafka zu lesen, rasch gescheitert sind und sich jetzt etwas genieren. Oder vielleicht haben sie Angst, von ihm durchschaut zu werden.
Ihre Fragen schicken Sie an Sonntagsfrage@faz.de oder Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Stichwort Sonntagsfrage, Mittelstraße 2-4, 10117 Berlin.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.07.2005, Nr. 29 / Seite 24
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb
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