Rezension

Gespräch mit dem Schweiger

Von Heinrich Detering

16. März 2006 Es gibt bislang keine Biographie über Siegfried Lenz. Denn aus welchen Quellen sollte man schöpfen? Das wenige, was Lenz öffentlich über sein Leben preisgegeben hat, ist „lückenhaft, wiederholt sogar irreführend“, er bleibt „ein Schweiger, wenn es ums Persönliche geht“. Erich Maletzke, der das nüchtern konstatiert, ist der Nachbar des Schriftstellers in dessen holsteinischer Wahlheimat. In geduldigen Gesprächen hat er den Schweiger zum Reden gebracht. Und er hat doch über der persönlichen Nähe die kritische Distanz nicht verloren. Beides zusammen prägt das Porträt, das er nun zu Lenz' Geburtstag verfaßt hat und das auch eine nützliche Einführung ins Werk und dessen höchst wechselhafte Rezeptionsgeschichte gibt.

Knapp und anschaulich wird von der ostpreußischen Herkunft des Autors berichtet und von der eigentümlich abwesenden Gestalt des Vaters, von Hitlerjugend, Wehrertüchtigungslager und Marine, von der Desertion in den letzten Kriegstagen und der Arbeit als Dolmetscher für die englischen Truppen und natürlich von der lebenslangen Liebesgeschichte zwischen Lenz und seiner (vor kurzem verstorbenen) Ehefrau Liselotte - „die Geschichte von Philemon und Baucis könnte im Haus Lenz erfunden worden sein“. Er schildert den Aufstieg des Autors im Hamburg der Nachkriegszeit, die produktive Halbdistanz zur Gruppe 47.

Glaubwürdige Distanz

Gerade hier gewinnt das Porträt manchmal überraschende Konturen. Maletzke erzählt von den Freundschaften mit Helmut Schmidt und seinem linken Antipoden Jochen Steffen, mit Günter Grass, dem lange fernen Bruder im Geiste, und einem Kritiker: „Mit keinen anderen Menschen - abgesehen von seiner Frau - ist Siegfried Lenz so eng umschlungen durchs Leben gegangen wie mit Marcel Reich-Ranicki.“ Manchmal erführe man gern noch etwas mehr, vom diskreten Beistand für den vereinsamenden Wolfgang Koeppen etwa. Aber auch hier ist es ersichtlich die melancholische Bescheidenheit des Porträtierten, die der Neugier Grenzen setzt - und dann ihrerseits in seinen Gesprächsnotizen sehr plastisch wird: „Immer dann, wenn ein Satz zu Ende ist, sagt Siegfried Lenz ,ach, ja'.“

So zurückhaltend Maletzke im Biographischen bleibt, so deutlich ist er im Urteil, darum ist auch sein Lob glaubwürdig. Wer einen so klaren Blick hat für „Texte, die besser nicht geschrieben worden wären“, dem vertraut man bereitwillig, wenn er auch an vergessene Glücksmomente erinnert und Unterschätztes rehabilitiert. Vor allem Lenz' vielzitierten „Pakt mit dem Leser“ verfolgt Maletzke in seinen sympathischen wie in seinen heiklen Nuancen. Gegen das Klischee vom Liebling der Leser erinnert er daran, wie manche „gut organisierten Heimatvertriebenen und Marinekameradschaften“ Lenz zum Feindbild gemacht haben. Wenn er die ungleichmäßigen Versuche mit Hörspiel, Fernsehspiel und Drama mustert und „Deutschstunde“, „Heimatmuseum“ und „Arnes Nachlaß“ als bedeutende Romane würdigt, dann verschweigt er auch ihre Schwächen nicht. Und er läßt wenig Zweifel daran, daß die Meisterschaft des Siegfried Lenz sich am freiesten in den kleinen Formaten entfalten kann: in den Geschichten aus Suleyken und Bollerup (die auch dafür entschädigen, daß die Romane zuweilen „ohne Spuren von Heiterkeit oder Humor“ bleiben), in Erzählungsbänden wie „Einstein überquert die Elbe bei Hamburg“ und „Das serbische Mädchen“ und in den Reisebildern der Sammlung „Zaungast“. Fast nebenbei zeigt er, wie der Moralist in der Filmerzählung „Ein Kriegsende“ der Tendenz zur Botschaft widersteht und eine neue Askese der Kunstgriffe und der expliziten Urteile entwickelt, die er erst im Spätwerk wieder erreicht. Lenz selbst hat sein Verhältnis zum Geschichtenerzählen mit dem Ausdruck „Selbstversetzung“ resümiert. Das Wort verrät mehr, als es sollte. Wer so spricht, will von sich wegkommen, will seine Biographie zum Verschwinden bringen. Es ist Maletzkes von Sympathie getragenem Buch zu danken, daß er die Selbstversetzungen nicht einfach rückgängig macht, sondern eine Balance wahrt zwischen Autorporträt und Werkschau, Neugier und Diskretion.

Erich Maletzke: „Siegfried Lenz“. Eine biographische Annäherung. Verlag zu Klampen, Lüneburg 2006. 204 S., geb., 16,80 [Euro].



Text: F.A.Z., 17.03.2006, Nr. 65 / Seite 34
Bildmaterial: Verlag

 
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