Von Monika Osberghaus
16. Juni 2006Das bislang neueste Opfer heißt Robert Steinhäuser. Der Amokschütze von Erfurt hat unser Land schon vor vier Jahren erschüttert, aber es dauert seine Zeit, diesem Ereignis mit einem Jugendbuch hinterherzuschreiben.
Daß ein solches Buch kommen mußte, und nicht nur eines, war klar. Im Fall Steinhäuser sind es mindestens vier Romane, die den Vorfall unter anderem Täternamen für junge Leser erklären und nacherzählen. Es scheint sich hierbei um einen Reflex zu handeln: Immer wenn in diesem Land etwas geschieht, das Anlaß zur Beunruhigung über die Jugend gibt, kommt bald darauf das entsprechende Jugendbuch auf den Markt.
Zwei Jahre wird es wohl noch dauern, bis wir auch das Buch über den Rütli-Schulhof lesen können. Bis dahin wird uns der Lesestoff zum Thema Gewalt in der Schule aber nicht ausgehen: Eine Anfrage bei den einschlägigen Verlagen brachte an die dreißig Titel zutage, die den zahlreichen Lehrern der SekundarstufeI, die nach Klassenlektüre zu diesem Thema suchen, angeboten werden. Wer im Unterricht nicht gerade die Taschenbücher durchkauen muß, die schon die Eltern lasen, etwa Rolltreppe abwärts oder Die Welle, der kommt derzeit um das Thema Gewalt nicht herum.
Im Angebot sind, unter anderem, folgende Schicksale: das Mädchen, das einen polnischen Mitbürger krankenhausreif geschlagen hat. Der Schüler, der dauernd Pornos und Splatterfilme guckt und langsam zum Gewalttäter wird. Der notgeile Hip-Hop-Fan, der versucht, sich auf die Oberweite seiner Mitschülerinnen, sein ödes Alltagsleben und diverse Körperflüssigkeiten einen Rap-Reim zu machen. Der Junge, der zuviel trinkt, weshalb er sich auf jeder dritten Seite übergeben muß. Und immer Robert Steinhäusers jugendliterarische Nachfolger. Fast in jedem dieser Bücher gibt es mindestens einen Toten. Und die Erwachsenen? Die fallen meist aus oder machen den Kindern Sorgen - wie es eine der vielen Unterrichtshilfen ausdrückt.
Es sind lauter Elendstexte, sie erzählen auf erbärmliche Weise von erbärmlichen Zuständen. Macht es wenigstens Leuten aus der Zielgruppe Spaß, so etwas zu lesen? Ich gebe dem siebzehn Jahre alten Sohn meines Freundes das Hip-Hop-Buch. Er ist noch gar nicht zu der Stelle vorgedrungen, in der es um Hanas schaukelnde Kürbisse geht, da gibt er mir das Buch mit den Worten Sorry, aber den Mist kann ich nicht lesen zurück. Und geht wieder in sein Zimmer; zu dem leisen Gewummer seiner Counterstrike- Kämpfe setze ich meine Lektüre fort. Ginge es nach der schlichten Logik dieser Bücher, müßte der Knabe eigentlich demnächst schnurstracks vom Computer zum Jagdwaffenschrank seines Vaters marschieren und uns dann alle niederballern, zumal er ja auch, wie so viele der Buch-Täter, im ganz normalen Chaos einer Patchworkfamilie lebt.
Parallel zu dem Kampf auf den Schulhöfen gibt es auch einen Kampf der Verlage um die Aufmerksamkeit der Lehrer. Das Thema Schülergewalt scheint ein Einstiegsfenster zu sein zu dem sonst fest geschlossenen Raum, in dem die Klassensätze der Schullektüren lagern. Viele Lehrer sind überarbeitet und kaum offen für den Einsatz neuer Bücher, die ja nicht nur angeschafft, sondern auch für den Unterricht aufgearbeitet werden müssen. Nur die Wacheren unter ihnen suchen nach Aktualität. Wenn der Verlag dann gleich die Vorbereitung einer ganzen Unterrichtseinheit mitliefert - um so besser.
Viele Jugendbuchverlage haben daher Lehrerportale im Internet, bieten ganze Stundenausarbeitungen und Kopiervorlagen zum Herunterladen an. Ein Schüler muß heutzutage eine Menge Arbeitsblätter abheften. Das Buch Amok von Manfred Theisen zum Beispiel lädt ein zum ABC-Spiel: viele freie Linien, an deren Anfang die Buchstaben des Alphabets stehen. Auf der ersten Zeile wird A mit mok ergänzt. Die Linien B bis Z soll der Schüler mit Wörtern füllen, die ihm zu Amok einfallen. Ein solches Spiel findet ein Siebtkläßler von heute bestimmt genauso cool wie ich vor fünfunddreißig Jahren in der Sonntagsschule, wenn es damals auch nur um Bibelverse ging.
Andere Ideen sind origineller: Die Schüler, die das Buch über den jungen Alkoholiker lesen, sollen in einen Schreibwarenladen gehen und ein Poster erwerben, auf dem amerikanische Brückenarbeiter des vorigen Jahrhunderts abgebildet sind. Und das nur, weil der betrunkene Held einmal einen Brückenbogen erklimmt und dabei von den schwindelfreien Indianern spricht, bevor ihm erneut übel wird. Nun wird mancher Schüler lieber einkaufen gehen als auftragsgemäß über die jedem Kapitel vorangestellten Wut-Texte reden. Die stammen offenbar von der Tochter des Autors und sind sehr peinlich. Nach dem sechsten Wut-Text und den entsprechenden Schülerbearbeitungsvorschlägen bin ich heilfroh, aus dem Alter herauszusein, in dem man beim Lesen eines Buches per Rollenspiel darstellen muß, wie sich die Oma der Hauptfigur fühlt.
Diese Problembücher kommen daher wie eine endlose Reihe sich kraftlos dahinschleppender, weil sozialpädagogisch aufgeweichter Struwwelpeter. Der stand 1845 stark und trotzig auf seinem Buchumschlag, und er stand dort für drastische, bildstarke, knappe Warngeschichten ohne Gefühlsgesülze, mit einem weiteren entscheidenden Unterschied: Er wandte sich an kleine Kinder und nicht an Vierzehnjährige. Diese baden nun die Sache doppelt aus, falls das vulgärpsychologische Erklärungsmuster der Geschichten zutrifft. Dort sind die jugendlichen Täter durchweg Opfer der Erwachsenen, vorrangig ihrer Eltern. Da man aber Erwachsene im Gegensatz zu Schülern nicht zum Lesen verdonnern kann, wird die entsprechende Therapie-Literatur wiederum den Jugendlichen verordnet. Das ist nicht nur unfair und widersinnig, es erzeugt auch verständliche Leseallergien.
Nun interessieren sich junge Menschen ja für Gewalt: Neben der Sexualität und dem Tod ist sie eine der faszinierendsten festen Größen, mit denen man sich während der Pubertät beschäftigt, und zwar eigentlich gerne - einer der Gründe, warum das Angebot an Büchern dazu so groß ist. Nur kommt es auf das Wie an. Jugendliche spüren die gönnerhafte und zum Teil auch herablassende Haltung, die hinter der Verabreichung der Gewalttherapie-Literatur steht. Wer solche Bücher mag, braucht starke Reize, ekelt sich gerne, mag Obszönitäten und merkt es nicht, wenn man ihm mit Klischees und Banalitäten kommt. Dieses Leserprofil ergibt sich zwangsläufig nach der Lektüre von fünfzehn der etwa zwanzig Titel meines Stapels.
Die restlichen fünf finden sich in einer Mogelpackung: eine Kiste, auf der ein Springmesser und ein Schlagstock abgebildet sind. Du bist der nächste! droht die Beschriftung. Und dann kommt die positive Enttäuschung - es ist einfach nur Literatur darin, nicht mehr und vor allem nicht weniger. Die Verlage dtv und Hanser haben die Kiste mit Büchern gefüllt, die im weiteren Sinne mit unserem Thema in Zusammenhang stehen, aber nicht zum Zweck der Schülerverbesserung geschrieben wurden.
Darunter sind die beiden kühlsten und erregendsten Romane, die es derzeit zum Thema gibt, Evil von Jan Guillou und Nicht Chicago. Nicht hier von Kirsten Boie. Zwei Bücher, deren einzige Gemeinsamkeit darin besteht, daß sie keine klare Lösung anbieten, aber dafür Impulse zu intensiven Gesprächen geben. Unterrichtsmodelle sind als Köder für die Lehrer auch beigegeben, und auch hier sind sie teilweise albern. Wer Guillou oder Boie liest, braucht ohnehin keinen bemüht kreativen Anstoß zum Drüber-Reden. Er wird einfach nur weiterlesen wollen, ob in der Schule oder außerhalb.
Er wird dann nicht allzu viele Bücher für junge Leser finden, die ähnlich fesselnd und intelligent von Gewalt erzählen. Echte Literatur läßt sich glücklicherweise nicht in eine gewünschte Richtung zwingen. Vielleicht stößt sie ohnehin in diesem Punkt bei Schülern an die Grenzen ihrer Wirkungsmacht. Gewaltbereite Jugendliche sind bestimmt mit einem dynamischen, körperbetonten Theaterprojekt nach drei Tagen näher an dem, was sie umtreibt, als nach drei Halbjahren mit schlechtgeschriebenen Büchern.
Text: F.A.Z., 17.06.2006, Nr. 138 / Seite 41
Bildmaterial: Bertelsmann, dtv, Hanser, picture-alliance/ dpa/dpaweb