Erst Friedens-, nun Nobelpreis: Orhan Pamuk

Nobelpreis 2006 für Pamuk

Die beste Entscheidung seit Jahren

Spezial Wie einst Solschenizyn steht Orhan Pamuk an der Zeitmauer der Kulturen. Er selbst sieht sich als einen „verwestlichten Beobachter“ der islamischen Welt. Die Verleihung des Literaturnobelpreises an den türkischen Schriftsteller ist die beste Entscheidung des Nobelpreiskomitees seit Jahren. Von Frank Schirrmacher.

Lesermeinungen zum Beitrag

13. Oktober 2006 13:52

Kritik oder eigene Meinung?

EroY Cibil (Lysandus)

Reine Politik kann man das alles nennen was manche Leute mit Pamuk erreichen wollen.

Wissen hier paar Leute, daß die Türkei alte osmanische plus neue Archive für alle geöffnet hat und gebeten Frankreich&Armenien das gleiche zu machen, um dieses Problem zu lösen? Was haben diese 2 Länder gemacht? Nichts

Was Pamuk gesagt hat war nur seine Theorie zum Thema.

Viele haben paar Worte über Kritik geschrieben. Um etwas zu kritisieren muß man die 2 Seiten von einer Sache kennen. Pros & Contras. Einseitige Kritik ist nicht mehr als eine eigene Meinung.

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13. Oktober 2006 11:22

Ich freue mich für Orhan Pamuk

Egemen Öztan (megoon)

Ob die Schwedische Akademie jemals eine Verleihung bekanntgeben wird, die jede oder jeden zufriedenstellen kann, ist fraglich; so eine Mission haben sie auch nicht.
Wenn es sich dabei um den Literatur-Nobelpreis handelt, sollte man aber zumindest einige Bücher von dem Preisträger gelesen haben, bevor man in aller Eile die Entscheidung kommentiert.
Deveut, Sie sprechen ein Thema an, wogegen in der türkischen Öffentlichkeit mit allen Mitteln un an allen Fronten hart gekämpft wird. Das schlimme daran ist, dass die meisten, die denken, sie haben eine Meinung darüber, wissen nicht mal, was Sie wirklich meinen, wenn sie sich fortan gegen stimmen. Es sind für sie nur Begriffe mit bildlichen Darstellungen, denen sie seit der Gründung der Republik der Türkei hilflos ausgeliefert sind.

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13. Oktober 2006 11:19

Stereotypische Rezeptionen

Stefan Weber (Weberst)

Es ist interessant mit welchen stereotypischen Denkmustern Kommentatoren einem muslimischen Nobelpreisträger begegnen, wie etwa Frank Schirrmacher, der sich in einer Zeit "religiöser Kulturkriege" sieht. In den Romanen Pamuks geht es um sehr spezielle Kulturkonflikte in der Türkei. Sie sind Ausdruck multipler Identitäten einer komplexen Gesellschaft mit einer reichen Geschichte. Pamuk ist eben nicht "… Autor der modernen, amerikanisierten jungen Eliten von Ankara und Istanbul". Der moderne Islamismus, denn Pamuk in seinem Roman "Schnee" thematisiert, ist eine viel jüngere Erscheinung, als die säkulare Mittel- und Oberschicht in den großen Städten, vor allem Istanbul, die ihren Ursprung tief im 19. Jahrhundert haben. So ist auch festzuhalten, dass "Freiheit, Autonomie und Menschlichkeit" weder der Westen, noch der Westen eine Religion ist. Ferner sind es meist säkulare aber ultranationalistische Kreise, die Pamuk angreifen und vor Gericht schleppen - weniger die Islamisten in der Türkei. Das Werk Pamuks zeigt Vielschichtigkeit und Komplexität, "Rationalität und Reflexion". Dr. Stefan Weber, Beirut

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13. Oktober 2006 08:48

Wahrheit und Beleidigung ?

Markus Teuber (arathorn)

Die von augenscheinlich türkischen(-stämmingen) Kommentatoren/innen vorgehaltenen angeblichen "Beileidigungen" der Türkei zeigen,"wie weit" große Teile der türkischen Gesellschaft tatsächlich sind.
Es ist das selbe Horn,in das Rechtsradikale zB in Deutschland
(aber auch anderwo auf der Welt) mit Vorliebe stoßen:
so wie hier die Wahrheit über die Schandtaten des III. Reiches
werden dort die Schandtaten aus der türkischen Vergangenheit verleugnet oder -wenn das nicht mehr geht-
als Beleidigung klassifiziert.
Man müße nur die Türkei/das Türkische "Beleidigendes"
äußern und schon "klappt's auch mit dem Nachbarn".

Dabei,meine Damen und Herren,handelt es sich um nichts
mehr oder weniger als um die (historische) Wahrheit.
Offenbar aber ist die Türkei nicht reif -nicht für die westliche Welt,schon gar nicht für die Wahrheit.

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13. Oktober 2006 08:28

Nobelpreis für Pamuk

Frank Morgenstern (Ingenieur49)

Dieser Nobelpreis ist doch ein reines Politikum.
In Zeiten aufgewühlter Diskussionen um das Verhältnis der islamischen Welt zu unseren westlichen Werten dient dieser Preis nur als beruhigender Baldriantropfen für die ach so leicht beleidigte islamische Seele.

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13. Oktober 2006 07:10

Ein wenig Selbstkritik

Derya Yalimcan (devekut)

@ sigfridgenc, Das Pamuk als Doenmeh bezeichnet wird, ist schlichtweg Antisemitismus, der leider auch in der Türkei in der letzten Zeit leider immer stärker wird. Jeden Türken, der beauptet, es gab kein Massaker an der Armeniern, empfehle ich mal die geschichtlich festgehalten Tatbestände um Ali Kemal zu lesen. Der Gouvaneur von Sandchak Bogazliyan hat 1919, um eventuellen Armenieraufstände entgegenzuwiken, im Auftrag der damaligen Regierung vorsorglich die Armenier durch einen angezettelten Volksaufstand töten lassen. Darauf sind viele der Nachkommen heute noch stolz. (diese Region wählt übrigens seit Jahrzehnten immer die rechsgerichtetsten Parteien) Unabhängig davon wie die armenischen Partisanen reagiert haben, rechtfertigt dieses Vorgehen kein Völkermord an der eigenen Bevölkerung. Dafür kann es absolut keine Rechtfertigung geben. Es mag für uns Türken oder deutsch-türken falsch erscheinen, wie die EU gegen die Türkei politisch vorgeht. Trotzdem besteht die Tatsache weiterhin, dass die 1. Meshrutiyet Regierung der Osmanen mehrere Massaker an schutzbefohlenen begangen hat. Es sollte endlich die Zeit kommen, die eigene Geschichte aufzuarbeiten. Pauschale Leugnung ist da der falscher Weg.

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13. Oktober 2006 02:12

Doppelmoral der EU

Emre Ertürk (HSCD)

Als Pamuk von dem türk. Staat angeklagt wurde, da schreiten die EUropäer auf! Man behauptete, daß die Meinungsfreiheit heilig sei.

Gut, einverstanden. Aber heute hat Frankreich ein Gesetz eingebracht, daß man dafür verurteilt wird, wenn man diesen sog. "Völkermord" nicht anerkennt! Für diese Einschränkung der Meinung gibt es keine Proteste. Das ist für mich eine Doppelmoral.

Wo bleibt da die Meinungsfreiheit?

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12. Oktober 2006 21:56

Militärvokabular

Alexander Kerlin (Kerlin)

Die Entscheidung, Herrn Pamuk den Literaturnobelpreis zu verleihen mag eine gute sein. So oder so kann die Begründung dafür aber nicht sein, daß er an einer "Front" in einer "amerikanisierten" Minderheit in einer Umgebung aus Schurken und islamisitischen Gewalttätern das Banner der "westlichen Idee" nochhält. Mein Gott, Herr Schirrmacher, was sind Sie ideologisch. Sätze wie: "Genau genommen tun wir das" (nämlich ständig den Islam zu verstehen) wirken so lächerlich, daß man sie fast schon blank stehen lassen könnte, sie entlarven sich von selbst. Wo verstehen denn Sie, Herr Schirrmacher, bitte schön ununterbrochen "den Islam"? Wofür dieses Militärvokabular? Und können Sie es nicht endlich lassen, untergründig gegen Jelinek zu schießen (die wirklich beste Entscheidung, die das Nobelpreiskomittee seit langem getroffen hat!)? Mich interessiert ganz ehrlich, was in diesen Diskursen über "West" gegen "Ost/Islam" genau bezweckt wird, an so renommierter Stelle wie der FAZ.

Alexander Kerlin, Bochum

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12. Oktober 2006 21:21

Jelinek läßt grüßen

Willi Krüger (WKrueger)

So, wie vor zwei Jahren nach der Verleihung des Literaturnobelpreises ein großer Teil der österreichischen Bevölkerung, angeheizt und sekundiert von der "Kronen-Zeitung," Neid und Verachtung über Elfriede Jelinek ausschütteten, so reagiert man heute scheinbar auch in der Türkei. Bereitschaft, Kritik anzunehmen? Fehlanzeige. Da ist es schon einfacher, den unliebsamen Kritiker als Nestbeschmutzer und Vaterlandsverräter abzukanzeln oder gar ominöse Kräfte und "machtpolitische" Interessen herbeizufantasieren. Schade, schade! In der Türkei ist man doch sonst auf alles so stolz. Wieso kann man sich jetzt nicht ein wenig über einen heimischen Nobelpreisträger freuen?

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12. Oktober 2006 21:09

Vielen Dank!

Davut Deletioglu (beobachter100)

Sehr geehrter Herr Tuengerthal,

ehrlich, ein sehr schöner kommentar von ihnen, der die sachlage sehr genau auf den punkt bringt! schön, dass es noch leute mit solch einem sachverstand wie ihrem gibt!

auch wenn es der eindruck etwas schwammig ist, aber diese entscheidung wird den zunehmenden - positiven - veränderungen in der türkei helfen. leider nur fiel die entscheidung an einen tag, an dem frankreich dem türkisch-armenischen konflikt einen "bärendienst" erwiesen hat. wie dumm diese parlamentarier in paris doch sind. die türkische regierung versucht seit jahren auf informeller basis eine annäherung an armenien, trotz heftigster widerstände. alles für die katz. danke frankreiche!
aber vielleicht kann der preis an orhan pamuk einen kleinen teil dieses schadens kompensieren. zu hoffen wäre es!

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12. Oktober 2006 21:03

Gibt es nicht

Marc Müller (Krzyzak)

Allen denen, die es immer noch nicht verstanden haben´, möchte ich noch einmal zurufen:

Es gibt keine Täter erster und zweiter Klasse und es gibt keine Opfer erster und zweiter Klasse. Zumindest im Tod "sollten" wir alle gleich sein. Und ich fände es an der Zeit in der ganzen Europäischen Union den Völkermord an den Armeniern zu ächten und das Leugnen dieses Völkermords unter Strafe zu stellen, damit solch eine radikal fast schon faschistisch anmutende Demonstration wie in Berlin am 18. März diesen Jahres sich in Deutschland und Europa nicht mehr wiederholen kann.

Es gibt genug Beweise, Fotos und Augenzeugenberichte aus dieser Zeit, die beweisen, daß es sich um einen klaren Fall von Völkermord handelte.

Glückwunsch an Orhan Pamuk zum Literaturnobelpreis. Endlich bekommt ihn mal einer, der verknöcherte Strukturen aufbricht und seinen Landsleuten mit gutem Beispiel voran geht.

Und bevor es jemandem einfällt: Ich verachte jeden Mord. Sei er aus religiösen, ideologischen oder sonstigen Gründen geschehen.
Für mich gibt es wie gesagt keine Opfer erster und zweiter Klasse. Und ich muß einem Vorredner zustimmen: Wer das nicht begreift, der ist im Land des Grundgesetzes noch nicht angekommen.

Marc Müller

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12. Oktober 2006 19:14

Freudenfest und Offenbarung

jens tuengerthal (jenstuengerthal)

Ein Freudentag für die türkische Literatur, aber die Freude der sich beleidigt fühlenden Stolzen hält sich in Grenzen. Ein Zeichen für die fehlende Annäherung an den Konsens europäischer Werte daraus zu lesen wäre überzogen und erinnern wir uns wie manche Deutsche insbesondere der hanseatischen Fraktion verschnupft bis beleidigt auf das Erscheinen der Buddenbrooks reagierten.

Die offiziellen Verlautbarungen türkischer Verbände schäumen nicht gerade vor Begeisterung, geben sich aber doch erfreut über die Anerkennung türkischer Kultur. Auch der englische Jubel über Pinter hielt sich in Grenzen. Die türkische Regierung freut sich über die inhärente Anerkennung des Türkentums, das soll sie.

Vielleicht ermöglicht der Nobelpreis in Phasen aufgeladener Provokationen eine konstruktive Besinnung auf die eigene Geschichte, macht der Stolz der Anerkennung ein Bekenntnis zur eigenen Schuld möglich bringt die Türkei wieder ein Stück stärker an unsere Kultur des Diskurses, und so nach Europa...

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12. Oktober 2006 19:11

Veraltete Ehrbegriffe

Reinhard Klepsch (klepsch)

Die Leserbriefschreiber wie ("Spitze! Große Chance...)) argumentieren mit einem Ehrbegriff, den ich nie begreifen werde. Historische Fakten anzuerkennen ist doch sehr befreiend für eine Gesellschaft. Ich als Deutscher stehe zu den Verbrechen meiner vorigen Generationen obwohl ich von persönlicher Schuld völlig frei bin.
Was soll das ständig sich angegriffen fühlen, wenn man einen Angehörigen des Volkes angreift. Meine Indentität begründet sich doch nicht auf die Zugehörigkeit zu einem Volk oder einer Volksgruppe.
Die türkischen Reaktionen erinnern mich an Diskussionen mit Jugendlichen aus der Straßenszene, die auch jede kritische Äußerung, anstatt abstrakt darüber zu diskutieren, sofort persönliche Angriffe vermuten.
Die Leserbriefe auf dieser Seite bestärken mich wieder in der eigentlich schon aufgeweichten Meinung, dass die türkische Gesellschaft und ihre Migranten in Deutschland in großen Teilen noch nicht im Land des Grundgesetzes angekommen sind. "Wollen Sie die Türkei beleidigen????" Was für ein Schwachsinn!

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12. Oktober 2006 18:53

Gute Entscheidung

Fabian Lange (fablange)

Mehrere der vorhergehenden Beitraege beklagen, dass man nur mit Kritik an der Tuerkei Preise gewinnen koenne.
Es ist nun einmal so, dass das Aussprechen unbequemer Wahrheiten und das Angehen unangenehmer Tabus weit interessanter und auch bedeutsamer ist als blosse Lobhudelei der eigenen Gesellschaft. Dies gilt auch fuer Preistraeger anderer Laender als der Tuerkei: Grass fuer Deutschland, Toni Morrison im Falle der USA, etc... .
Diese Preisverleihung ist nicht eine Art Belohnung dafuer die Tuerkei zu "beleidigen" oder zu "erniedrigen", sondern zu recht die Ehrung eines Schriftstellers, der eben die unbequemen Tabus der Tuerkei anspricht - darunter auch den Voelkermord an den Armeniern.

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12. Oktober 2006 17:42

Spitze! Große Chance für alle Türken!!!

Sibel Gurbet (SibelG)

Ich als Türkin finde es toll, dass Orhan Pamuk den Nobelpreis erhalten hat. Dies zeigt mir nämlich, dass ich auch einen Nobelpreis erhalten kann!! Ich muss nur etwas schreiben worin ich die Türkei beleidige und erniedrige, dann liegt mir auch schon die ganze Welt zu Füßen. Orhan Pamuk hat es toll gemacht und hat ein ganz schlaues Köpfchen. Was soll ich denn da noch sagen?? Bravo Orhan Pamuk!!!

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