Nobelpreis 2006 für Pamuk

Die beste Entscheidung seit Jahren

Von Frank Schirrmacher

12. Oktober 2006 Die Verleihung des Literaturnobelpreises an den türkischen Schriftsteller Orhan Pamuk ist die beste Entscheidung, die das Nobelpreiskomitee seit Jahren getroffen hat. Pamuk, so die Jury, habe neue erzählerische Symbole für den Zusammenprall und die Verflechtung der Kulturen gefunden. Das klingt bieder. Aber erst in der offiziellen Begründung merkt man, welches Ziel die Jury mit dieser Begründung verfolgt. Sie, der alle Worte zur Verfügung gestanden hätten, zitiert Huntingtons einflußreichen Buchtitel und wählt damit den aktuellsten und zugleich militantesten Begriff unserer Zeit: Pamuk zeige Verflechtung und den „Clash of civilizations“ - den Kampf der Kulturen.

Vergleichbar ist diese Auszeichnung mit der Verleihung des Literaturnobelpreises an Alexander Solschenizyn im Jahre 1970. Damals stand die Welt im Zeichen eines bipolaren, ideologischen Konflikts. Jetzt ist sie in das Zeichen religiöser Kulturkriege eingetreten. Wie Solschenizyn steht Pamuk an der Zeitmauer der Kulturen. Im Interview mit dieser Zeitung sah er sich selbst als einen „verwestlichten Beobachter“ der islamischen Kultur. Als solcher wurde er bedroht und sogar vor Gericht gestellt, als er in der Türkei vom Völkermord an den Armeniern sprach.

Ohne den Westen wäre Pamuk undenkbar

Doch die Linie läßt sich noch weiter ausziehen: Ohne den Westen, ohne das, wofür unsere Kultur steht und was sie an Rationalität und Reflexion hervorgebracht hat, wäre Pamuk undenkbar. Er ist der Autor der modernen, amerikanisierten jungen Eliten von Ankara und Istanbul - wie gut, daß es diese Eliten gibt! Sie sind, wie auch Pamuk selbst, die äußerste Front unseres westlichen Lebensstils und seiner Überzeugungen. Nicht nur wir müssen den Islam verstehen. Das tun wir ja in Wahrheit unentwegt - bis hin zur Selbstaufgabe. Die islamischen Kulturen müssen sich endlich bemühen, uns zu verstehen. Ehe man jetzt wieder vom „Dialog der Kulturen“ redet und davon, daß Pamuk orientalische Erzählfreude mit westlicher Skepsis verbinde, sollte eines klar sein: Pamuk ist der Westen, sofern damit Freiheit, Autonomie und Menschlichkeit gemeint ist.

Der Nobelpreis an Solschenizyn hat nicht den Kommunismus ruiniert, und der Preis an Pamuk wird, leider, nicht den Islamismus aushöhlen. Doch Pamuk hat jetzt im Westen enorme Autorität. Er müßte die Grenzen zeigen, die unsere Welt von der Welt ihrer Todfeinde trennt.

Von Orhan Pamuk sind bislang sechs Bücher auf Deutsch erschienen und lieferbar:

„Der Blick aus meinem Fenster. Betrachtungen“, Essays (Carl Hanser Verlag, München, 2006)

„Schnee“, Roman (Carl Hanser Verlag, München, 2005)

„Rot ist mein Name“, Roman (Carl Hanser Verlag, München, 2001, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main, 2004)

„Das neue Leben“, Roman (Carl Hanser Verlag, München, 1998, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main, 2000)

„Das schwarze Buch“, Roman (Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main, 1997)

„Die weiße Festung“, Roman (Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main, 1990)



Text: F.A.Z. vom 13. Oktober 2006 / S.1
Bildmaterial: AP, ddp, dpa

Literatur-Nobelpreis

Wanderer, kommst du nach Stockholm

Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk wollte eigentlich Maler werden. Doch er wurde Dichter - einer, in dem sich die Gegensätze zwischen der Türkei und Europa berühren. Über den Schriftsteller und sein Werk.

Orhan Pamuk

Verflochtene Kulturen

Nur so scheint sich das Projekt der islamischen Moderne in die Wirklichkeit überführen zu lassen: indem man Stimmen wie der von Orhan Pamuk auf internationaler Bühne höchste Reputation verleiht.

Türkische Reaktionen

Unser Erster

In der Türkei sind die Reaktionen auf die Nobelpreis-Entscheidung unterschiedlich ausgefallen. Die einen feiern Orhan Pamuk, die anderen geben die Neuigkeit kommentarlos bekannt.

Literatur

Nobelpreis für Orhan Pamuk

Im Vorjahr der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, nun der Literaturnobelpreis: Mit Orhan Pamuk erhält erstmals ein Autor aus der Türkei den Preis. Der Geehrte zeigte sich erfreut und besorgt zugleich.

Nobelpreis-Reaktionen

Türkei und Armenien freuen sich gemeinsam

In Armenien ist die Vergabe des Literaturnobelpreises an Pamuk mit Genugtuung aufgenommen worden. Auch türkische Verbände in Deutschland zeigen sich erfreut: Reaktionen auf Pamuks Ehrung.

Literatur

Nobelpreis an Orhan Pamuk

Der Nobelpreis für Literatur geht an den türkischen Autor Orhan Pamuk. Das teilte die Schwedische Akademie am Donnerstag in Stockholm mit. Der Schriftsteller ist 54 Jahre alt. Der Preis ist mit 1,1 Millionen Euro dotiert.

FAZ.NET-Spezial

Bekenntnisse eines Unpolitischen: Pamuk und der Friedenspreis

Spezial Vorzugsweise ging der Friedenspreis an Intellektuelle, deren Nennung die großen Konfliktlinien des zwanzigsten Jahrhunderts aufruft. Orhan Pamuk hat den Preis gewiß verdient. Politisch ist die Zuerkennung indes nicht.

Türkische Justiz

Verfahren gegen Pamuk eingestellt

Die Türkei hat das umstrittene Verfahren gegen den Schriftsteller Orhan Pamuk wegen „Beleidigung des Türkentums“ eingestellt. Der EU galt der Prozeß als Test für die Haltung des Landes zur Meinungsfreiheit.

Orhan Pamuk

Ich werde sehr sorgfältig über meine Worte nachdenken

Im ersten Interview seit Zuerkennung des Friedenspreises spricht der Schriftsteller Orhan Pamuk über sein neues Buch, sein Verhältnis zur Türkei und über eine Politik, die Literatur braucht.

Literatur

Gutgläubig - Orhan Pamuks Friedenspreisrede

In seiner Dankesrede hat Friedenspreisträger Pamuk keinen Zweifel an seiner Haltung gelassen: Er glaube nicht an ein Europa, das sich ohne die Türkei definiere. Welchen Preis Europa für einen EU-Beitritt der Türkei zu zahlen hätte, ließ er offen.

Pamuk-Rede

„Glaube nicht an ein Europa ohne die Türkei“

Europa sei für einen Türken „einzweischneidiges Thema“, sagte Friedenspreisträger Pamuk nach seiner Ehrung. Er selbst kann sich kein Europa vorstellen, das sich ohne die Türkei definiere. „Schließlich spielt mein Lieblingsverein Fenerbahce schon seit meiner Kindheit im Europapokal.“

Türkei

Orhan Pamuk: Vor meiner Gerichtsverhandlung

Er wird beschuldigt, die Türkei verunglimpft zu haben, der Staatsanwalt fordert drei Jahre Haft: Der Schriftsteller und Friedenspreisträger Orhan Pamuk über seinen Prozeß, die Armenien-Frage und türkische Widersprüche.

Türkei

Prozeß gegen türkischen Schriftsteller Orhan Pamuk

Das von der Europäischen Union (EU) kritisch verfolgte Verfahren gegen den türkischen Schriftsteller Orhan Pamuk ist am Freitag vertagt worden.

Auszeichnung

Friedenspreisträger Pamuk kritisiert deutsche Politiker

Der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk, der am Sonntag den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennahm, hat in seiner Dankesrede deutschen Politikern vorgeworfen, gegen seine Heimat Stimmung zu machen. Pamuk warb für einen EU-Beitritt der Türkei.

Völkermord an Armeniern

Französische Nationalversammlung nimmt Genozid-Gesetz an

Die Leugnung des Völkermords an den Armeniern soll in Frankreich mit bis zu einem Jahr Haft und Geldstrafe belegt werden. Die Nationalversammlung votierte für den Gesetzentwurf, armenische Intellektuelle warnen, die Türkei droht mit Sanktionen.

Literatur

Warnung vor der Türkei

Von Mädchen in Kopftüchern und dem sogenannten „politischen Islam“ handelt das jüngste Buch des türkischen Schriftstellers Orhan Pamuk. Er zeichnet ein Bild seines Landes, das Europa unbekannt ist.

Rezension: „Schande“

Die unheimliche Kraft

Nichts in diesem herausfordernden Buch ist nur schwarz, und einzig der Schnee, der unaufhörlich darin fällt, scheint weiß und rein. Wer diese Reinheit bewundert, sollte sich vor Schneeblindheit hüten.

Rezension: „Das neue Leben“

Wenn einer hielte und führte mich zum Ararat

Die Staatsbürgerschaft der Poesie: Der junge türkische Schriftsteller Orhan Pamuk zeigt Europa, was Erzählen heißt. Von Thomas Steinfeld

Rezension: „Rot ist mein Name“

Vom Himmel durch die Welt zur Hölle

Orhan Pamuk führt in seinem 1998 im Original erschienenen großen Roman den Leser vom Himmel durch die Welt zur Hölle und durch ein buntes historisches Panorama, das sich vom ärmlichen Teehaus bis zum Palast des Padischah erstreckt. Von Ernst Osterkamp

Literatur

Die Nobelpreisträger der letzten Jahre

Von Octavio Paz bis Doris Lessing: Eine Liste der Literaturnobelpreisträger 1990 bis 2007.

FAZ.NET-Spezial

Die Nobelpreise 2006

Spezial Die Träger der Nobelpreise im Jahr 2006 werden in diesen Tagen ernannt. Ein FAZ.NET-Spezial nennt die Namen der Preisträger und beleuchtet die außergewöhnlichen Leistungen in ihren Disziplinen.

Harold Pinter

Der eingebildet Dramatische

Spezial Mit ihrer Verleihung des Literaturnobelpreises an Harold Pinter fügt die Schwedische Akademie ihrer komischen Liste peinlicher Fehlentscheidungen eine weitere hinzu. Pinters Stücke sind zuletzt immer blässer, dümmer und hohler geworden. FAZ.NET-Spezial.

Nobelpreisträgerin Jelinek

Beschimpft und gefeiert

Spezial Elfriede Jelinek hat den Literaturnobelpreis 2004 erhalten: eine höchst überraschende, doch gute Wahl. Eine radikalere, unbequemere Autorin hätte man kaum finden können. Interviews, Porträts und Reaktionen.

Literatur

Nobelpreis 2003 für J. M. Coetzee

Spezial Der Literatur-Nobelpreis 2003 geht an den Südafrikaner J. M. Coetzee. Dies gab die Schwedische Akademie bekannt. Coetzee stelle „in zahlreichen Verkleidungen die überrumpelnde Teilhabe des Außenseitertums dar“.

Auszeichnung

„Einer der letzten“ - Imre Kertész bekommt Literatur-Nobelpreis 2002

Der ungarische Autor Imre Kertész erhält den Literatur-Nobelpreis 2002. Als Jugendlicher überlebte er die Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald.

Literatur-Nobelpreis 2001

Humanist der Moderne - V.S. Naipaul

Der britisch-indische Autor V.S. Naipaul erhält den Literatur-Nobelpreis. Die Bekanntgabe stieß auf Überraschung und Zustimmung.