12. Juni 2007 Kein amerikanischer Präsident des 20. Jahrhunderts ist in Europa und zumal in Deutschland so sehr missverstanden worden wie Ronald Reagan. Der Ex-Schauspieler galt vielen als Politiker mit beschränkten intellektuellen Mitteln. Nicht nur von der Friedensbewegung wurde dieser Hauptdarsteller in dem Wirklichkeitsfilm Duell am Ende des Kalten Krieges gar als die größte Gefahr für den Frieden gebrandmarkt, als seniler Cowboy, der mit einer unbedachten Bewegung den Weltenbrand würde entzünden können.
Als Reagan am 5. Juni 2004 starb, wurde der 40. Präsident in fast allen Nachrufen als einer der größten Staatsmänner des 20. Jahrhunderts beschrieben. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Gallup nach Amerikas größtem Präsidenten 2001 nannten 18 Prozent Reagan; es folgten John F. Kennedy und Abraham Lincoln. Auch in anderen Umfragen und in Ranglisten von Historikern liegt Reagan stets auf den vorderen Plätzen - in der Gesellschaft von historischen Leuchttürmen wie George Washington, Abraham Lincoln, Woodrow Wilson und Franklin D. Roosevelt.
Stöbern in einer historischen Fundgrube
Als Verfasser von Tagebüchern über die Arbeit und das Leben im Weißen Haus ragt Reagan in jedem Fall heraus. Kein anderer Präsident des vergangenen Jahrhunderts führte so regelmäßig Tagebuch; außer Reagan brachten nur noch Washington, John Quincy Adams, James K. Polk und Rutherford B. Hayes Abend um Abend die politische und persönliche Ernte jedes einzelnen Tages zu Papier.
Reagans Tagebücher umfassen fünf in hellbraunes Leder gebundene Bände im Format 28 mal 22 Zentimeter, eng in seiner kleinen, aber gut leserlichen Handschrift beschrieben. Die Bände, versehen mit dem Siegel amerikanischer Präsidenten und der schlichten Aufschrift Ronald Wilson Reagan in goldenen Lettern, werden seit Jahr und Tag in der Ronald-Reagan-Präsidentenbibliothek - einer Mischung aus Museum, Archiv und Forschungsstätte - in Simi Valley nahe Los Angeles aufbewahrt. Der Historiker Douglas Brinkley hat jetzt eine umfassende Auswahl herausgegeben (The Reagan Diaries, HarperCollins, New York 2007), und die Lektüre wird zum Stöbern in einer historischen Fundgrube über einen Mann und eine Epoche, über die trotz unzähliger Bücher und Dokumentationen noch lange nicht alles gesagt ist.
Reagan führte seine Tagebücher in äußerster Diszplin, wann und wo immer er Zeit fand, meistens jedoch abends - im Weißen Haus, in Camp David, auf seiner geliebten Rancho del Cielo nahe Santa Barbara in Kalifornien, in Hotelsuiten, an Bord des Präsidentenflugzeuges Air Force One. Einzig an jenen Tagen, an denen Reagan im Krankenhaus war - etwa nach dem Anschlag des verwirrten John Hinckley vom 30. März 1981, dessen Kugel Reagans Herz nur um knapp drei Zentimeter verfehlte -, kam der Präsident seiner selbstauferlegten Pflicht nicht nach. Er notierte aber später minutiös, was sich an den Fehltagen zugetragen hatte.
Schlichte, oft protokollarische Prosa
Den Entschluss, dass Reagan vom ersten bis zum letzten Tag seiner achtjährigen Präsidentschaft vom 20. Januar 1981 bis zum 20. Januar 1989 ein Tagebuch führen sollte, fassten Nancy und Ronald Reagan gemeinsam noch vor dem Einzug ins Weiße Haus. Reagan hatte während seiner Amtszeit als Gouverneur Kaliforniens in Sacramento von Januar 1965 bis Januar 1973 kein Tagebuch geführt. Die Jahre in Sacramento flogen so rasch vorbei, pflegte Nancy Reagan Freunden gegenüber zu klagen. Dieser Fehler sollte den Reagans nicht noch einmal unterlaufen.
Auch Nancy führte Tagebuch im Weißen Haus, eher sporadisch freilich, doch ihre Eindrücke und Gedanken werden nach Auskunft der einstigen First Lady niemals ans Licht der Öffentlichkeit gelangen. Reagans inzwischen 85 Jahre alte Witwe versicherte dieser Tage, dass ihr geliebter Ronnie sein Tagebuch strikt für sich selbst geführt und dabei nicht auf eine mögliche spätere Publikation oder gar auf sein Vermächtnis geschielt habe. Er wäre aber einverstanden und würde sich gewiss geschmeichelt fühlen, wenn er von der Publikation seiner Tagebücher erführe, sagte sie.
Die schlichte, oft protokollarische Prosa spricht für die Sichtweise, dass Reagan seinen Tagebuchdialog tatsächlich nur mit sich selbst führte, obschon bei einer historischen Gestalt wie dem mächtigsten Mann der (freien) Welt nie ausgeschlossen werden kann, dass er bei jeder Zeile auch an künftige Leser denkt und das Rollenkorsett der historischen Selbstinszenierung nie ganz ablegen kann. Reagan erscheint in seinen Tagebüchern als aufrichtiger, fürsorglicher, tiefgläubiger und gottesfürchtiger Mensch, der außer der Freiheit nichts und niemanden auf der Welt so sehr liebt wie seine Frau Nancy. Und der nichts so sehr verabscheut wie den Kommunismus und hohe Steuern.
Morgen höre ich auf, Präsident zu sein
Daneben stehen ungezählte Einträge, in welchen Reagan den Endkampf gegen den Kommunismus, den Beginn der Perestrojka und des Wandels in Polen sowie die Abrüstungsverhandlungen mit Moskau schildert. Als so fundamental empfindet Reagan das Ringen um einen Frieden im Nahen Osten, dass er mehrfach in dem Zusammenhang seine Sorge vor dem Weltuntergang zum Ausdruck bringt: Manchmal frage ich mich, ob wir dazu verdammt sind, Armageddon zu erleben, notiert er am 15. Mai 1981.
Gedanken über Michail Gorbatschow, mit dem Reagan bald eine Beziehung des Vertrauens verbindet, und über andere politische Führer (Margaret Thatcher bezeichnet er 1981 als Turm der Stärke) stehen neben Bemerkungen über führende Demokraten und Republikaner, über Freunde sowie über die Kinder, mit denen es manchen Zank gibt. Wahnsinn ist erblich. Man bekommt ihn von seinen Kindern, heißt es 1984 nach einem Streit mit Tochter Patti, die sich nicht länger vom Secret Service schützen lassen will. Abends schaut sich Reagan häufig Kinofilme an, am Wochenanfang tut er sich besonders schwer mit dem vollgestopften Terminkalender: Ich mag Montage nicht, heißt es am 21. September 1981. Ein Fluch fließt ihm nie aus der Feder, er schreibt allenfalls verd...t und zur H...e.
Am vorletzten Tag seiner Amtszeit heißt es lakonisch: Morgen höre ich auf, Präsident zu sein. Und nach der Vereidigung seines Nachfolgers George H. W. Bush am 20. Januar 1989 auf den Stufen des Kapitols notiert Reagan: George ist jetzt Präs. & ich bin Ex. Vom Kapitol geht es mit dem Hubschrauber zum Luftwaffenstützpunkt Andrews und schließlich ein letztes Mal mit Air Force One heim nach Kalifornien. Am Flughafen Los Angeles, so endet der letzte Eintrag, einige Musikkapellen... Barbara Logan sang God Bless Am. Dann nach Hause & der Beginn unseres neuen Lebens.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP, dpa, picture-alliance / dpa