08. Juli 2005 Samstag in einer Woche ist Weihnachten. Mitten im Sommer erwartet der Buchhandel den Heiland. Harry Potter, die sechste Lieferung, kommt als Originalausgabe auch auf den deutschen Markt.
Man erinnere sich an das vorletzte Jahr, da hatte es der fünfte Band der Zauberlehrlings-Saga als erstes englischsprachiges Buch überhaupt auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste gebracht - und sich fünf Wochen auf dieser Position behauptet. Von keinem Buch hat die Branche in den sieben Jahren, seit HP erstmals über uns kam, so profitiert.
Ungekrönte Königin
Die schottische Autorin J.K. Rowling ist nicht nur selbst vom alleinerziehenden Aschenputtel zur ungekrönten Königin aufgestiegen, sie hat auch Millionen von jungen Lesern mit in die Welt der Literatur genommen. Bislang deutet nichts darauf hin, daß sich an dieser mit allen Marketinginstrumenten befeuerten Erfolgsgeschichte irgend etwas ändern sollte. Außer, daß sie eventuell mit dem siebten Band zu Ende gehen könnte.
Nie zuvor waren die Erstauflagen so hoch wie in diesem Durchgang. Der amerikanische HP-Verlag Scholastic startet mit historisch einmaligen 10,8 Millionen Exemplaren in den Vereinigten Staaten, allein der Online-Buchhändler Amazon meldet eine Million Vorbestellungen, die deutsche Filiale immerhin mehr als hundertausend. Aber statt daß allgemeine Heiterkeit ausbräche, dämmert der Branche, was das Trojanische an diesem Pferd sein könnte, das nun in den Handel geschoben wird.
Preisschlacht um Potter
Preisschlacht um Potter läßt den Handel bluten, titelte diese Woche das Branchenmagazin Buchreport. Das war zwar einerseits eine halbwegs pfiffige Anspielung auf den Halbblut-Prinzen, den Band sechs im Titel führt, eröffnete aber dann doch eine bekannte Klage: Vor lauter Dumpingpreisen werde nichts mehr verdient sein.
Vom empfohlenen Ladenpreis (24,90 Euro, die Preisbindung greift nicht bei ausländischen Büchern) sind auch die deutschen Angebote schon beinahe vierzig Prozent entfernt: 15,75 Euro verlangen Weltbild und der Bertelsmann Club, nur fünf Cent mehr Hugendubel und Amazon. Die Rabatte sind somit nochmals höher als beim fünften Band, der Gewinn schrumpft weiter. Lockvogel- und Mitnahmeeffekte dürften das ausgleichen, mitten in der Urlaubszeit sind die Buchhandlungen sonst leer.
Wohin die Reise geht
Aber ein anderer, unheimlicherer Schatten bleibt. Der Zauberlehrling zeigt schon jetzt sehr genau, wohin die Reise geht, wenn der Preisbindungsdamm einmal brechen sollte: in die fünfte Jahreszeit, die nur noch Rabatte kennt. Und in eine Zeit, in der einige wenige Titel zu Schicksalsbüchern der Publikumsverlage werden können.
Noch geht es den gewohnten Gang. Die deutsche Übersetzung kommt mit einer Startauflage von zwei Millionen Exemplaren preisgebunden am 1. Oktober. Sie wird das zweite Weihnachtsgeschäft dieses Jahres einläuten. Was allerdings nach dem siebten Band passieren wird, könnte am ehesten Professor Sibyl Trelawny vorhersagen, aber diese Romanfigur ist unglücklicherweise auf Todesfälle spezialisiert.
Text: hhm / F.A.Z., 09.07.2005, Nr. 157 / Seite 33
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