02. Mai 2007 Heute Abend beginnt Orhan Pamuk seine Lesereise durch Deutschland in Hamburg. Im F.A.Z.-Interview spricht der Nobelpreisträger über sein neues Buch, Istanbul, die Gründe für seine Reise-Absage im Februar sowie die politische Stimmung in seiner Heimat.
Heute Abend beginnt in Hamburg Ihre Lesereise durch Deutschland. Sie werden aus Ihrem jüngsten Buch Istanbul lesen. Sind Sie einverstanden, wenn ich sage, dass dieses Buch eine große Liebesgeschichte erzählt?
Ich möchte meine Beziehung zu Istanbul nicht melodramatischer oder spektakulärer darstellen, als sie ist. Aber ich glaube, ich habe in meinem Buch deutlich gemacht, dass Istanbul mich erschaffen hat. Wenn ich sage, dass ich Istanbul liebe, ist das so selbstverständlich, als würde ich sagen: Ich liebe meinen Körper. Ich bin so sehr ein Teil dieser Stadt, dass die Metapher von der Liebesbeziehung, die gewiss nicht falsch ist, die Sache doch nicht vollständig trifft.
Unter welchen Umständen ist dieses Buch entstanden?
Unter ungewöhnlichen. Nie zuvor habe ich ein Buch mit ähnlicher Geschwindigkeit geschrieben. Es entstand in nur vierzehn Monaten in einem regelrechten Kreativitätsausbruch. Das hat vermutlich dazu beigetragen, dass viele Leser Istanbul als mein persönlichstes Buch empfinden.
Wie wurde das Buch in Istanbul selbst aufgenommen?
Die Aufnahme war, wie bei all meinen Büchern in der Türkei, sehr freundlich. Allerdings habe ich diesmal den größten Anklang bei Lesern meiner Generation gefunden. Das Istanbul der jüngeren
Generation ist längst nicht mehr so melancholisch, traurig und schwarzweiß wie die Stadt meiner Jugend. Das heutige Istanbul ist viel farbenfroher, sonniger und fröhlicher. Mein Buch endet 1974. In den 33 Jahren, die seither vergangen sind, ist die Stadt aufgeblüht, sie ist reicher geworden, und es kommen heute auch viel mehr Touristen. Aber um die Wahrheit zu sagen: Die inneren Widersprüche Istanbuls, die Kluft zwischen Arm und Reich, die kulturellen Konflikte - all das ist heute größer als damals.
Sie holen jetzt die Lesereise nach, die Sie nach der Ermordung Ihres Freundes Hrant Dink kurzfristig abgesagt hatten. Warum wollten Sie im Februar nicht nach Deutschland kommen?
Wissen Sie, man muss Morddrohungen nicht übermäßig wichtig nehmen, wenn man in meinem Teil der Welt lebt. Sie treffen mehr oder weniger regelmäßig ein. Aber ich musste erkennen, dass solche Drohungen nach dem Nobelpreis und der Ermordung Hrant Dinks anders wahrgenommen wurden. Die Medien waren völlig darauf fixiert. Ich machte mir keinerlei Sorgen um meine Sicherheit in Deutschland, aber ich war überzeugt, dass man mich zu diesem Zeitpunkt immer nur nach den Morddrohungen gefragt hätte. Das hätte der Sache mehr Gewicht verliehen, als sie verdient.
Kehren Sie nach Istanbul zurück?
Aber selbstverständlich! Ich bin doch nicht im Exil. Ich war vor kurzem in Istanbul und werde bald wieder hinfahren. Ich will meine Situation überhaupt nicht dramatisieren. Ich habe in Amerika unterrichtet, ich reise durch die ganze Welt, besonders seit der Nobelpreisverleihung, und ich habe viele Lesungen. Ich war weit weg vom Geschehen, von den politischen Spannungen in der Türkei.
Können Sie auf Ihren Reisen arbeiten?
Ja, ich arbeite unentwegt. Heute Morgen habe ich an den letzten Seiten meines neuen Romans Das Museum der Unschuld geschrieben; er wird wahrscheinlich im Herbst in der Türkei erscheinen.
Es hat in den letzten Tagen große Demonstrationen in Ihrer Heimat gegeben, zum Teil, wie man hört, von Frauen organisiert. Haben Sie bemerkt, dass ungewöhnlich viele Frauen - und zwar Frauen ohne Kopftuch - unter den Demonstranten waren?
Ich bin sehr erfreut, dass die Anhänger einer säkularen Türkei sich so eindrucksvoll zu Wort gemeldet haben, und noch mehr freut es mich zu sehen, dass so viele Frauen den Laizismus und Säkularismus verteidigen und für ihr Recht eintreten, ihre Kleidung selbst zu bestimmen und zu tragen, was immer ihnen gefällt und was immer sie wollen. Das ist ein gutes Zeichen: Die türkischen Säkularisten sind sich voll und ganz bewusst, dass sie einen Anspruch darauf haben, in einer säkularen Gesellschaft zu leben.
Das Militär hat deutlich signalisiert, dass es diesen Anspruch schützen will. Droht der Türkei ein Putsch?
Um den Säkularismus in der Türkei zu verteidigen, bedarf es nicht der Hilfe des Militärs. Und all jene, die sich unter die Teilnehmer dieser großen und eindrucksvollen Demonstrationen gemischt haben, um ein Eingreifen des Militärs zu propagieren, haben die Idee des Säkularismus beschädigt. Diese Idee ist eng mit der Demokratie und den Menschenrechten verbunden. Wir können die säkulare Türkei nicht ohne Demokratie und Menschenrechte verteidigen. Es wäre ein Fehler, in dieser Situation den Schutz des Säkularismus von der Armee zu erhoffen. Der größte Schutz des Säkularismus ist weder die Armee noch eine andere Institution. Dieser Schutz liegt in der Demokratie, im Recht auf freie Wahlen, er liegt in den Bürger- und Menschenrechten.
Die Fragen stellte Hubert Spiegel
Text: F.A.Z., 02.05.2007, Nr. 101 / Seite 37
Bildmaterial: AFP