Zaimoglu gegen Özdamar

In Leylas Küche

Von Hubert Spiegel

Zaimoglu hat eine neue These

Zaimoglu hat eine neue These

09. Juni 2006 Akribisch malt Feridun Zaimoglu den Stammbaum seiner Familie auf ein Blatt Papier. Für jede Person, die hier aufgeführt wird, notiert er in Klammern einen zweiten Namen. Güzin ist auch Yasmin, Remzi ist auch Djengis, und Güler ist auch Leyla. Jede dieser Personen führt zwei Leben: eines in der Realität, das andere im Roman. Wenn nun die Biographie einer Figur im Roman in Zweifel gezogen wird, welche Folgen hat das für die reale Person, für ihr wirkliches Leben?

Fragen wie diese stellen sich, seitdem der Verdacht laut wurde, Feridun Zaimoglu habe für seinen im Frühjahr erschienenen Roman „Leyla“ bei seiner Kollegin Emine Sevgi Özdamar abgekupfert (Streit um den Roman „Leyla“: Özdamar gegen Zaimoglu). Hinter vorgehaltener Hand soll das Gerücht bereits seit Wochen im Literaturbetrieb kolportiert worden sein. Seit zehn Tagen beschäftigt der Fall auch die Feuilletons: Es ist ein seltsamer heißer Brei, der hier auf dem Tisch steht, und viele spitze Finger rühren mit Wonne darin herum.

Das einzig wahre Migrantinnenepos

Ein kalligraphisches Kunstwerk ist es nicht geworden, Zaimoglus Stammbaum seiner Familie, aber es ist das kuriose Dokument eines kuriosen Literaturstreits, der innerhalb der deutsch-türkischen Literaturszene um das Urheberrecht am einzig wahren Migrantinnenepos geführt wird. Bemerkenswerterweise findet die Auseinandersetzung erst jetzt statt, zu einem Zeitpunkt also, da die Literatur von Emine Sevgi Özdamar, Feridun Zaimoglu und anderen deutsch-türkischen Autoren nach langen Jahre der Dürre endlich den Sprung aus der Wüste der sogenannten Migrantenliteratur ins Gelobte Land des Mainstreams geschafft hat. Aber wem gebührt nun der Lorbeer für dieses Verdienst, der Pionierin oder dem Nachgeborenen? Gebührt er Emine, der Eroberin, oder Feridun, dem Vollender?

Das dürfte wohl die Kernfrage sein, die hinter dem Plagiatsvorwurf steckt, der aus juristischen Gründen unausgesprochen bleibt. Aber das böse Wort steht im Raum. „Einen infameren Vorwurf“, so Zaimoglu, „kann man einem Schriftsteller nicht machen. Plagiat - das ist das Schlimmste.“

Der Verleger kann nicht schlichten

Daß ein Plagiat im juristischen Sinn nicht gegeben sei, besagt ein Gutachten, das Kiepenheuer & Witsch in Auftrag gegeben hat, pikanterweise der Verlag von Zaimoglu ebenso wie von Frau Özdamar. Verleger Helge Malchow kann den Streit im eigenen Haus nicht schlichten. Aber ihm bleibt ein Trost: Wie offensichtlich können denn eigentlich die Gemeinsamkeiten zwischen zwei Büchern sein, wenn selbst der frühere Lektor Frau Özdamars sie nicht wahrgenommen hat?

Man muß also schon genau hinschauen, und Feridun Zaimoglu will das nun getan haben. Sechzig bis siebzig Prozent des vermeintlichen Belastungsmaterials, so sagt er im Gespräch, halte er für „wertlosen Krempel“. Andere Ähnlichkeiten erklärten sich dadurch, daß beide Bücher zur selben Zeit in einer anatolischen Kleinstadt, spielen und aus einem gemeinsamen kulturellen Fundus schöpfen. Aber es bleibe ein Rest, „der jeden Leser, der beide Bücher kennt, stutzig machen muß“.

Was ist die Quelle?

Zaimoglu nennt Beispiele wie die armenische Großmutter, das als verrückt geltende, sich Männern darbietende Nachbarsmädchen oder die im Finger der Schwester abbrechende Nähnadel, Motive, die sich in beiden Romanen finden. Tatsächlich, es gibt gravierende Ähnlichkeiten zwischen „Leyla“ und Özdamars 1992 erschienenem Roman „Das Leben ist eine Karawanserei hat zwei Türen aus einer kam ich rein aus der anderen ging ich raus“. Auf irgendeine Weise müssen diese beiden Bücher miteinander in Verbindung stehen, auf irgendeine Weise scheinen sie aus derselben Quelle geschöpft zu haben. Aber was ist diese Quelle?

Emine Sevgi Özdamar, so war zu hören, fühle sich von dem gut zwanzig Jahre jüngeren Kollegen um ihre Lebensgeschichte beraubt. Zaimoglu konterte, auch sein Roman beruhe auf einer realen Biographie. Jahrelang habe seine Mutter ihm Vorwürfe gemacht: „Du gehst zu fremden Menschen und schreibst ihr Leben auf. Aber du mußt zurück zur Familie und unsere Geschichten aufschreiben.“ Aus den vielstündigen Gesprächen, die Zaimoglu schließlich mit seiner Mutter Güler Zaimoglu geführt und auf Tonband aufgenommen hat, sei der Roman „Leyla“ entstanden. Zwei Bücher, zwei Leben und zweimal der Anspruch auf Einmaligkeit. So ist die Lage, dramatisch für die Betroffenen, undurchsichtig für den Beobachter. Ein Beweis ist in keiner Richtung zu führen, denn weil sich nicht nachweisen läßt, daß man ein Buch nicht gelesen hat, kann auch Zaimoglu nicht beweisen, daß sein Roman nicht von Frau Özdamars Werk zumindest beeinflußt ist. Was nun?

Haben die Frauen sich gekannt?

Vor zehn Tagen wollte Feridun Zaimoglu die vielleicht entscheidende Frage noch nicht beantworten. Sie lautet: Haben seine Mutter und Emine Sevgi Özdamar sich gekannt, existiert eine Verbindung zwischen den Familien Zaimoglu und Özdamar? Beide Frauen sind in der Kleinstadt Malatya geboren, da wäre es immerhin möglich, daß sie gemeinsame Jugenderlebnisse hatten oder dieselben Geschichten hörten, die damals dort kursierten. Und beide Frauen sind in den sechziger Jahren nach Deutschland emigriert.

Als Güler Zaimoglu vor etwa einem Jahr in Ankara die türkische Zeitung „Hürriyet“ aufschlug, stieß sie auf Fotos, mit denen stolz über Türken berichtet wurde, die es in Deutschland zu etwas gebracht haben. Als Mutter hatte sie nur Augen für das Foto ihres Sohnes, aber als sie ihrer Schwester Güzin die Zeitung brachte, zeigte diese auf ein anderes Foto und sagte: „Die kenne ich doch!“ Damals, so erzählt es jetzt Feridun Zaimoglu, sei die Bemerkung über die frühere Bekannte untergegangen, aber später, als seine Mutter erfuhr, wieviel Details aus ihrem Leben auch in Emine Sevgi Özdamars Roman zu finden sind, habe sie sich wieder daran erinnert und wollte von ihrer Schwester wissen, was sie mit der Frau auf dem Foto in „Hürriyet“ verbinde.

Erinnerung an vier Frauen

Güzin und ihre Schwester Huriser Cecen, die im Roman Yasmin und Selda heißen, wohnten Mitte der sechziger Jahren im Frauenwohnheim für Gastarbeiterinnen der Firma Siemens in der Stresemannstraße in Berlin. Güzin Cecen fungierte damals als eine Art Heimleiterin, das heißt, sie war dafür verantwortlich, daß die knapp zwanzig jungen Frauen, überwiegend Türkinnen, die Hausordnung einhielten. Jetzt zitiert Zaimoglu seine Tante wörtlich aus seinem kleinen schwarzen Notizbuch: „Es ist soviel Zeit vergangen, aber ich kann mich an vier der Frauen genau erinnern, weil sie sich anders verhalten haben als der Rest: zwei lesbische Schwestern, nicht sehr diskret, und Emine Sevgi Özdamar und ihre beste Freundin.“

Man habe abends nach der Arbeit zusammengesessen, und einsam, womöglich vom Heimweh geplagt, sei man halt zusammengerückt. „Was tun Türkinnen“, fragt Zaimoglu, „wenn sie zusammenrücken? Sie erzählen sich Geschichten. Das waren Migrantinnen der ersten Stunde. Alles war ihnen fremd, die Arbeit, die Fabrik, die Großstadt, die Kultur. Sie sprachen kein Deutsch, und wenn sie das Wohnheim verließen, waren sie wie taubstumm. So haben sie einander aus ihrem Leben erzählt, von Sehnsüchten, Ängsten, Träumen.“

Die Eroberin und der Vollender

Soll nun etwa der Spieß umgedreht werden? Hat also Frau Özdamar gestohlen, was sie damals aus dem Leben anderer Frauen gehört haben könnte? Zaimoglu lehnt sich mit der Grandezza des orientalischen Edelmanns im Sessel zurück: Nein, er mache der Kollegin keinerlei Vorwürfe, im Gegenteil. Vermutlich sei sie vollkommen ahnungslos: „Woher sollte sie wissen, daß Feridun Zaimoglu der Neffe von Güzin Cecen ist?“ Außerdem sei das alles vierzig Jahre her. „Emine Sevgi Özdamar sei meiner Wertschätzung versichert.“

Während Frau Özdamar jeden Kommentar ablehnt, erklärt ihr Verlag, sie habe „zu keinem Zeitpunkt Plagiatsvorwürfe“ erhoben. Daß sie tatsächlich in der Stresemannstraße gewohnt hat, wissen ihre Leser. Emine, die Eroberin, hat das Leben im Frauenwohnheim, dem sogenannten „Wonaym“, in ihrem Roman „Die Brücke vom Goldenen Horn“ vor acht Jahren bereits beschrieben. Feridun, der Vollender, dürfte in der geplanten Fortsetzung von „Leyla“ diesen Schauplatz kaum aussparen wollen. Wie sagte doch Stepanovic, der berühmte Frankfurter Fußballtrainer mit Migrationshintergrund? Lesen geht weiter!

Text: F.A.Z., 10.06.2006, Nr. 133 / Seite 41
Bildmaterial: dpa

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