23. Oktober 2005 Ein Bekenntnis zu Europa und zu engeren Bindungen der Türkei an die Europäische Union hat der Friedenspreisträger Orhan Pamuk nach der Ehrung abgegeben. Im folgenden Auszüge aus der Rede des türkischen Schriftstellers:
(...) Wir würden es heute als Manko empfinden, wenn ein deutscher Schriftsteller, der mit dem Anspruch aufträte, die deutsche Gegenwart abzubilden, die Türken in Deutschland und die ihnen entgegengebrachten Ressentiments in seinem Werk ganz einfach ausblendete. Und ich persönlich empfinde es als Manko, wenn ein türkischer Schriftsteller heute nicht auf die Kurden, auf die Minderheiten in der Türkei und auf die unausgesprochenen dunklen Punkte unserer Geschichte eingeht.
Die einem Schriftsteller angemessene Art von Politik ist nicht, wie vielfach angenommen, das Engagement für eine bestimmte politische Sache oder die Mitarbeit in einer Partei oder einer irgend gearteten Gruppierung. Sie entspricht vielmehr seiner Vorstellungskraft, seinem Vermögen, sich in andere hineinzuversetzen. Diese Kraft befähigt ihn nicht nur dazu, bisher nicht in Worte gefaßte Wahrheiten zu Tage zu fördern, sondern macht ihn auch zum Fürsprecher all derer, die sich kein Gehör verschaffen können und deren Wut nicht vernommen wird, sowie zum Sachwalter des unterdrückten, nie artikulierten Wortes. Der Schriftsteller kann auch, wie es mir in jungen Jahren erging, ohne ausgeprägte politische Neigung sein und ganz andere Absichten verfolgen. (...)
Ein sehr heikles, zweischneidiges Thema
Nun ist aber Europa für einen Türken ein sehr heikles, zweischneidiges Thema. Das hoffnungsfrohe Warten des Mannes, der an eine Tür klopft und um Einlaß bittet, die Neugier und zugleich die Angst, abgeweisen zu werden und die Wut darüber: All das geht mir wie den meisten Türken nie aus dem Sinn, und von da ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zur Scham. Jetzt, wo der seit dem ersten Aufnahmeantrag andauernde Prozeß des Wartens und Hoffens und der uneingelösten Versprechen so weit gediehen ist, daß ein Beitritt der Türkei zur Europäischen Union tatsächlich einmal wahr werden könnte, wird leider in Europa von gewissen gesellschaftlichen und politischen Kreisen immer mehr gegen die Türkei Stimmung gemacht.
Die Art und Weise, in der bei der letzten Bundestagswahl von manchen Politikern auf Kosten der Türkei und der Türken Wahlkampf betrieben wurde, finde ich nicht weniger gefährlich als das Gebaren mancher türkischen Politiker, die gegenüber dem Westen und Europa gerne auf Konfrontationskurs gehen. Es ist das eine, den türkischen Staat wegen seiner Demokratiedefizite oder seiner wirtschaftlichen Lage zu kritisieren, und es ist etwas anderes, die ganze türkische Kultur oder die türkischstämmigen Menschen herabzuwürdigen, die in Deutschland unter weit schwierigeren Bedingungen leben als die Deutschen selbst. Die Türken wiederum reagieren auf diese Verunglimpfungen mit der Empfindlichkeit des Abgewiesenen.
In Europa eine Türkenfeindlichkeit zu schüren, führt leider dazu, daß sich in der Türkei ein europafeindlicher, dumpfer Nationalismus entwickelt. Wer an die Europäische Union glaubt, sollte einsehen, daß es hier um die Alternative zwischen Frieden und Nationalismus geht. Hier liegt die Entscheidung, die wir treffen müssen. Frieden oder Nationalismus. Ich für mein Teil bin überzeugt, daß der Friedensgedanke das Herzstück der Europäischen Union ist und daß das Friedensangebot, das die heutige Türkei Europa macht, nicht ausgeschlagen werden darf. Zur Wahl stehen auf der einen Seite schriftstellerische Fantasie und auf der anderen Seite bücherverbrennender Nationalismus.
Fenerbahce schon seit meiner Kindheit im Europapokal
(...) Was die Türkei und die Türken Europa zu bieten haben, das ist in erster Linie Frieden, das ist der Wunsch eines muslimischen Landes, an Europa teilzuhaben, und das sind die Sicherheit und das Stärkepotenzial, die Europa und Deutschland gewinnen würden, sollte diesem friedlichen Anliegen der Türkei entsprochen werden. In all den Romanen, die ich in meiner Jugend las, wurde Europa nicht über das Christentum definiert, sondern vielmehr über den Individualismus. Europa wurde mir auf attraktive Weise durch Romanhelden vermittelt, die um ihre Freiheit kämpfen und sich verwirklichen wollen. Europa verdient Anerkennung dafür, daß es auch außerhalb des Westens die Werte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gefördert hat. Wenn Europa aber vom Geist der Aufklärung, der Gleichheit und der Demokratie beseelt ist, dann muss die Türkei in diesem friedliebenden Europa ihren Platz haben. Genau wie ein Europa, das sich nur auf das Christentum stützte, wäre eine Türkei, die ihre Kraft nur aus der Religion bezöge, eine die Realitäten verkennende, nicht der Zukunft, sondern der Vergangenheit zugewandte Festung.
Nun läßt sich unschwer vorstellen, daß jemand an die Europäische Union glaubt, der so wie ich in Istanbul in einer westlich orientierten, laizistischen Familie aufgewachsen ist. Schließlich spielt mein Lieblingsverein Fenerbahce schon seit meiner Kindheit im Europapokal. Millionen von Türken sind wie ich aus tiefstem Herzen davon überzeugt, daß die Türkei ihren Platz in Europa hat. Viel wichtiger aber ist, daß heute auch die große Mehrheit der konservativen religiösen Türken und deren politische Vertreter die Türkei in der Europäischen Union sehen und gemeinsam mit Ihnen an der Zukunft Europas mitwirken möchten. Es dürfte schwer sein, nach Jahrhunderte langen Kämpfen und Kriegen diese freundschaftlich ausgestreckte Hand zurückzuweisen, ohne es später einmal bereuen zu müssen. So wie ich mir keine Türkei vorstellen kann, die nicht von Europa träumt, so glaube ich auch nicht an ein Europa, das sich ohne die Türkei definiert. (...)
Text: dpa