Von Joseph Hanimann, Paris
06. November 2006 Innerhalb von acht Jahren hat die literarische Mittelmacht Frankreich zwei internationale Starautoren hervorgebracht - nach Michel Houellebecq nun Jonathan Littell, der mit seinem Roman Les Bienveillantes (siehe auch: Jonathan Littell: Leute, jeder ist ein Deutscher) an diesem Montag auch den Prix Goncourt zugesprochen bekommen hat (siehe auch: Prix Goncourt für Les Bienveillantes von Jonathan Littell). Zum Sirenengesang des Pariser Literaturbetriebs, dem solches gelingt, gehört auch Ächzen und Türschlagen, das selbst Teil der Melodie ist. Diesmal klingt sie besonders laut.
Nach der Vergabe des Femina-Romanpreises an Nancy Huston am vergangenen Montag wandte die Juryvorsitzende Diane de Margerie sich an ihre Kollegin Madeleine Chapsal: Sie habe nun die Wahl - austreten oder ausgeschlossen werden. Die Schriftstellerin Chapsal hat in ihrem gerade erschienenen Journal d'hier et d'aujourd'hui ausgeplaudert, wie bei der letztjährigen Femina-Jurysitzung die Karten vorverteilt waren. Eine unerträgliche Indiskretion, fanden die Femina-Damen: Chapsal wurde ausgeschlossen. Nur Jurykollegin Régine Deforges protestierte gegen solche stalinistischen Methoden und trat auf der Stelle selbst aus. Die Historikerin Mona Ozouf soll geweint, die Schriftstellerin Claire Gallois während der Abstimmung in einer Ecke verlegen geraucht haben. Die anderen acht Damen stimmten geschlossen für Rauswurf.
Eine Boshaftigkeit des Fayard-Chefs?
Als wäre das nicht genug, erscheinen nun pünktlich zur heutigen Goncourt- und Renaudot-Vergabe postum zwei Tagebuch-Bände des Literaten und ehemaligen Jurors Jacques Brenner. Aus der Preisküche (La cuisine des Prix, 1980 bis 1993) heißt einer der Bände, der auf über siebenhundert Seiten mit ungewohnter Detailgenauigkeit erzählt, wie es in den Jurys zugeht. Herausgebracht wurde das Buch bei Pauvert, einem Inprint von Fayard. Der Verdacht liegt nahe, es handele sich hier um eine Boshaftigkeit des Fayard-Chefs Claude Durand, der im vergangenen Herbst den schon eingeplanten Goncourt-Preis für den teuer eingekauften Houellebecq (siehe auch: Das letzte Tabu: Michel Houellebecqs Die Möglichkeit einer Insel) verfehlt hat.
Die Publikation von Jacques Brenners Journal ist ein Ereignis - nicht wegen der Bedeutung des Autors, sondern wegen seiner Beispielhaftigkeit dafür, wie Literatur gemacht wird. Der vor fünf Jahren verstorbene Brenner, mit wirklichem Namen Jacques Meynard, war zeitlebens Verlagslektor, hauptsächlich bei Grasset, Literaturkritiker bei wechselnden Medien, Roman- und Sachbuchautor und seit 1986 Mitglied der Renaudot-Jury: ein Modellfall also, wie man in Paris Rollen kumuliert. Als Kritiker ein Mann von phänomenaler Belesenheit, als Lektor aber bei Grasset bis zuletzt fürs Vorsortieren der täglich eingehenden Manuskripte zuständig. Als Mensch war er ein sich selbst verachtender Misanthrop, der immerfort mit Geldsorgen, Krankheitssymptomen, lärmenden Nachbarn, mangelnder Anerkennung zu kämpfen und als einzige Lebensfreude den täglich zum Tuileriengarten ausgeführten Hund hatte.
Alle Juroren im Dienst eines Verlags
Willst du den Großen Literaturpreis der Académie Française oder lieber eine Dienstwohnung ebendieser Akademie? - fragt ihn sein Chef bei Grasset eines Morgens per Telefon: Er könne beides erwirken. Brenner waren diese Spiele bestens bekannt. Das Hauptargument für die Erteilung der Goncourt-Unterstützungsprämie an den Schriftsteller Claude Roy sei dessen gerade überstandene Krebsoperation, kolportiert er im Dezember 1984 die Insiderspekulationen. Dennoch setzte er über Jahre hin alles dran, in die Renaudot-Jury zu kommen, denn er wußte: Nur das konnte seine persönliche Situation verbessern.
Unter der Masse der bei Grasset eingehenden Manuskripte leidend, war ihm stets klar, daß er nichts den dort ebenfalls tätigen Kollegen Alain Bosquet und Marcel Schneider abgeben konnte, denn sie waren nicht fürs Manuskriptlesen, sondern für die Einflußnahme als Mitglieder von Preisjurys bezahlt. Soll ich mich noch einmal im Traum wiegen? Für meine alten Tage wäre dann ausgesorgt, notiert er noch ein Jahr vor der Aufnahme in die Renaudot-Jury. Gleichzeitig verachtete er sich dafür, an diesen Machtspielchen teilzunehmen: Ich werde selbst ein Beispiel der Verlagsfummelei, doch stehen alle Juroren ja mehr oder weniger im Dienst eines Verlags. Daß die Literaturpreise oft mehr an einen Verlag als an einen Autor gehen, dafür sorgen die vier Dutzend meist auf Lebenszeit als Jurymitglieder ernannten Schriftsteller in den Preiskomitees Goncourt, Renaudot, Médicis, Femina, Interallié. Im ersten Wahlgang stimmen Sie für Ihr Lieblingsbuch, in den folgenden für Ihren Verlag! - lautete die Anweisung des Grasset-Lektoratschefs Yves Berger.
Zum Dank ein schlechter Erotik-Roman
Weitere Beispiele: Um sich beim Schriftsteller Alain Robbe-Grillet für sein Votum als Médicis-Preisrichter zugunsten des Grasset-Autors Bernard-Henri Lévy zu bedanken, publizierte man 1985 einen schlechten - so Brenners Einschätzung - Erotik-Roman von Robbe-Grillets Frau. Zwei Jahre später notiert der Tagebuchautor nach der Vergabe des Goncourt-Preises an Tahar Ben Jelloun für Die Nacht der Unschuld (Seuil): Die Gegenlobby suchte Guy Hocquenghem durchzudrücken, bis der Schriftsteller Daniel Boulanger auf Ben Jelloun umschwenkte und ausrief: Er ist Marokkaner, ich stimme für die Frankophonie. Namentlich wiedergegebene Stimmvoten und genau bezifferte Zahlungsbeträge an Autoren für geleistete Dienste oder versprochene Manuskripte verrät dieses Tagebuch. Die Absprachen zwischen den Verlagen komplizieren sich manchmal noch durch den Terminkalender der Preissitzungen. Über der Goncourt-Sitzung hing bis zuletzt der Verdacht einer möglichen Vorverlegung, um den Kurswert des schon durch die Académie Française ausgezeichneten Jonathan Littell nicht durch weitere Preise sinken zu lassen.
Dennoch vermag dieser ganze Kulissenschwindel die französische Literaturszene nicht ernsthaft zu disqualifizieren, denn Witz und Geist schwindeln mit. So deprimierend der an der Armutsgrenze funkelnde Literatenalltag Brenners in diesem Tagebuch wirken mag, so leicht kommen darin die Anekdoten daher. Überraschung zum Beispiel bei einem Pariser Empfang zu Ehren Ernst Jüngers im Sommer 1985: Plötzlich taucht der Front-National-Politiker Le Pen auf. Doch die beiden wechseln miteinander kein Wort, sei es, weil Jünger ihn schnitt oder weil er gar nicht wußte, wer der Typ war. Wie schön, wenn man sich ein bißchen weniger gut kennen würde.
Text: F.A.Z., 06.11.2006, Nr. 258 / Seite 33
Bildmaterial: Fayard