Ayaan Hirsi Ali

Ik ga weg

Von Andreas Ross, Den Haag

Emotionaler Auftritt: Ayaan Hirsi Ali

Emotionaler Auftritt: Ayaan Hirsi Ali

16. Mai 2006 Der kurze Satz blieb im kollektiven Gedächtnis der Holländer. „Ik ga door“ - Ich mache weiter. Knapp anderthalb Jahre ist es her, daß der Pressesaal vom Haager Abgeordnetenhaus so überfüllt war, und auch damals war es Ayaan Hirsi Ali, die den Reporterpulk angelockt hatte. Sie werde sich nicht von den Islamisten aus der Bahn werfen lassen, die ihren Tod suchten, versicherte die Abgeordnete im Januar 2005 mit ihrer leisen, brüchigen Stimme, die so sehr im Kontrast steht zu den markigen Sätzen, mit denen sie auch damals nach der Ermordung ihres Freundes Theo van Gogh aufwartete.

Am Dienstag hat sie am gleichen Ort jenen anderen Satz sagen müssen, der schon lange in der Luft lag und trotzdem ungestüm über Holland hineinbrach: „Ik ga weg“ - Ich gehe weg. Die bekannteste Politikerin der Niederlande verläßt das Land in Richtung Amerika, und sie tut das unter Umständen, die als neue Station ihres Leidenswegs in die Geschichte der gebürtigen Muslimin und Somalierin eingehen werden. 1992 war sie nach Holland gekommen, mit einem Zug vom Frankfurter Flughafen, angeblich auf der Flucht vor einer Zwangsheirat, die sie nach Kanada führen sollte. Sie erhielt einen Flüchtlingsstatus. 1997 wurde sie Niederländerin und begann rasch, sich als Vorkämpferin für die Menschenrechte vor allem muslimischer Frauen von Podium zu Podium zu hangeln.

„Geschichte des Stolperns und Aufstehens“

Zuerst trat sie als Mitarbeiterin einer sozialdemokratischen Stiftung auf, von 2003 an als Abgeordnete der rechtsliberalen Volkspartei für Freiheit und Demokratie (VVD) - immer aber als „Insiderin“ aus der muslimischen Gemeinde, der kaum einer das Recht zu Attacken auf den Islam konservativer Prägung absprechen mochte. Besonders weit ging die abtrünnige Muslimin nach Meinung vieler ihrer früheren Glaubensgenossen mit dem Kurzfilm „Submission“, den Theo van Gogh nach ihrem Drehbuch gefilmt hatte. „Submission“ provozierte mit Bildern nackter, aber verschleierter Frauenkörper, auf die Koranzitate projiziert wurden. Nun aber steht sie selbst am Pranger. In Kürze dürfte ihr der niederländische Paß abgenommen werden, denn sie hat gelogen, als sie um Asyl ersuchte, und sie hat gelogen, als sie die niederländische Staatsangehörigkeit beantragte.

Allerdings hat sie daraus nie ein Hehl gemacht, denn ihre Biografie, eine „Geschichte des Stolperns und Aufstehens“, wie die junge Frau es sagt, beginnt mit ihrer Geburt in Somalia im Jahr 1969 - nicht, wie sie offiziell behauptete, schon 1967. Das ist nachzulesen in mehreren Büchern, Artikeln und Interviews, die im Laufe eines guten Jahrzehnts veröffentlicht wurden. Und auch, daß sie „Ayaan, die Tochter von Hirsi, des Sohns eines Mannes namens Magan“ ist, steht in einem frühen Werk der Politikerin geschrieben. Mithin heißt sie Ayaan Hirsi Magan. Jene Ayaan Hirsi Ali, der ein niederländischer Paß ausgestellt wurde, gibt es gar nicht.

Die beiden stursten Politiker des Landes

Ohne Zutun hat sich die Politikerin verheddert im internen Wahlkampf der VVD um deren politische Führung. Die will unbedingt Ausländerministerin Rita Verdonk übernehmen. In der vorigen Woche machte ein Fernsehsender mit den altbekannten biografischen Daten über Ayaan Hirsi Magan Furore - und reicherte sie an durch die Behauptung, sie habe vor ihrer angeblichen Flucht aus Somalia im kenianischen Exil ein komfortables Leben geführt. Daraufhin sagte Frau Verdonk im Fernsehen einen jener kurzen Sätze, in die sie das vermutete Volksempfinden zu komprimieren pflegt: „Ich halte nichts von Lügen.“ Am Freitag freilich setzte sie noch hinzu: „Aber Ayaan hat nichts zu befürchten.“ Immerhin sind beide Politikerinnen in derselben Partei, und trotz allseits bekannter Differenzen zwischen den beiden vielleicht stursten Politikern des Landes hatte Ayaan Hirsi Magan noch vor kurzem einer Zeitung anvertraut, sie sei „verrückt nach Rita“.

Nun aber sah Hilbrand Nawijn seine Stunde gekommen. Als einziges Mitglied der Fraktion „Groep Nawijn“ steht der frühere Gefolgsmann des 2002 ermordeten Populisten Pim Fortuyn längst nicht mehr im Rampenlicht wie einst als Ausländerminister der ersten Regierung Balkenende, als er noch die Ausweisung selbst eingebürgerter Marokkaner forderte, wenn sie eine Straftat begangen hatten. Nawijn, 1992 selbst Chef des Einwanderungsdienstes, nutzte sein Fragerecht, und entgegen der parlamentarischen Gepflogenheiten antwortete die wahlkämpfende Ministerin binnen 24 Stunden: Es stehe zu vermuten, daß Ayaan Hirsi Magan wegen falscher Angaben nie die niederländische Staatsangehörigkeit erhalten habe.

Vor der Abiturprüfung abgeschoben

Juristisch erscheint die Sache eindeutig, denn erst im November hatte sich das höchste Gericht in Den Haag zu einem ähnlichen Fall geäußert. Iraker hatten, angeblich aus Angst um ihre Angehörigen, 1992 unter falschem Namen Asyl beantragt. Das Gericht bestätigte ihre Ausweisung. Zu Rita Verdonks Lieblingssätzen aber zählt der vom „gleichen Recht für alle“. Auch in zwei anderen vieldiskutierten Fällen hatte sie unlängst Unnachgiebigkeit bewiesen: Gegenüber der wohlintegrierten Kosovarin Taida Pasic, die trotz Protesten im ganzen Land kurz vor ihrer Abiturprüfung abgeschoben wurde, und gegenüber dem ivorischen Star-Fußballer Salomon Kalou, der auf seine Einbürgerung so lange warten soll wie andere Antragsteller auch, selbst wenn die Nationalmannschaft ihn bei der Weltmeisterschaft gern bei sich wüßte.

Ein Star war auch Ayaan Hirsi Magan von Anbeginn ihrer politischen Karriere. Niemand sagt ihr nach, sie habe Mühen gescheut - schließlich nahm sie Todesdrohungen ebenso in Kauf wie die daraus folgenden Sicherheitsmaßnahmen, die sie zu etlichen Umzügen in kürzester Zeit, zur ständigen Gegenwart von sechs Leibwächtern, zum Untertauchen im Ausland und eine Zeitlang sogar zu einem Leben in einer Gefängniszelle zwangen. Doch die parlamentarischen Mühen der Ebene hat sie verachtet. Im Plenum des Haager Abgeordnetenhauses war sie selten zu sehen, auch wenn sie am Dienstag für sich in Anspruch nahm, Themen gesetzt zu haben, die „nie wieder unter dem Haager Teppich verschwinden können“. Über die endlosen Sitzungen und Kompromisse klagte und lästerte Ayaan Hirsi Magan oft und vernehmlich.

Weggehen hat nichts mit Flucht zu tun

So erklärt sich das Aufatmen in der VVD-Fraktion. Das fiel so unangenehm laut aus, daß der stellvertretende Ministerpräsident und frühere VVD-Führer Gerrit Zalm am Dienstag demonstrativ an der Seite Ayaan Hirsi Magans auftrat, als sie erklärte, sie lege ihr Mandat nieder. Zalm schreckte auch nicht davor zurück, seine „Überraschung“ über die ungewohnte Flinkheit seiner Kabinetts- und Parteikollegin Verdonk auszudrücken. „Ich kann nur hoffen, daß es bei Ayaan Hirsi Alis nächstem Antrag auf Einbürgerung genauso flott geht“, sagte er, und es klang nicht nach einem Scherz.

Doch noch ist unklar, ob die Frau, die bald wohl wieder Somalierin ist, als nächstes vielleicht den amerikanischen Paß beantragt. In den Vereinigten Staaten fühlt sie sich wohl, und dort hat sie eine neue Arbeitsstelle beim rechten „think tank“ „American Enterprise Institute“, dessen Drähte ins Weiße Haus gut in Schuß sind. Der Wechsel nach Washington war geplant, für das Parlament wollte Ayaan Hirsi Magan 2007 ohnehin nicht wieder kandidieren. Auch daß es jetzt schneller geht, hat nicht allein mit dem bevorstehenden Verlust der Staatsangehörigkeit zu tun. Im April war sie vor Gericht gegen ihre Nachbarn unterlegen, die ihre Sicherheit bedroht sahen, als die gefährdetste Politikerin des Landes bei ihnen einzog. Also hätte eine Zukunft in Holland weitere Umzüge bedeutet.

Bestenfalls halbherzig bestritt Ayaan Hirsi Magan am Dienstag, sie glaube, in Holland alles erreicht zu haben und müsse deshalb nun von Washington aus weitere Kreise ziehen. Daß Weggehen jedenfalls nichts mit Flucht zu tun habe, sollte die Botschaft der Presseunterrichtung werden. Entsprechend fiel das Schlußwort aus: „Ik ga door“ - Ich mache weiter.

Text: F.A.Z., 17.05.2006, Nr. 114 / Seite 3
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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