20. März 2006 Peter Høeg wird am 19.Mai seinen ersten Roman seit zehn Jahren veröffentlichen. Seit Andersen war kein dänischer Autor literarisch und finanziell erfolgreicher. Seine Romanfigur Fräulein Smilla wurde gar zur bekanntesten Dänin stilisiert, obwohl sie eigentlich aus Grönland kommt. Die Geschichte um die mutige Wissenschaftlerin, die den Mord an einem kleinen Jungen aufklärt, hatte eine Weltauflage von sechs Millionen und wurde von Bille August verfilmt.
1992, vier Jahre nach seinem Debüt, wurde Høeg mit Fräulein Smillas Gespür für Schnee berühmt. 1996 aber, kurz nach dem fünften Roman, Die Frau und der Affe, und dem Entschluß, Teile seiner Einkünfte für Projekte in der Dritten Welt, vor allem für Frauen in Afrika und in Tibet, zu stiften, tauchte er unter.
Jetzt bricht der achtundvierzig Jahre alte Høeg sein literarisches Schweigen mit dem Roman Den stille pig (Das stille Mädchen), einer Geschichte um den weltberühmten Zirkusartisten Kasper Krone, der eine Schwäche für Poker und für Johann Sebastian Bach und ein phänomenales Gehör hat. Krone erfährt, daß eine frühere Schülerin, ein zehnjähriges Mädchen, entführt worden ist. Musik und stilles Hören spielten auch eine Rolle bei seiner Heldin Smilla: Schnee lesen, schrieb er dort, sei wie Musik hören.
Schon im letzten Jahr hatte Høeg trotz seines beharrlichen Schweigens zweimal Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Zunächst versuchten fast zwanzig Literaturwissenschaftler, ihn in einer ebenso gelehrten wie umfangreichen Studie zu verstehen. Sie stießen aber jeweils nur auf eine seiner vielen Masken - zu gern fordert er traditionelle Denkformen und Gattungen heraus.
Die zweite Enthüllung kam im August, als eine Journalistin ihn auf Jütland aufspürte. Ihr sagte er, daß er seit einigen Jahren an seinem Roman sitze; worum es darin gehen werde, wußte damals auch sein dänischer Verlag Rosinante nicht. Sein Wunsch, hinter seine Bücher zurückzutreten, beruht auch auf seinem bekundeten Glauben, er sei als Mensch völlig uninteressant. Er sei eine Flöte, auf der jemand anderes spiele - es sei ein Mißverständnis, daß er selber schreibe. Was aber dann geschrieben steht, gilt als Höhepunkt der neueren dänischen Literatur - stilistisch sensibel, detailreich, vielseitig. In jedem seiner Bücher wechselt der Sohn eines Juristen und einer Griechischlehrerin das Genre, jongliert mit Form und Stil - so wie er im wirklichen Leben springt vom Tänzer zum Literaturwissenschaftler, vom Fechter und Bergsteiger zum Segler, Sportlehrer und Mäzen.
Treu bleibt er seinem moralischen Anspruch und seiner Weltoffenheit. Daß neben Borges, Joseph Conrad und Gabriel Garcia Marquez die Dänin Karen Blixen sein Vorbild ist, liegt wohl auch an Biographischem - seine Frau und Mutter seiner beiden Töchter kommt aus Kenia. Nicht nur bei Fräulein Smilla wird Høegs Zivilisationskritik, besonders an Dänemark, deutlich. Das stille Mädchen wird in eine Zeit hineinplatzen, da Dänemark, ausgelöst durch den Karikaturen-Streit, in seiner größten Sinnkrise und Wertedebatte steht.
Text: F.A.Z., 21.03.2006, Nr. 68 / Seite 42
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