14. Oktober 2007 Maxim Biller ist nicht nur Romanautor, sondern auch Kolumnist dieser Zeitung. Alle paar Monate kommt es zu einem Mittagessen mit ihm, welches stets damit beginnt, dass Biller ausgiebig die Konkurrenz lobt. Er geht anschließend in die Detailanalyse unserer Arbeit, wobei sich Sach- und Schmähkritik vermischen, um dann unweigerlich zum Fazit zu gelangen, es sei eben diese ganze Generation von deutschen Feuilletonisten, die nichts tauge. Dann wird es unangenehm, denn die Rede kommt auf Politik: Maxim Billers Stimme wird immer heller, seine Thesen werden immer steiler, während die anderen nur noch Quatsch! zischen. Lediglich bei den nach dem Kaffee verhandelten Themen Wohnen und Mode wird mit Teilen des Ressorts Einvernehmen erzielt, und man geht erschöpft, aber vergnügt auseinander.
Es geht nur um die Sache
Wer Maxim Biller kennt, streitet sich mit ihm. Er wurde mit einer Tempo-Kolumne berühmt, die Hundert Zeilen Hass hieß, deren ebenso ungerechte wie intelligente Texte keiner je vergessen hat, der mal ihr Gegenstand war.
Niemanden, der um diese Umstände weiß, wundert es also, dass viele Menschen in den Medien und der Literaturbranche auf Biller nicht gut zu sprechen sind. Außer Maxim selbst: Er ist immer aufrichtig erstaunt, wenn jemand Vorbehalte gegen ihn formuliert. Denn es geht ihm doch immer nur um die Sache.
Leider vermischen sich auch in der Debatte um Maxim Billers verbotenen Roman Esra die Empfindungen über den Autor als Zeitgenossen mit der Würdigung des literarischen Gehalts des Buches. Denn der Fall Esra wäre gar kein Fall, wenn dies nicht ein so gutes Buch wäre. All die anderen Bücher, die in den letzten Jahren im Zuge von solchen Persönlichkeitsrechtsprozessen bekannt wurden, hat man mehr oder weniger zu Recht vergessen. In diesem Fall liegen die Dinge völlig anders: Wer dieses Buch gelesen hat, wird es nie vergessen: Ein so von Liebesschmerz, Liebesglück und allgemeinen Liebeswirren durchdrungenes und dabei kompromisslos modernes, ja in der Zeitgenossenschaft seiner Sprache radikales Buch hat es in Deutschland seit Jahrzehnten nicht gegeben. Es reicht dabei tief in die dunkelsten Ecken der Liebe und schildert virtuos die ganz leichte Alltagsoberfläche des Münchens der frühen neunziger Jahre, die sich wie Staub über das Drama legt. Biller ist es gelungen, ein Deutsch zu finden, das wie eben erzählt klingt und doch sorgsam komponiert und treffend, teuflisch suggestiv wirkt.
Süden spielen
Ich komme insbesondere von einer Szene nicht los, einer der vielen, in denen beschrieben wird, wie Esra mit Adam Schluss macht: Wir trafen uns auch im Mensapark. Wir lehnten an einer der Tischtennisplatten aus Beton, an denen um die Zeit noch keiner spielte, und Esra sagte, wir könnten uns nicht mehr sehen, diesmal endgültig. Ich sah sie an, sah in ihr dunkles, feines Gesicht, das an diesem Tag so blaß und durchscheinend wirkte, und ich hatte keine Antwort auf das, was sie mir sagte. Ich erwiderte also nichts, und dann ging ich nach Hause, und ich dachte immer nur, das ist doch nicht möglich.
Ich habe mich oft dabei ertappt, wie ich mich an diese Romanstelle als einer von einem Freund wirklich erlebten Geschichte erinnere. Ähnlich geht es mir mit einer sommerlichen Szene in der kleinen Wohnung von Adam, zu der Esra kommt, um die Beziehung zu beenden. Stattdessen sitzen sie etwas ratlos herum, hören aus dem geöffneten Fenster die Kinderstimmen vom Nordbad, essen Wassermelone und spielen Süden. Ich kenne diese Wohnung seit der Esra- Lektüre ganz genau, und oft, wenn mir jemand etwas von München, vom Sommer in Deutschland oder von komplizierteren Liebesgeschichten erzählt, dann ersinne ich Adams Wohnung als Kulisse dafür.
Ich bin, wie die meisten Kollegen, literarisch nicht leicht zu beeindrucken, zu viele Neuerscheinungen kommen und gehen mit der Post. So gut wie nie habe ich das Gefühl: So leben wir, so wie es in Esra geschildert wird.
Der brisante Kern unseres Lebens
Helmut Kohl, dem man viel nachsagen kann, aber nicht, dass er die Deutschen nicht kennt, hat es am treffendsten formuliert: Die Deutschen sind heute ein Volk, das sein Glück im Privaten sucht. Bloß: Was finden sie auf dieser Suche? Genau das steht in Esra! Wenn man neue Freunde findet, dann sind es diese Esra-Geschichten, die man austauscht, um sich besser kennenzulernen, die langen, ungeraden Beziehungsgeschichten, die verstörenden Beobachtungen aus den Familien, der Kummer mit Kindern, das Umziehen, das An- und Abflauen der Liebe. Es ist der brisante Kern unseres Lebens. Aber es ist ein labiler Kern, voller Eruptionen und echter Gefahren; denn unser ganzes Verständnis von Familie, Arbeiten, Wohnen und Lieben ist in völliger Neuordnung begriffen. Adam und Esra sind beide Migranten, sie müssen sich mit den Fragen von Familienzusammenhalt versus postmoderner Identität herumplagen, auch dies ein Thema unseres Lebens.
Tragischerweise arbeitet dieser Roman gegen sich selbst. Ich bin, als Leser, völlig überzeugt davon, dass die Trennungsszene an der Tischtennisplatte sich genau so zugetragen hat. Als Journalist, erst recht als Jurist, müsste ich es nachrecherchieren: Steht da überhaupt eine Tischtennisplatte? War Maxim Biller alias Adam dann und dann dort und dort? Der Roman schildert die literarische Wahrheit. Ob es auch die Wirklichkeit trifft, ist eine ganze andere Frage, die Unbeteiligte gar nicht zu entscheiden vermögen, etwa ob sich dieser oder jener Sexualakt so zugetragen hat, wie im Buch beschrieben, wo also die Grenze zwischen Urbild und Abbild verläuft? Und woher nehmen so viele wohlmeinende Literaturfreunde bei der Erörterung des Falls die Überzeugung, man müsse die liebe Esra gegen den bösen Adam schützen - natürlich ohne die klagenden Parteien näher zu kennen? Weil es genau so in Esra steht. Der Roman schildert eine empörenswerte Figur, also empört man sich über ihn.
Herzensgebildete Leser
Freunde des Autors haben sich, wieder einmal, die verbliebenen Haare gerauft. Warum hat er nicht wenigstens den alternativen Nobelpreis weggelassen, aus der Schubert- eine Schumannstraße gemacht und aus der Türkin eine Spanierin? Kann man Literatur nicht ein wenig juristenfreundlicher schreiben?
Schon jetzt ist es so, dass die Kasuistik des Karlsruher Urteils die Arbeit der Verlage verändern wird, oberschlaue Autoren werden mit ihren Anwälten ganz genau die erlaubte Dosis an Persönlichkeitsverletzung errechnen und sich klammheimlich freuen, wenn es knapp unter einem Klagelevel bleibt. Das wird besonders gemein!
Oder wir kriegen nur noch gute Bücher, Bücher für und aus dem Manufactum-Katalog, von edlen Autoren über erhebende Sujets für herzensgebildete Leser gestaltet. Der in Esra geschilderte Adam ist an vielen Stellen ein ekelhafter Mann, der sich einmal sogar den Tod des Kindes seiner Partnerin wünscht. Aber ist er fieser als Humbert Humbert? Fieser als Faust? Fieser als Macbeth?
Ein Meisterwerk
Die Richter haben ihren Job gemacht, und sie haben es sich nicht leichtgemacht. Allein das höchste Rechtsgut, das wir kennen, die Menschenwürde, vermag die Freiheit dieses Kunstwerks einzuschränken. Das sind in jeder Hinsicht edle und zu respektierende Motive. Sie schützen die Rechte der Klägerinnen und beschweren das Leben des Autors, so ist das eben.
Und doch weiß jeder, der Marcel Reich-Ranicki gelesen hat, dass es für die Literatur auf diese Dinge nicht ankommt. Die kennt bloß eine Frage: Was taugt das Buch? Und da führt kein Weg an einem deutlichen Urteil vorbei: Esra ist ein Meisterwerk, jeder erkennt sich, andere und unsere Zeit darin wieder, auch und gerade wenn Autor und Klägerinnen vergessen sind. Schließlich muss ja niemand die wahren Identitäten der Romanfiguren ergoogeln, jeder Leser hat immer noch das Recht, einen Roman ohne Nachforschungen zu studieren, schließlich handelt es sich nicht um derart prominente Personen, dass sie jedem Deutschen sofort geläufig wären.
Ein literarischer Doping-Fall
Und dann bleibt Esra. Vielleicht ist es ein literarischer Doping-Fall: Höchstleistung mit juristisch nicht zugelassenen Mitteln. Aber was für ein Effekt: Seite um Seite lernt man die Figuren kennen, als sei man selbst dabei gewesen, und man ärgert sich über sie und quält sich. Und das Herz geht schneller, man schüttet echtes Adrenalin aus. Das ist allerhöchste Kunst: An welche Romanfiguren glaubt man schon? Denkt irgendjemand, den verschraubten Neurochirurgen aus Ian McEwans Saturday, der Tag und Nacht bloß an den gegenwärtigen Zustand der britischen Literatur denkt, gebe es wirklich? Ein Jeffrey Eugenides und etliche andere amerikanische Champions vermögen es, einigermaßen glaubhaft über griechische Hermaphroditen der zwanziger Jahre zu schreiben - aber werden die Teil der eigenen Erinnerung?
Daniel Kehlmann hat es am besten formuliert: An diesem Fall wird sich zeigen, ob man auf das Deutschland des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts später einmal mit Amüsement, Spott und Hohn zurückschauen wird, als auf ein Land, in dem ein Autor vernichtet werden konnte, weil seine Romane jemandem weh taten.
Auf diesem Schreibtisch liegen das Buch und das Karlruher Urteil stumm nebeneinander in der Herbstsonne. Eigentlich müsste das eine das andere löschen. Beide bleiben. Den Test, welchen der beiden Texte man einem Nordkoreaner, Außerirdischen oder dem eigenen Enkel nahebringen würde, um unsere Gegenwart zu kapieren, welcher Text also klarer sieht und spricht als wir selbst, den besteht nur einer davon.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.10.2007, Nr. 41 / Seite 25
Bildmaterial: ddp, F.A.Z. - Christian Thiel