Sehr geehrte Damen und Herren,
Wenn irgendwo ein Skandal zu sehen ist, dann bei der Jury - btw. die Jury ist immer der Skandal - und bei einer Presse, die aus einem banalen Vorgang ein Weltereignis herbeischreibt. Herr Schirrmacher ist da mit seinem Rufmord! noch bescheiden. Die Wiener Tageszeitung "Die Presse" meinte, gleich den Nobelpreis für Herrn Handke fordern zu müssen. Ja, das ist halt der Wiener Schmäh, dagegen sind andere nur, na ja, Frankfurter eben.
Dabei ist es doch so einfach: Warum vergibt die FAZ nicht ihren eigenen Literaturpreis? Fünfzigtausend Otzen werden doch noch aufzutreiben sein, soviel ist die damit verbundene Reklame immer noch wert. Wie man damit die Sau durchs Dorf jagen könnte! Fast wie beim Geschlechtsakt, Vorspiel, Vereinigung, Höhepunkt und dann noch das Nachspiel. Und auch der Controller freut sich: Die Feuilletonredaktion macht die Jury, kriegt das jurieren entsprechend gut vergütet, und dafür können dann die laufenden Bezüge gekürzt werden; so macht Literatur auch dem Controller Spaß.
Danke schön, stets zu Diensten, gerne wieder, Ihr
Harald Hildebrandt
Rochsburg, Schlossstrasse 11, 09328 Lunzenau
Frankreichs Intellektuelle stehen den Selbstverständlichkeiten der Republik doch nicht so fern wie die deutsche Kameraderie von den Fleischtöpfen.
Wim Wenders: Was fühlt ein verlorener Cowboy angesichts eines Poeten, der an einer Erdbeere riecht, wo aus dem Boden das Grauen sickert?
Ach: und die Jelinek schimpft, man müsse lesen und nicht hetzen, wenn einer gepriesen wird, der den serbischen Hitler am Grab besuchte.
Sie sind wieder die Alten. Befreit die Kunst von der Sensibilität!-
Und die Leitartikler der Freiheit wüten gegen eine Kommunalpolitik, die die Notbremse zieht, um den Opfern von Srebrenitza den Anblick eines Hohns von Preisung zu ersparen.
Was jedem Franzosen selbstverständlich ist- und ich wette: auch jedem Serben der befreiten Republik -, dem deutschen Intellektuellen passt es nicht: dass da ein Wert ist, der höher steht als jedes Preisgeld und die Freiheit, es sich und seinen Freunden vom esoterischen Stammtisch zu besorgen.
Was aber das Wort sucht, haben sie im Wohlgefühl des Versorgt- und Verehrtseins dahin gehen lassen.
Es sucht aber unbeirrt weiter und weiter nach dem Herzen der Menschen und der Welt. Mögen diese immer Witz und Schwitz mit dem Wort spielen und einander gegenseitig die Preise besorgen. Es zieht von ihnen unbehelligt vorbei und findet - das Schweigen von Srebrenitza.
Das FAZ-Engagement für Handke verstört. Ich zitiere aus seiner Antwort auf eine kritische Frage nach seiner Lesung aus seiner legendären „Winterlichen Reise …“ im Wiener Akademietheater (März 1996): "Hört auf, von der Bücherverbrennung der Nationalsozialisten zu reden - ihr tut das gleiche immer noch, auf eure Weise, unauffälliger, aber genauso vorsätzlich, und kommt straflos davon. Der so genannte ,Raum', den jene ,Zeitung für Deutschland' angeblich den Büchern gibt, ist das Gegenteil von Raum: Er ist ein stickiges, luftloses Henkersstübchen, voll gepfercht mit bieder-wahnsinnigen Unholden und ihren ehrsüchtigen, selbstversessenen Mietlingen. Ihr Medien entwirklicht jedes Mitgefühl, indem ihr zuerst mitbombt und dann die Stories der Gebombten verkauft, so wie eure Staaten, deren Spießgesellen ihr seid, zuerst Zerstörer waren und dann Friedensrichter spielen. ,Betroffenheit! Das kann ich schon überhaupt nicht hören. Gehen Sie nach Hause mit Ihrer Betroffenheit, stecken Sie sich die in den Arsch!" Ein wahrhaft großer Literat, nicht wahr - würdig eines Lazar- oder Draskovic-Preises, so es solche Auszeichnungen gäbe! Meint
Walter Müller-Wipperfürth
z.Z. Innrain 52
A-6020 Innsbruck
Peter Handke:"Verbreitern wir die Öffnung. Auf dass die Bresche nie wieder von schlimmen oder vergifteten Worten verstopft werde. Hinaus böse Geister. Verlasst endlich die Sprache. Lernen wir die Kunst des Fragens, reisen wir ins sonore Land, im Namen Jugoslawiens, im Namen eines anderen Europas. Es lebe Europa. Es lebe Jugoslawien. Zivela Jugoslavija."
Die Dichter und Denker leben in der Sprache und durch die Sprache, sie ist ihr In-der-Welt-sein. Und die ausserordentliche Leistung jener ist es, Wesentliches zu erdenken und das reale Unwesen mit dem erdachten Wesen zu konftrontieren, - und diese Konfrontation auszuhalten.
Und manchesmal sehen wir ihnen mit einem Lächeln nach, wie sie in den Himmel schauen - und keinen blassen Schimmer haben, wie sie mit wirklichen Füssen unterwegs in das hirnrissigste Abwegige stolpern und die bestürzende Erfahrung machen müssen, von der Wirklichkeit eingeholt zu werden.
Aber lieber Handke - so möchte ich ihm gut zureden -, wer spricht den heute noch von Jugoslawien? - Es gibt kein Land mehr mit diesem Namen. Es gibt diesen böse endenden Namen nur noch in einer revisonistischen Welt.
Wo die Konfrontation eine echte ist, bleibt den realmoralischen Gutmännern nichts anderes übrig als den Milosevicfreund in die Verbannung zu schicken. Und dem Dichter mit Charakter steht es zu, dies mit Fassung zu ertragen und für keinen Preis der Welt jenen mit einer lausigen Entschuldigung in den A zu kriechen.
Der Fall Handke zeigt in leicht nachvollziehbarer Form die manipulierende Macht des sogenannten Zeitgeistes. Eine Handvoll nicht gewählter Menschen beschließt was gut und was schlecht ist und setzt diese Prinzipien mit der Macht der Medien durch. Das Spielchen ist marketingmäßig so raffiniert, dass man sich nicht traut, dagegen zu rudern: es ist doch jedem klar, dass man sich damit ins Abseits hinmanövrieren würde. Die Würstchen in Düsseldorf, die das Geld für die Prämierung Handkes verweigert haben, sind lediglich kleine Rädchen eines Systems der schleichenden Ideologisierung. Andere Beispiele für die neuen Dogmen: Privatisierung, Globalisierung, Dreimonatsergebnisse, präventiver Krieg, steigende Aktienkurse nach Massenentlassungen.
Mit aller Bescheidenheit: ich hatte es 2003 schon kommen sehen und in meinem Roman "Der Herold und die Trommlerin" beschrieben.
diese Naivität der Preisverleiher und Preisentzieher. Der sogenannten Realpolitiker.
Aber: woran krepieren Menschen? An Handkes Obsessionen? Oder doch am Ende immer noch an den Realpolitikern und deren Obsessionen?
Der "Fall Handke" bringt ein schon sein langer Zeit Aufklärungs bedürftiges Thema ans Tageslicht - Worum geht's eigentlich in einer echten (?) Demokratie? Um pluralistische Meinungsvielfalt welche die gesammte Bevölkerung representiert und durch gewählte Vertreter auf einen gemeinsamen und allgemein nützlichen Nenner bringt? Oder um allgemein gewählte Debatierklubs in denen verschiedene Gruppen um Einfluß und Wichtigkeit streiten?
Ob nun Handke für oder gegen einen ethnischen Säuberer ist, ob er links oder rechts von wo immer steht, dürfte in einer echten (?) Demokratie nicht einen so großen Staub aufwirbeln. Denn wenn wir das wirklich zu Ende ausdenken, dann dürften der Castro Freund Gabriel García Marques den Literatur Nobel Preis nicht erhalten haben, dann dürfte der rechts-konservative Vargas Llosa den Cervantes Preis nicht erhalten haben.
Und wenn schon eine von den Politikern ernannte Jury beschließt einen Preis zu vergeben, sollten in einer echten Demokratie dieselben Politiker nicht Angst vor ihrem eigenen Mut bekommen.
Der Streit ob Handke Heine-Preis-Würdig sei zeigt nur daß es den meisten unwichtig ist ob sie Handke verstehen oder nicht, daß es den meisten viel wichtiger ist, politisch korrekt zu sein - und ausgerechnet das soll ja nach meinem Vestädniss in einer konsequenten Demokratie nicht unbeding nötig sein.
Der Kritik von Frank Schirrmacher an der Vorgehensweise, nach der die Stadt Düsseldorf den Heinreich-Heine-Preis verleiht, vermag ich so nicht zu folgen.
Man muß den gewählten, politischen Vertretern der Bürger dieser Stadt, in deren Namen der Preis verliehen wird, wohl ein Mitspracherecht bei dessen Vergabe zugestehen. Schließlich dürfte der Grund für die Notwendigkeit der Bestätigung des Jury-Votums durch den Rat der Stadt gerade darin zu sehen sein, daß man der Gefahr vorbeugen möchte, daß sich die sachverständige (?) Jury auf einen Kandidaten einigt, der dem Ansehen der Stadt unter anderen als den von der Jury betrachteten Gesichtspunkten abträglich ist. Hubert Spiegel hat am vergangenen Samstag zu Recht darauf hingewiesen, daß der Heine-Preis nicht nur das literarische Werk, sondern das gesamte Wirken des Preisträgers als Person würdigen soll. Und hierzu zählen im Falle Handkes eben auch dessen sonderbare Ansichten zu der Rolle Serbiens bei den Balkan-Kriegen der 90-er Jahre.
Kritik ist jedoch an der Tatsache angebracht (und insoweit stimme ich Schirrmacher wiederum zu), daß der Jury politische Vertreter der Stadt angehören, die dann im Falle der Ablehnung des Jury-Votums durch den Stadtrat in einen derartigen Erklärungsnotstand wie den jetzt eingetreten gebracht werden.
Es handelt sich neuerdings also um Rufmord (!) ,wenn das Votum einer Jury zu einer Preisverleihung zurückgezogen oder diesem Votum nicht entsprochen wird. Sehr interessant !
Eine solche Auslegung des Begriffs kannte ich bis heute noch nicht.
Hier begeht höchstens Herr Schirrmacher Rufmord,indem er behauptet,Politiker richten über einen Autor,ohne seine Werke gelesen zu haben.Im Disput über die Preiswürdigkeit des Autoren Handke geht es gar nicht um die Frage,ob seine Werke Handke würdig für eine Preisverleihung machen oder nicht .
Aufgrund seiner Werke mag Handke preiswürdig sein,fraglich ist jedoch,ob er es aufgrund seiner ungelösten Sympathie für den Schurcken Milosevic und seine Fehlsichtigkeit bezüglich des Jugoslawienkonflikts auch ist.Da aber die menschliche Tendenz zum ansatzweisen
Versuch einer Unterscheidung zwischen "Gut und Böse" sowieso nur als gegenwärtiges,von oben geleitetes "mainstream" Gehabe angesehen wird -wie von vielen Kommentatoren in dieser Zeitung so getan-,so gebe man Handke doch den Preis,ungeachtet seiner Ansichten.So möge doch morgen einer daherkommen,der unisono Hitler,Stalin,Mao und S. Hussein verteidigt und für groß erklärt,auch daran soll man sich dann nicht stören mit seinen mainstream-Ansichten.
Herr Schirrmacher machts vor, Herr Herrmanns machts nach: wenn die Argumente fehlen, wird man persönlich.
Keineswegs weilte OB Erwin "weltmännisch in Moskau", sondern Moskau ist seit langen Jahren Partnerstadt Düsseldorfs, daher ergeben sich Arbeitstreffen der OB's, mal in Moskau, mal in Düsseldorf zwangsläufig (genau wie in Reading, Haifa, Chonking u.a. Städten).
Wessen "Schwestern" Ignoranz und Unverfrorenheit sind, mag der aufmerksame Leser entscheiden. Jedenfalls ist OB Erwin allenfalls als Ratsmitglied in die Sache involviert. Ihm wäre allenfalls seine voreilige Gratulation anzulasten.
Es bleibt die Tatsache: eine Jury hat einen anzuzweifelnden Vorschlag gemacht, den der demokratisch legitimierte Rat der Stadt Düsseldorf nicht anzunehmen gewillt ist. Nach den Verleihungsregeln des Heine- Preises ist nun einmal der Rat und nicht eine Jury das Entscheidungsgremium.
Der Skandal und auch der Rufmord wird lediglich von interessierter Seite betrieben, wohl kaum vom Rat der Stadt Düsseldorf.
Ehe hier mit Schaum vor dem Mund unterstellt und beleidigt wird, empfehle ich einmal ein wenig nachzudenken.
Übrigens hat sich Herr Handke auch in seiner "Betroffenheitsadresse" mit keinem Wort zu seiner Milosevic- Konnektion geäußert.
SJ
Herr Erwin war auch schon mal daran interessiert, neben seiner Bürgermeisteramt zusätzlich den Job des Polizeipräsidenten zu übernehmen. Er kann nämlich einfach alles. Bieten Sie ihm mal an, Marcel Reich-Ranickis Rolle in einer Neuauflage des "Literarischen Quartetts" zu übernehmen. Er wird Sie fragen, warum Sie nicht viel früher auf diese Idee gekommen sind.
Hen Hermanns
Lieber Herr Schirrmacher,
nach der lektüre Ihres Artikels frage ich mich, ob Ihr Votum anders ausfallen würde, wenn Peter Handke nicht den von Serben begangenen Völkermord, sondern den Holocaust geleugnet oder doch zumindest beschönigt und statt am Grab von Milosevic am Grab von Adolf Hitler "geweint" hätte.
Sie werden nun sagen, dass ich Ihren Artikel nicht verstanden habe. In der Tat ist das Verhalten der Jury und einzelner Jury-Mitglieder skandalös, nur gerade deshalb fehlt dieser Jury-Entscheidung - die übrigens keine unumkehrbare Wahl war, sondern nur ein an den Rat der Stadt Düsseldorf gerichteter Vorschlag - die Legitimation und es ist sogar die Pflicht der Politik die Verleihung des Heine Preises an Peter Handke zu verhindern.
Mit Peter Handke kann ich kein Mitleid verspüren.
Ein Art ideologische Meta-Ferngesteuertheit führt inzwischen auch "im Kleinen" zu faschistoiden Rufmordversuchen. Jeder "weiß" konkret, was zu tun ist, wenn jemand eine "falsche" Meinung hat.
Und eine "falsche" Meinung oder Sicht der Dinge kann allzuoft auch schon als solche behandelt werden, nur weil sie jemand einfach nicht versteht.
Menschen, deren Meinung heute vom globalen Mainstream abweichen oder die aufgrund gängiger Konditionierung nicht mehr verstanden werden, werden schon fast gewohnheitsmäßig aggressiv angegangen.
Da werden negative Bewertungen im Internet vergeben, die nichts mit der jeweiligen Sache zu tun haben, sondern, weil man mitbekommen hat, was für eine "unmögliche" Meinung jemand zu diesem oder jenem anderen Thema hat. Da werden Abweichler von Jedermann-Bürgern per Spam-Mail, Denunziation oder "Rachebestellungen" hingerichtet.
Irgendwie weiß jeder, was man global denken darf - und wie man selbst - lokal und konkret - dann zu reagieren hat, um den Inhaber einer "gefährlichen" Meinung abzustrafen.
Der herrschende Faschismus vergangener Tage ist demokratisiert. Der "Führer" hat sich in die Köpfe aller geschlichen und weist den "Anständigen" an, das gerade richtige an ihrem Platze zu tun.
Global denken, lokal handeln - so hat es etwas Furchtbares bekommen. Die aktuellen Vorgänge um Peter Handke sind nur die Spitze eines Eisberges unzähliger Rufmordversuche, die gängige Praxis in allen Bevölkerungsschichten geworden sind.
Du liebe Güte, was für ein verkommenes Theater.
Wer einen Heine Preis hat, sollte ihn bei EBAY schnellstens verhökern; aber natürlich das Preisgeld behalten. Dann schickt´s wieder.