Heine-Preis

Der Fall Handke: Rufmord statt Kritik

Von Frank Schirrmacher

Peter Handke will wieder verstanden werden

Peter Handke will wieder verstanden werden

02. Juni 2006 Hat man die Pressemeldung des Düsseldorfer Oberbürgermeisters Erwin gesehen, in der Handke als Heine-Preisträger gefeiert wurde? Die Überschrift lautete: „Die Nachricht ging von Moskau nach Paris“, und zwar deshalb, weil Herr Erwin weltmännisch in Moskau weilte, als er Peter Handke in Paris zum Preis gratulierte. Herr Erwin hat sich sein Interieur zwei Tage lang mit Handke und Heine tapeziert, dann kam die Kritik, und jetzt werden die Tapeten wieder abgeschabt.

Der Vorgang ist so ungeheuerlich, so rücksichtslos, daß es einem schon den Atem verschlagen kann, gleich, wie man zum Interieur des Peter Handke steht. Politik, die bekanntlich zu Revision, Rücknahme, Korrektur immer weniger und in eigenen Angelegenheiten nie fähig ist, exekutiert das Prinzip Rücknahme nun am schwächsten aller Glieder dieser kontinentalen Nachrichtenkette, an dem eigenen Worten zufolge sich selbst immer mehr verwirrenden Dichter Peter Handke.

Eine literarisch-moralische Frage

Hat Peter Handke den Heine-Preis verdient? Das ist eine literarisch-moralische Frage, die von einer Jury entschieden und von der literarisch-politischen Öffentlichkeit diskutiert werden kann. Hubert Spiegel hat ernste Argumente dafür angeführt, warum der Preis an Handke den Dichter Heine verhöhnt, und viele Leser und Kritiker geben ihm recht (siehe auch: Preis für Handke: Heine wird verhöhnt).

Die aktuelle Frage aber lautet: Soll Peter Handke den Heine-Preis in Empfang nehmen dürfen? Das ist eine reine Machtfrage. Bekommt er ihn nicht, nachdem die Entscheidung der Jury gefallen ist, dann wären literarische Preise in Deutschland der Willkür ausgeliefert, dem Rufmord, wie er seit den Zeiten des „anonimo romano“ bis heute gepflegt wird. Einen wie auch immer Umstrittenen zu ehren, um dann, ohne daß irgendein neues Ereignis eingetreten wäre, ihn öffentlich für unwürdig zu erklären, ist die ultimative Form sozialer Demontage. Sie macht den Literaturkritiker zum Büttel der Politik, weil sein Einwand gegen Handke nun durch Einmischung der Politik wirkt wie der denunziatorische Ruf nach der Polizei.

Der Vertreter des Landes blieb fern

Wer eigentlich kam auf die - mit Verlaub - schlichtweg törichte Idee, daß nach der Zuerkennung des Preises der Rat der Stadt, mithin die Politik, dies noch „bestätigen“ muß, mithin dem Jury-Votum noch ein politischer Prozeß folgt? In der Jury des Heine-Preises befanden sich Vertreter von zwei der vier Ratsfraktionen, die jetzt die Verleihung annullieren wollen, die CDU hatte sogar zwei Abgesandte plus den Oberbürgermeister, die Grünen eine Vertreterin (die gegen Handke votierte), fünfter Vertreter der Stadt war der Kulturdezernent. Der Vertreter des Landes (und ehemalige Kulturdezernent der Stadt), Staatskanzleichef Grosse-Brockhoff, blieb der Sitzung fern.

Welches Verantwortungsgefühl hatten eigentlich diese Leute, die jetzt über die Verantwortung des Dichters schwadronieren, aber immerhin über 50.000 Euro, Heine und die Kultur zu beraten hatten? Was ist das für eine Jury, deren Mitglieder offen erklären, die Texte nicht zu kennen, deren Urheber sie auszeichnet? Und überdies: Was für eine dürftige Begründung, wenn man dem Preis schon einem Umstrittenen verleiht. Das mindeste und wichtigste wäre gewesen, die Mühe, die man sich mit der Lektüre nicht gab, der Preisbegründung zuzuwenden. Politik kann und darf keine Machtentscheidung darüber treffen, ob Handkes Werk der Völkerverständigung dient oder nicht - sie kann es diskutieren, aber sie kann keinen Parlamentsbeschluß herbeiführen, der de facto einen von ihren eigenen Vertretern mitgewählten Preisträger für unwürdig erklärt.

Zunehmend verzweifelte Statements

Während die Politik mit sorgenvoll-genüßlicher Miene sich fragt, ob sie es verantworten kann, einen Dichter zu ehren, obwohl wir diese Verantwortung ihr gerne abnehmen würden, klingen die Statements von Handke zunehmend verzweifelter; er bemüht sich um eindeutige Aussagen, aber gerade solche kann er nicht, wollte er nie machen. Er wirkt wie ein Mensch, der nach einem schrecklichen Unfall mühsam sprechen lernt - und daß er so ist, daß Handke so sonderbar und eigentümlich ist, hätte diese Jury wissen müssen. Sie hatte eine Verantwortung übernommen, aus der sie sich nun nicht herausstehlen kann. Wer die Jury nicht verließ, als die Entscheidung fiel, muß diese nun vertreten, auch wenn er anderer Meinung war.

Und Handke? Jedem neu eintretenden Literaturredakteur pflegte Marcel Reich-Ranicki die gleiche Handke-Anekdote zu erzählen. Ende der siebziger Jahre waren die Beziehungen zwischen ihm und Handke auf dem Tiefpunkt angelangt. Briefe, welche der Kritiker an den Dichter richtete, kamen postwendend zurück. „Und doch“, so Reich-Ranicki sehr gedehnt, „ich konnte mit meiner Lupe deutlich erkennen, daß er die Briefe geöffnet und gelesen hatte.“

So ist Handke seit Jahrzehnten mit der Welt umgegangen: Er suggeriert, unerreichbar zu sein, öffnet jedoch alles auf der Suche nach Botschaft, liest jede Zeile, die ihm gilt, verschließt dann alles wieder, schickt die Wörter als unbrauchbar in Originalverpackung dem Absender zurück, so wie andere Leute kaputte Kaffeemaschinen zurücksenden, und schreibt an der Parallelsprache. Diesen Abwehrkampf an den Eingangstüren seiner Welt hat er jetzt verloren. Zum erstenmal, so scheint es, will er wieder verstanden werden. Das zu tun ist die Aufgabe seiner Leser. Nicht die der Politik.

Text: F.A.Z., 02.06.2006, Nr. 127 / Seite 33
Bildmaterial: F.A.Z.-Wonge Bergmann

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