Naher Osten

Palästinas Stimme: Edward W. Said ist tot

Von Hans Ulrich Gumbrecht

Edward Said, 1935 - 2003

Edward Said, 1935 - 2003

26. September 2003 Kollegen und Studenten, die ihn persönlich kannten, pflegten von Edward W. Said, der am Donnerstag in New York gestorben ist, in einem fast schwärmerischen Ton der Hochachtung und Bewunderung zu sprechen. Sie priesen seine Eleganz, seinen selbst in den feinsten Kreisen Manhattans auffallenden Geschmack und die umfassende Bildung dieses Professors für Englische Literatur und Vergleichende Literaturwissenschaft an der New Yorker Columbia University. Sie fügten gerne hinzu, daß Saids Passion eigentlich das Piano und der klassische Kanon der Klavierliteratur seien. Sie hoben aber auch den Ernst seines politischen Engagements und seine Nähe zu Yassir Arafat hervor, der ihn vor allem in den achtziger Jahren regelmäßig in New York besuchte. Wie bedeutend Edward Saids Einfluß in der PLO und auf Arafat wirklich war, wird wohl ein Geheimnis des Palästinenserführers und Friedensnobelpreisträgers bleiben.

Die Geschichte von Saids Ruhm gleicht, nicht ohne eine gewisse Ironie, dem Märchen vom Prinzen aus dem Morgenland. Sein Vater, ein nach Ägypten emigrierter palästinensischer Christ, der während des Ersten Weltkriegs in der amerikanischen Armee gedient hatte, war mit dem Verkauf von Schreib- und Rechenmaschinen zu erheblichem Wohlstand gelangt. Edward Said, 1935 in Jerusalem geboren, studierte, mit herausragendem Erfolg, in Princeton und wurde in Harvard promoviert. Zusätzlich zum Studium finanzierte ihm sein Vater eine Klavier-Ausbildung, die Said aber abbrach, als er merkte, daß sein Talent zu internationalem Erfolg nicht reichte.

Ruhm mit einem Buch

Saids Bücher, die in viele Sprachen übersetzt wurden, konzentrierten sich in den letzten beiden Jahrzehnten zunehmend auf die Politik im Mittleren Osten und auf die Erinnerungen des Autors. So groß ihre Erfolge waren, ist doch die nüchterne Wahrheit, daß er zu jenen Wissenschaftlern gehörte, die mit einem einzigen Buch Ruhm erlangen - und diesen Ruhm dann bis zum Lebensende pflegen und erhalten. Dieses eine Buch war 1979 unter dem Titel "Orientalism" erschienen. Es dokumentierte und erzählte, wie es zur Legende vom "Orient" kam. Sie entstand am Schnittpunkt von Begierden und Projektionen der Literatur wie der Wissenschaft des neunzehnten Jahrhunderts, vor allem in Frankreich und England, und war so lebenskräftig, daß sie auch noch Edward Said eine besondere Aura verlieh.

"Orientalism" war ein Buch, das in jenen Jahren einfach geschrieben werden mußte, als eine Generation unter dem Eindruck des Werks von Michel Foucault mit Erstaunen entdeckte, daß fast alles, was sie bis dahin mit der ontologischen Plumpheit beflissener Marxisten für "wirklich" gehalten hatte, eigentlich "diskursiv", eine "Konstruktion der Wirklichkeit" war. Said hatte das Glück, der Autor dieses unumgänglichen Buches zu sein und für die Geisteswissenschaften eine jener geschichtsphilosophischen Kastanien aus dem Feuer zu holen. Und er tat es mit stilistischer Anmut, politischem Takt und der fast rührend nostalgischen Geste, daß er in seinem natürlich Foucault preisenden Vorwort doch auch eine Lanze für Marx zu brechen versuchte, dessen Marktwert damals gerade eine Phase der Rezession erlebte.

Professorale Selbstdarstellung

Keines von Saids späteren Büchern hat den plötzlichen und anhaltenden Erfolg von "Orientalism" auch nur annähernd erreicht, am wenigsten sein lang angekündigtes umfangreiches Buch über "Kultur und Imperialismus", das nur die politisch allerkorrektesten unter seinen Lesern goutierten. Bemerkenswert war allerdings 1999 seine Autobiographie "Out of Place", mit der er der in Amerika mittlerweile üblich gewordenen Verpflichtung zu professoraler Selbstdarstellung genügte. Aber was sollte denn - trotz aller schwärmerischen Bewunderung von Saids Kollegen - am Leben eines reichen Kaufmannssohns aus Jerusalem, dem eine große Karriere als amerikanischer Professor gelungen war, so Besonderes sein?

Es sind wohl gerade Saids Bemühungen um Entdramatisierung und Entromantisierung des eigenen Lebens, die das Buch lesenswert machen. Aus der Perspektive einer ebenso scharfen wie illusionslosen Selbstbeobachtung, mit eher minimalistisch zu nennenden Stil-Effekten und mit homöopathischen Dosen von Selbstmitleid führt "Out of Place" zu der Einsicht, daß es heute wohl eher der Normalfall ist, wenn gebildete Menschen das Gefühl haben, nicht am richtigen Platz zu sein. Nicht aus nostalgischer Erinnerung an Palästina, wo er nie gelebt hatte und wohin er während der ersten vierzig Jahre nach seiner amerikanischen Emigration nicht zurückgekehrt war, kam Said, so liest man mit Erstaunen und Respekt, vergleichsweise spät in seinem Leben zum politischen Engagement. Was ihn dabei bewegte, war das Gefühl, das im Fall Palästinas ein besonders intensives sein muß, daß das Land und die Kultur seiner Vorfahren verschwunden waren.

Im letzten Absatz seiner Autobiographie beschreibt Edward Said sich selbst als ein "Bündel fließender Ströme", "a cluster of flowing currents", und wenn es ihm hier noch gerade gelingt, den melancholischen Ton der Formel zu neutralisieren durch die sofort nachgeschobene Versicherung, daß er ein solches Muster bei weitem der Form des "starren Selbst" vorziehe, so fallen die nächsten Sätze dann doch in eine Art von Traurigkeit, wie sie mit solcher Eleganz nur wahren Prinzen gelingen kann. Said beschließt das Buch mit dem Lob auf seine durch eine, wie wir nun wissen, tödliche Krankheit bedingte Schlaflosigkeit. Denn diese Schlaflosigkeit sei ja die Garantie für fast ununterbrochene intellektuelle Wachheit. Es ist neben seiner Eleganz vor allem die Wachheit von Edward W. Said, die Leser und Bewunderer nun vermissen werden.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.09.2003, Nr. 225 / Seite 33
Bildmaterial: AP

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