
Nicht jede wissenschaftliche Arbeit endet in einem wissenschaftlichen Artikel, einige z. T. ausserordentlich aufwendige, enden in Editionen. Und da sieht dann halt die Sache mit der OpenAccess-Publikation doch anders aus. Auch hier wäre eine Differenzierung wohl angemessen. Ich persönlich habe keinerlei Mühe mit dem Abdruck meiner (wenigen und auch nicht besonders bedeutsamen) Texten. Da ein solcher aber bereits einmal (aus meiner Diss.) stattgefunden hat (Auszug von ca. 4 Seiten, also mehr als ein Zitat) und ich auch unter dem alten Regime nicht gefragt wurde, halte ich die praktische Bedeutung für gering. Das gilt natürlich nicht für eine Kafka-Edition, von der der Verlag u. a. leben muss.
Da ich in der Schweiz arbeite, hält sich meine Abhängigkeit von der DFG in engsten Grenzen. Ich habe auch keinerlei Lust, mich in die Wissenschaftsföderungsbürokratie einzuarbeiten.

Wenn Sie sich, was erfreulich ist, schon gegen das sinnlose Entweder-Oder des Themas wenden, dann sollten Sie m. E. auch das sinnlose Entweder-Oder innerhalb der Position von Herrn Reuß wenden, der sich weigert zu verstehen, das OpenAccess bei wissenschaftlichen Publikationen nicht gleichzusetzen ist mit der Urheberrechtsenteignung bei Autoren, die von Ihren Schriften leben müssen.

habe ich ein gutes Buch gelesen, leihe ich es gerne einem Freund. Ich stelle sie auch ins Regal, auf dass ein Besucher sie finde und ausleiht. Das digitale Buch wird dieses nicht ermöglichen, das Ausleihen. Es wird ein Gefasel von Rechten des Rechteinhabers geben, einen Kopierschutz natürlich auch, dessen Knacken dank gehorsamster Andiener in den Regierungen auch bei Privatkopien unter Strafe gestellt wird, es wird ein Schnittstellenwirrwarr mit den dollsten Leistungsdaten geben, HDMI-Buchlesen z.B., es wird auch ein irrsinig komfortable und leistungsstare Software zu Buchverwaltung geben, iRead oder sowas, die man erst mal per Angabe der Bankdaten und aller anderen persönlichen Daten bis zum Geburtsnamen der Urgroßmutter wird aktivieren müssen, vor dem Terrabytedownload der eigentlichen Software, und all das wird vor allem ein Ziel haben: Jedes Lesen ist erneut zu bezahlen. Die Enteignung der geistigen Eigentümer ist nur der erste Schritt, die Entrechtung der Nutzungsrechteinhaber der zweite. Oder wie sonst wird ein Konzern wie google das zu Geld machen können, was Buchdruckern und den meisten Autoroen durch die Jahrhunderte hinweg eben nicht gelang?
Ich nehm jetzt eine Lanze, setz mich auf einen Esel und reite gen Windmühle.

Ich beschränke mich auf einen "kleinen" Aspekt des idiotischen (anders kann ich es nicht ausdrücken) Entweder-Oders, das diese Diskussion beherrscht. Natürlich sind digitale Daten per se weniger sicher als Bücher, aber digitale Daten kann man natürlich jederzeit auf gutes Papier mit Buchstaben aus sehr haltbarem Kohlenstoff (jede moderne Kopie!) ausdrucken und dann sind sie oh Wunder wieder analog.
Ich bin mit Reuss, was das Urheberrecht und die begleitenden Fragen betrifft, einverstanden, aber die Datensicherungsproblematik ist einfach nicht zu Ende gedacht. Um es klar zu sagen: Was wäre, wenn die Anna Amalia-Bestände oder die Kölner-Bestände bereits digitalisiert wären? Wäre das für irgend jemanden eine Legitimation gewesen, die Archive auf den Müll zu werfen? Jetzt sind (ohne Digitalisierung) grosse Teile verbrannt und müssen mit Riesenaufwand restauriert werden. Dieses "entweder digital oder in Buchform" ist doch einfach blühender Unsinn. Eine Digitalisierung hat neben vielfältigen Aspekten der Erleichterung der Benutzung und der Schonung der Bestände jedenfalls einen zusätzlichen Sicherungseffekt, nicht mehr und nicht weniger.
Gott gebe uns etwas mehr Differenzierung in diesen Fragen.

Bravo, nach Wochen der Desinformation erbricht sich jetzt hier der Kulturkampf, und die Kampagne der FAZ ist bei sich selbst angekommen. Mit diesem Artikel, gleich zu Anfang geschrieben, hätte man sich zumindest vieles erspart. Die eine Seite »mag es nicht, wenn man sie nicht mag«, und die andere, die, wie Richter meint, über Souveränität zu befinden hat, »has the smell of death«, um es mit einem meiner amerikanischen Kollegen auszudrücken.