Christoph Hein

Bleierner Tanz

Von Hubert Spiegel

04. Februar 2005 Es hätte gut in die fünfziger Jahre gepaßt, wird aber wohl in den frühen Achtzigern gewesen sein, als ein deutscher Barde eine unerhörte Begebenheit besang.

Eine Dame gerät in der Straßenbahn in eine Fahrscheinkontrolle, und da macht sie „das Handtäschchen auf, nimmt das Geldtäschchen raus, macht das Handtäschchen zu, macht das Geldtäschchen auf, nimmt den Fahrschein heraus, macht das Geldtäschchen zu, macht das Handtäschchen auf, tut das Geldtäschchen rein, macht das Handtäschchen zu“. Jetzt hat die Dame einen Roman geschrieben. Er trägt den Titel „In seiner frühen Kindheit ein Garten“, und auf dem Umschlag steht, er sei von Christoph Hein.

Die dubiosen Vorgänge um Grams

Das Buch handelt von einem der brisantesten Fälle in der Geschichte der Bundesrepublik, den dubiosen Vorgängen um den Tod des RAF-Terroristen Wolfgang Grams im Sommer des Jahres 1993 auf dem Bahnhofsgelände von Bad Kleinen. Grams, der im Roman Oliver Zurek heißt, wird von einer Sondereinheit des Bundesgrenzschutzes gestellt, es kommt zum Schußwechsel, ein Beamter und Grams finden den Tod.

Nun überstürzen sich falsche Erklärungen und Korrekturmeldungen. Zunächst heißt es, Grams habe einen Beamten getötet und sei selbst schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert worden. Dann stellt sich heraus, daß Grams schon auf den Bahnhofsgleisen tot war und den Beamten nicht getötet haben kann. Auch die nun verbreitete Version vom Selbstmord des Terroristen scheint mehr als zweifelhaft.

Gutachten um Gutachten

Es gibt Gutachten um Gutachten, verschwundene Videoaufzeichnungen, eingeschüchterte Zeugen, widersprüchliche Aussagen der beteiligten Beamten. Schließlich müssen der Innenminister und der Generalbundesanwalt ihren Hut nehmen. Vieles deutet daraufhin, daß Grams mit einem Kopfschuß aus nächster Nähe von einem Beamten getötet, also hingerichtet wurde. Ob es wirklich so war, ist bis heute nicht aufgeklärt.

Nicht der Thriller, der in dem Stoff auch steckt, interessiert Hein, sondern das Drama um Recht, Gerechtigkeit und Staatsräson. Darf die Staatsmacht ihre erklärten Feinde töten oder eine solche Tötung gutheißen oder vertuschen? Welche Opfer darf der Staat vom Einzelnen verlangen, um Schutz und Ordnung für alle zu gewährleisten? Und schließlich: Darf der Staat das Recht beugen, um es zu schützen?

Abstrakte Fragen, konkreter Fall

Das sind abstrakte Fragen, die am konkreten Fall verhandelt werden sollen. Hein läßt das Buch nach den Ereignissen in Bad Kleinen einsetzen und erzählt das Geschehen aus der Perspektive der Eltern. Damit entgeht er zwar der Gefahr, die im Reißerischen seines Stoffes lauert, aber es gelingt ihm nicht, dem pensionierten Schuldirektor Richard Zurek und seiner Frau Rike auch nur das kleinste Fünkchen Leben einzuhauchen. Hier wird so bieder und betulich, so umständlich und eintönig erzählt, daß man trübsinnig darüber werden könnte. Aus jedem zweiten Satz rieselt Hoffmanns Gardinenstärke. Statt realistischer Detailgenauigkeit herrscht lebloser Pseudorealismus.

Schlimm genug, aber überdies ist dieses Buch erstaunlich nachlässig geschrieben. Ein Beispiel: Zum ersten Mal seit langer Zeit verbringt das niedergedrückte Ehepaar ein Wochenende in der Großstadt und geht dort sogar tanzen: „Die beiden Zureks waren viele Jahre Mitglieder eines Tangokurses in ihrer Stadt gewesen und genossen es nun, die vertrauten Schritte zu der schmelzenden Musik und den jähen Rhythmen zu schreiten“.

Die abgenutzte Wendung von der schmelzenden Musik, der Einwand, daß auch Tanzkurse gehobenen Anspruchs in der Regel nicht „viele Jahre“ dauern, und Kurse nicht „Mitglieder“, sondern Teilnehmer haben - all dies verwundert bei einem Autor von Heins Kaliber, ist aber erst in der Häufung gravierend. Ernst wird die Lage jedoch auf der Stelle, wenn Hein die armen Zureks „Schritte schreiten“ läßt. Denn so wie das Ehepaar hier zu tanzen genötigt wird, ist dieses Buch geschrieben: Hein schreitet Schritte und setzt Sätze. Wenn er sie wenigstens einmal werfen würde. Aber nein, alle Figuren müssen hier hölzerne Dialoge aufsagen und steifbeinig ihre Schritte schreiten.

Ihr Schicksal berührt wenig

Was Richard und Rike Zurek ertragen müssen, gehört zum Schlimmsten, was Eltern widerfahren kann. Warum berührt uns ihr Schicksal so wenig? Gewiß wollte der nüchterne, sich gern als neutrale Instanz gebende Hein Rührseligkeiten vermeiden. Das ist verständlich, aber warum fährt uns dann das Leid der Zureks nicht mit kalter Schärfe durch Mark und Bein? Warum schlagen die aufgeworfenen Fragen von Recht und Moral keinerlei intellektuelle Funken?

Es liegt an der Sprache und daran, daß Hein wohl nie mehr im Sinn hatte, als zu zeigen, daß auch der Rechtsstaat Bundesrepublik fähig sei, seinen Bürgern Unrecht anzutun. Das ist eine These, der zu widersprechen niemandem einfallen würde. Dieser Roman entspricht zwar der schlichten These, nicht aber dem komplexen Stoff, der sie illustrieren soll. Gut möglich, daß jahrelanger Gerichtsstreit den Vater von Wolfgang Grams zum Kohlhaas werden ließ. Aber Christoph Hein ist über diesem Stoff leider nicht zu einem Kleist geworden.

Christoph Hein: „In seiner frühen Kindheit ein Garten“. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005. 271 S., geb., 17,90 [Euro].



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.02.2005, Nr. 30 / Seite 48
Bildmaterial: AP

 
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