12. Dezember 2005 Wenn man Kinder gehabt hat und jetzt sind sie erwachsen und haben selber welche, versucht man gelegentlich, die Erinnerung an die kleinen Wesen aufzuwecken. Dann merkt man, daß es auch körperliche Formen des Zurückdenkens gibt.
Man fühlt, wenn man sich versenkt, die kleinen Hände wieder in der eigenen Hand. Oder sitzt mit dem Fünfjährigen im großen Fauteuil, das Märchenbuch aufgeschlagen, und spürt das lauschende Kind warm und lebendig an der Seite. So lasen wir Die drei Federn, das heißt, ich las und übersetzte zugleich ins Schweizerdeutsche. Wenn Verse kamen, blieben sie im Original. Und Verse gibt es auch in diesem Märchen.
Sie waren mir peinlich. Denn sie sind vollkommener Unsinn, und ich dachte: Soll ich das nicht weglassen? Er wird fragen, was es heißt. Dann muß ich gestehen, daß ich es auch nicht weiß. Er wird enttäuscht sein. Aber ich faßte mir ein Herz, ließ die Bedenken beiseite und las die winzige Strophe: Jungfer grün und klein, / Hutzelbein, / Hutzelbeins Hündchen, / Hutzel hin und her, / laß geschwind sehen, wer draußen wär.
Die Wirkung war unerwartet. Der Kleine lachte, strahlte, kreischte beinah vor Begeisterung. Er wollte es wieder und wieder hören. Der Sinn kümmerte ihn keinen Deut. Er fand den Spruch herrlich und also auch das Märchen. Lies das mit dem Hutzelbein! hieß es dann noch oft.
Das Märchen selbst ist durchaus reizvoll, eine Dummlingsgeschichte nach bekanntem Muster. Ein König fordert von seinen drei Söhnen zuerst einen Teppich, dann einen Ring, dann eine schöne Frau. Der Dummling gelangt auf der Suche zu einer Höhle, wo er anklopft. Da hört er von drinnen diesen Spruch. Er stammt von einer Kröte, die mit vielen winzigen Kröten dort haust und dem Dummling in der Folge die Schätze schenkt. Mit denen sticht er die hochmütigen Brüder aus. Aber von Hutzelbein und einer Jungfer grün und klein und Hutzelbeins Hündchen ist nie die Rede. Der Sinn der Verse ist die pure Sprachlust. Für sie hatte das Kind ein Verständnis, das dem Vater erst nach und nach dämmerte.
Text: F.A.Z., 12.12.2005, Nr. 289 / Seite 33
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