Dan Brown und sein Erfolg

Das Geheimnis von Paris

Von Martin Mosebach

Wer zuletzt lächelt, lächelt am besten: Dan Brown kennt auch ihr Geheimnis

Wer zuletzt lächelt, lächelt am besten: Dan Brown kennt auch ihr Geheimnis

07. Juli 2005 Mehr als 45 Millionen verkaufte Exemplare sind ein Bucherfolg, der sich der Vorstellung entzieht. Wer auf Erden überhaupt lesen kann, scheint sich über Browns „Da Vinci Code“, auf deutsch „Das Sakrileg“, beugen zu wollen.

Es versteht sich von selbst, daß ein solcher Erfolg nicht geplant werden kann. Der Versuch, ihn nachträglich zu erklären, hat etwas von der angeblich erfolglosen Suche der Lebensmittelchemiker nach der Zusammensetzung von Coca-Cola an sich. Daß das legendäre Getränk aus Wasser und Zucker besteht, wird niemanden überraschen, den Wissensdurstigen aber auch nicht befriedigen.

Der Wasseranteil an Dan Browns Buch ist tatsächlich hoch. Gemeint ist das bedauerliche Faktum, daß fetter und süßer Sprachkitsch in der zeitgenössischen Trivialliteratur angelsächsischer Prägung kaum mehr zu finden ist; er droht fast vollständig in die Literatur mit Kunstehrgeiz zu emigrieren. Zeitgenössischer Sprachkitsch ist zwar zunächst ungenießbar, wird mit den Jahren aber immer ergötzlicher und hat die Chance, schließlich Kuriositäten- oder gar Antiquitätenwert zu erlangen.

Sorgfältig abgeschmirgelt

Die Sprache Dan Browns ist hingegen durch einen Windkanal gegangen und sorgfältig abgeschmirgelt worden. Die Professionalisierung des Schreibens führt hier zu einem ähnlichen Ergebnis wie in der Werbefotografie, die die Welt mit einer solchen Fülle makelloser Bilder versorgt, daß nervösere Geister schon einen regelrechten Überdruß an „guten Fotos“ empfinden.

Das Bestreben, jedes Teil der Komposition auf dem ästhetisch identischen Niveau zu halten, nirgendwo die Intensität oder die Qualität der Einfälle so zu steigern, daß der Leser verweilen und sich erinnern möchte, sondern daß er in steigendem Tempo dem Ende entgegengleitet, kann aber durchaus kunstvoll wirken, und die Abwesenheit jeder Persönlichkeit, jeder individuellen Färbung mag in einer Zeit mit viel unerfreulicher Individualität in der Literatur sogar erholend sein.

Das Muster der Computerspiele

Einem breiten Publikum kommt gewiß entgegen, daß die Dramaturgie dem Muster der Computerspiele folgt. Und vermutlich gibt es den „Da Vinci Code“ auch längst schon als Computerspiel. Die bewährte Konvention der „Schatzsuche“, des Rituals angelsächsischer Kindergeburtstage, führt den Detektiv und seine Gefährtin hier von Zahlenrätsel zu Zahlenrätsel. Das entspricht der Mentalität des Hackers, der im bleichen Schein seines Bildschirms auf der Spur abstrakter Zeichen durch das Weltall huscht und ein Maximum an Information bei einem Minimum an Erfahrung einheimst. „Old Europe“ und seine unheimlichen Bildungsgüter werden auf Zahlenketten heruntergefahren, die dem voraussetzungsfreien Verstand zugänglich sind. Bildung ist ein Tresor, der mit der richtigen Zahlenkombination geknackt werden kann - diese ermutigende und tröstliche Botschaft vermittelt der „Da Vinci Code“.

Und überhaupt ist dies Europa, so exotisch es sich für den überseeischen Leser ausnehmen mag, wundersam vertraut, allenfalls Schwanitz-Leser werden hier einen Vorsprung genießen. Es genügt eine kurze Stadtrundfahrt durch Paris, um die Originalschauplätze der erregenden Ereignisse selbst in Augenschein genommen zu haben und damit Teil des großen Spiels geworden zu sein. „Genau recherchiert“ ist der Weg von der Glaspyramide des Louvre zur Mona Lisa, man könnte ihn mit dem Buch in der Hand abschreiten.

Erfüllter Kinderwunsch

Der Kinderwunsch, eine „wahre Geschichte“ zu hören, wird überreich erfüllt. Ja, dort hängt die Mona Lisa wirklich, ja, sie ist wirklich androgyn, weil Leonardo sich möglicherweise nicht für Frauen interessierte - welcher Roman eröffnet derart frappierende Einsichten, die sämtlich nachvollziehbar, nacherlebbar sind, als habe die Zeit unter der Pyramide den Atem angehalten, während sich die Touristengruppen unter ihr durchschieben? Es gehört zu den genial einfachen Kunstgriffen des Romans, den vollständig geheimnislosen, touristisch zu Tode genutzten Ort zum Schauplatz des allerhöchsten Geheimnisses werden zu lassen.

Bei soviel Vertraut-Neuem tut es gut, auch Vertraut-Altem zu begegnen. Zur Gründungslegende der Vereinigten Staaten, die sich schon früh daranmachten, Spanien vom amerikanischen Kontinent zu verdrängen, gehört das Bild eines fanatischen, mit Gift und Dolch operierenden spanischen Katholizismus, der mit finsteren Geheimorganisationen nach einer freudlosen Weltherrschaft strebt. In der Computer-Tourismus-Szenerie Browns zitiert der sich geißelnde Mörder-Mönch das „gotische“ Element aus Nacht, Sarg, Weihrauch und Gruft.

Teufeleien der Inquisition

„Grube und Pendel“ und die Schreckenslust auslösenden Teufeleien der Inquisition gehören zu den ewigen Feinden der Kämpfer für das Licht; ein Historienmärchen wurde zum Mythos. Kein vatikanisches Archiv wird die „Legenda nera“ widerlegen können, denn sie ist Literatur geworden und damit zu den Sternen entrückt. In der klassischen Konstellation ist der heimtückische Jesuit - hier zum Opus-Dei-Mitglied modernisiert - jedoch das Haßobjekt des ehrenfest asketischen Puritaners und Pilgervaters. Brown hat im „Da Vinci Code“ aber eine Modifikation eingeführt, die möglicherweise ein gewichtiges Moment seiner großen Wirkung geworden ist.

Den Deutschen oder Engländer wird nicht aufhören zu erstaunen, daß die von Dan Brown geplante enthüllende Sensation aus der Religion stammt. War die Religion nicht eben noch, gerade bei den Massen, ein erledigtes Thema? Eines jedenfalls steht fest: Die Kenntnisse von der Religion sind auch bei den Gebildeten vielfach gegen Null gesunken. Was allenfalls noch verbreitet ist, sind vulgarisierte Aufklärungsfetzen. Heute weiß jeder Theologiestudent, daß Jesus nicht der Sohn Gottes sei; jedes Kind erfährt im Religionsunterricht, gleich welcher Konfession, daß Jesus nicht der Sohn der Jungfrau und nicht von den Toten auferstanden sei.

Das bestgehütete Geheimnis?

Dan Brown stammt aus einem Theologenhaushalt: Daß Jesus nicht Gott sei, sondern erst von Kaiser Konstantin dazu gemacht worden sei, und anderes Treibgut aus der „Leben Jesu“-Theologie des neunzehnten Jahrhunderts mag er als Knabe schon am Frühstückstisch gehört haben. Ein katholischer Theologe, der heute vom Gottmenschen Jesus spricht, setzt sich dem Gespött der gesamten Theologenzunft aus, wie es Klaus Berger gerade eben wieder geschehen ist. Es muß hier vernachlässigt werden, was die so breite Abkehr von ihrer gesamten Tradition für die Kirchen des Westens bedeuten wird, aber daß „Jesus war nicht Gottes Sohn!“, wie Dan Brown behauptet, das „bestgehütete Geheimnis“ der Kirche sei, spricht von einer Verkennung der Wirklichkeit, die selbst für Landhausbewohner in der nordamerikanischen Provinz eine Leistung darstellt.

Aber ist es überhaupt gestattet, Romanautoren Verdrehungen der Realität und Entstellungen der Geschichte vorzuwerfen? Solange ihre Erfindungen ein atmendes, lebendes Ganzes bilden, doch wohl nicht. Wie es sich hierin bei Dan Brown verhält, lassen wir auf sich beruhen, aber daß er die generelle Lizenz zur Umgestaltung und Neuerfindung der Geschichte nicht genutzt hätte, kann man ihm nicht nachsagen. Es habe zur Zeit Jesu eine blühende Mutterreligion bestanden, der Jesus durch seine Hochzeit mit Maria Magdalena habe huldigen wollen. Maria Magdalena sei die Hohepriesterin und gleichsam Päpstin dieser Mutterreligion gewesen; die aufkommende Kirche habe aber den schönen Ehebund Jesu unterschlagen, um ihre Männerreligion durchzusetzen.

Nur die Ägypter und Kelten fehlen

Aus der Ehe Jesu aber sei das Königsgeschlecht der Merowinger hervorgegangen, das die Mutterreligion bis in die Gegenwart getragen habe: Die Gefährtin des Detektivs stellt sich schließlich als Merowingerin und Urenkelin Jesu und der Maria Magdalena heraus, und auch die Pyramide des Louvre ist vom Architekten Pei als erstes Heiligtum des neuen Matriarchats errichtet worden. Natürlich spielen auch die Templer ihre mysteriöse Rolle, und von allen obskurantistischen Protagonisten dürfen nur die Ägypter und die Kelten fehlen.

Die Mosaiksteine dieser großen Welterklärung sind bekannt: Freimaurerei, Rosenkreuzertum, Alchimie und Gnosis auf „Hätten Sie's gewußt?“-Ebene. Im deutschen Sprachraum gehört zu den vielen, die sich aus diesem Fundus bedienten, der österreichische Ordensgründer, der sich Jörg Ritter Lanz von Liebenfels nannte. Fünfundvierzig Millionen Leser hatten seine „Ostara“-Hefte nicht, aber der eine Leser Adolf Hitler wiegt an Wirkung gewiß viele Millionen auf.

Die veränderte Situation der Kirche

Bemerkenswert für den heutigen Erfolg dieses Stoffes ist die veränderte Situation in der Kirche, die der Roman des Dan Brown vielleicht nur scheinbar nicht wahrnimmt. Hinter dem alten Rollenspiel eines Kampfes todesmutiger Aufklärung gegen eine machtvolle Kirche scheint die Enttäuschung auf, daß es diese unbeirrt ihre Botschaft verteidigende Kirche nicht mehr gibt. Browns Protagonisten scheinen weniger einen Kampf gegen Religion als für eine Religion zu führen, eine Religion mit verrückten, ja wahnsinnigen Zügen, aber eine Religion, nicht die spirituell ausgedünnte Geschäftsgrundlage eines Weltkonzerns.

Anbetung, Hierarchie, Ritus, Hingabe - das alles ist Dan Browns Religionskämpfern willkommen und selbstverständlich, solange es nichts mit einer Kirche zu tun hat, die nicht mehr an sich selbst glaubt. Sollte es diese Pointe sein, die diesem Buch eine Welt von Lesern gewonnen hat?

Von Martin Mosebach, Jahrgang 1951, erscheint im Hanser Verlag Ende August der Roman „Das Beben“.



Text: F.A.Z., 06.07.2005, Nr. 154 / Seite 33
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

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