Harry Potter VII

Harry Potter und die Cluburlauber

Von Rainer Schulze

607 Seiten Glück, Spannung, Schmerzen

607 Seiten Glück, Spannung, Schmerzen

22. Juli 2007 Ist es zu viel verraten, dass Harry um zehn Uhr morgens mit in die Ukraine fliegt? Darf man schreiben, dass er sonntags um viertel vor neun in der S-Bahn zwischen Taunusanlage und Hauptbahnhof liegt? Man muss vorsichtig sein. Verräter gehören dieser Tage zu den verabscheuungswürdigsten Kreaturen, vor allem die Schlussverräter. Zu Recht. Denn welcher Harry-Potter-Fan hat nicht zumindest mit dem Gedanken gespielt, denjenigen, der seine Zunge nicht im Griff hat, mit dem Avada-Kedavra-Fluch zu belegen? Und der ist wirklich schlimm.

Seit dem Erscheinen des letzten Harry-Potter-Bandes am Samstag in der Frühe konsumieren viele nur noch selektiv die Nachrichten und drehen beim Wort „Harry“ sofort den Sender weg – auch wenn eigentlich Belafonte oder der englische Partyprinz gemeint sind. Es ist die Zeit, in der die Leser mit den bunten Einbänden auf den Knien nur ungern mit anderen Menschen kommunizieren, weil jede Ablenkung zu Lasten der Lesegeschwindigkeit geht. Denn wer zu langsam ist, erfährt das Ende.

„Es fing mit viel Action an“

Die Narbe juckt wie verrückt, als der siebte und letzte Band „Harry Potter and the Deathly Hallows“ endlich in der Hand liegt. Dabei ist Lord Voldemort gar nicht in der Nähe. 607 Seiten Glück, Spannung, Schmerzen. Samstagnacht um Viertel vor drei ist man am Flughafen sogar spät dran, der große Ansturm wartete schon zum Verkaufsstart um 1.01 Uhr. Doch Frankfurt ist nicht London, wo kreischende Teenager vor den „Waterstone“-Filialen campierten, um die Ersten zu sein. In Indien soll aus Anlass des letzten Bandes der Serie sogar ein kompletter Straßenzug das Gleis 9 ¾ nachahmen, von dem in den Büchern der Hogwarts-Express abfährt. Die Startbahn West dagegen ist nicht zu einem Quidditch-Feld umgebaut worden.

Die Hysterie hält sich in Grenzen, obwohl die Verkäuferin in der Buchhandlung mit Hexenhut und Umhang ganz schön schrill aussieht. Sie erzählt von einer 50 Meter langen Schlange vor der Tür, als der „k-bookstore“ im Terminal 1 um 1.01 Uhr das Tuch lüftete. 20 Minuten ratterte pausenlos die Kasse, dann waren gut 200 Ausgaben über den Tresen gegangen. Als spaßiges „Event“ hat die Buchhandlung weiße Plastikbecher mit Farbstoffwasser gefüllt, das dem Inhalt eines Textmarkers Paroli bieten könnte. Der giftgrüne „Trollrotz“ schmeckt allerdings fast genauso wie das grellrote „Basiliskenblut“.

15 Meter weit hat sich Zoya Vyshnevska noch geschleppt. Dann ist sie neben der Buchhandlung auf die Bank gefallen und hat den Blick seither nicht mehr gehoben. 109 Seiten hat sie um halb vier hinter sich. Das macht knapp 50 englische Seiten in der Stunde – keine schlechtes Tempo. Und? Wie ist es so? „Es fing überraschend schnell und mit viel Action an. Ähnlich packend wie Nummer fünf und sechs.“ Auch die beiden vorherigen Bände hat sie ohne Pause gelesen.

Piratenkopien ignorieren

Den extradicken sechsten Band schaffte sie in 20 Stunden. Die Anglistikstudentin geht wissenschaftlich an die Lektüre heran. Ihre Lieblingstheorie: Snape, der fiese „Giftmischer“, sei ein Vampir. „Dafür habe ich in den vergangenen Bänden schon vier Hinweise gesammelt.“ In knapp sechs Stunden geht ihr Flugzeug in die Ukraine. Bis dahin will sie keine Pause einlegen. Seit vor zwei Wochen die ersten Piratenkopien im Internet aufgetaucht sind, war sie nicht mehr online. Schon Samstagabend, so hofft sie, müsste sie durch sein.

Nach Ibiza und Mallorca fliegen andere Dinge. Die drei Proleten im gelbem T-Shirt mit dem Schriftzug „Bäm“ auf der Brust tragen einen Gettoblaster unterm Arm. Einer greift in der Buchhandlung zu Tommy Jauds „Millionär“, der andere zum Kicker. Auf Ibiza werden sie in einen Club einchecken – „und dann volle Pulle“, fasst Amin Said aus Heusenstamm die Urlaubspläne zusammen. Obwohl Harry Potter, noch keine 17, im aktuellen Band auf Seite 70 ein Glas Feuerwhisky trinkt, kann man ihn sich auf Ibiza am Pool nur schwer vorstellen.

Um 5.15 Uhr hebt eine vierköpfige Familie aus Mainz nach Mallorca ab. Die Filme haben sie gesehen. Potterianer rümpfen über so etwas die Nase. Die Familienmutter interessiert sich vor allem für die Kopfbedeckung der Buchhändlerin. „Hat die Frau in dem Laden immer so einen komischen Hut auf?“ Der Blick ihres Gatten ist so durchdringend wie der des schon in Band sechs gestorbenen Hogwarts-Schulleiters Albus Dumbledore: „Rita, Mensch!“ Wie lange kann man sich jetzt noch abschotten, bis doch irgendwer das Ende ausplaudert? Am Flughafen macht die erste Tageszeitung schon nachts um drei mit der glücklicherweise kryptischen Potter- Schlagzeile auf: „Kein Zug wird kommen.“ Am Sonntagmorgen sitzt ein Potter-Leser in der S-Bahn. Er ist auf Seite 205 und ignoriert die Schlagzeilen. „Drei Tage vielleicht noch. Dann weiß jeder, ob Harry überlebt.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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