Elfriede Jelinek zum Sechzigsten

Der Club der unterirdischen Frauen

Von Rose-Maria Gropp

20. Oktober 2006 Sie hat in den vergangenen Jahrzehnten ihre öffentlichen Einlassungen und Entäußerungen mit einer Form von Gewissenhaftigkeit erledigt, nachgerade diszipliniert, wie es ihrer Erziehung entspricht und bestimmt auch ihrer Natur. Und so ist es zu dieser hohen Spannung gekommen zwischen den präzisen Einschlägen ihrer politischen, gesellschaftlichen und immer herrschaftsfernen Einmischungen und diesem losgelassenenen Redestrom, in dem Elfriede Jelinek schreibend badet. Wenn sie spricht, ist das etwas ganz anderes: Das tut sie ruhig, wohlgesetzt und melodisch.

Wie eine Parabel auf ihre Anstrengung, die so unvergleichlich zwischen metaphysischem Pomp und wahrem Witz schwankt, liest sich ihr Text von 1999 für ihre kleine Hündin „Floppy“, die jetzt im Juni dieses Jahrs gestorben ist: „Das Tier“, schreibt sie da, „das nicht fragen kann, manchmal jedoch mit wuff antwortet, bevors das Stöckchen erwischt (Jagdinstinkt!), das Tier, das was ungefragt eben: da ist oder halt weg, das sich ans Sein nicht anhalten muß, weil es immer da ist, solang bis es leider einmal weg ist, während ich mich an mir festkralle, damit ich mir nicht verlorengehe und damit ich Richtung und Bestimmtheit in mein Leben bringen kann, um überhaupt anwesend zu sein. Also eine solche Selbstverständlichkeit des Seins wie Floppy sie hat, die werde ich nie bekommen. Mein Gott, meine Geduld liegt am Boden!“

Nicht bloß des Teufels, sondern auch der Frauen

Die Geduld ihrer Leser tut das zweifelsohne gelegentlich auch, am Boden liegen; aber schließlich sind Texte nicht da, um goutiert zu werden wie Schokoriegel. Bei Elfriede Jelineks Theaterstücken sind dann die Zuschauer dran, aber eigentlich gar nicht mehr nah an ihr selbst, sondern an den Baustellen, die ihre Regisseure aus ihren Stücken machen. Sie legt da ein Vertrauen an den Tag in die von ihr favorisierten Herren, ein bißchen ähnlich wie jenem Sein, um das sie „Floppy“ beneidet hat.

Es kann überhaupt nichts schaden, sich Elfriede Jelinek wieder zu nähern unter Berücksichtigung der Tatsache, daß Theorie nicht bloß des Teufels, sondern auch der Frauen ist. Im Jahr 1997 hat sie über die österreichische Künstlerin Valie Export geschrieben. Valie Export, Jahrgang 1940, implantierte Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre in den Wiener Aktionismus das feministische Element; sie stellte ihren Körper aus als Zeichen, damit Träger sozialer Codes und medialer Zurichtungen. Sie denke also, schreibt Elfriede Jelinek über Valie Export, „daß im Fall der Kunst Valie Exports sehr schön nachzuweisen ist, wie jemand, der im ständigen Widerspruch zum offiziellen Vermittlungssystem gearbeitet hat, also einer Gegenwärtigkeit, die sich selbst sagt und auch die Macht dazu hat, diesem oberirdischen System des Herkömmlichen die eigene Erfahrung aufzwingt, die eine ganz andere Sprache spricht.“

Wer eine Marotte hat, ist eben nicht zu bremsen

Genau dieses Aufzwingen einer anderen Sprache läßt sich auch Elfriede Jelinek bescheinigen - und sehr schön läßt sich zeigen, daß ein wenig theoretischer Geist jene lau-individualisierende Psychologie wegwischen kann, mit der gerade Figuren wie Jelinek in jüngerer Zeit eher verdeckt - sprich entschärft - als enthüllt werden sollten: Wer eine Marotte hat, ist eben nicht zu bremsen. Vielleicht deutet sich ein Wandel an, der ihr Textcorpus in ein anderes Licht stellt. Denn mit der Revision des Feminismus, seiner Ursachen und seiner sehr guten Gründe - nach einer forciert abstinenten Phase, in der fast eine ganze Generation junger Frauen glaubte, auf die Errungenschaften des zwanzigsten Jahrhunderts verzichten zu können -, kommen wieder Fragen in den Blick wie die nach der Möglichkeit weiblicher Symbolisierung und Repräsentation: „Wenn die Frauen immer nur, vielleicht auch aus Angst, aus dem öffentlichen Raum weggedrängt werden, dann kommen sie natürlich als Ungeheuer zurück“, sagte Elfriede Jelinek gegenüber dieser Zeitung. Exakt diesen Mechanismus hat sie unermüdlich, wie ein Mantra, hergebetet, vor allem in ihren Romanen wie „Die Klavierspielerin“, „Lust“ oder „Gier“. So hat sie einen, in jeder Hinsicht unterirdischen, Club zusammengebracht, der ständig aus seiner Versenkung zu stoßen droht.

Vor genau zwei Jahren, nachdem sie zu all ihren vielen Preisen auch noch den Nobelpreis bekommen hatte, fand Elfriede Jelinek dann aber auch, daß sie eigentlich überhaupt zwei Dinge am meisten interessieren - Krimis und Mode. Und, so verstanden wir sie damals, daß sie nun, da sie ja das Geld vom Preis habe, von einem Druck befreit sei und schreiben könne, was ihr Spaß macht: Gespenstergeschichten und Gothic Novels, das sei eigentlich ihr Genre. Seither warten wir auf ein solcherart entgiftetes, anders gruseliges Buch von Elfriede Jelinek - auch ein wenig bang; denn ohne jegliche Kontamination wäre doch die ganze sportliche Note perdu. Die wird Elfriede Jelinek, die an diesem Freitag sechzig Jahre alt wird, hoffentlich nicht missen wollen.



Text: F.A.Z., 20.10.2006, Nr. 244 / Seite 39
Bildmaterial: dpa

 

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