Von Ernst Horst
25. April 2008 Joan Baez war 1968 so alt wie Jana Hensel und Elisabeth Raether heute, nämlich um die dreißig. Vielleicht meinte ich deshalb bei der Lektüre des autobiographischen Bändchens Neue deutsche Mädchen von Hensel und Raether im Hintergrund immer wieder einen der privateren Songs aus Baez' Doppelalbum Any Day Now zu hören. Ausgerechnet Joan Baez. Nun ja, die Lieder waren von Bob Dylan, der damals wie Schiller nur in Zitaten sprach, aber die Zitate passen diesmal besonders gut. Möglicherweise war 1968 eine ähnliche Zeit des Aufbruchs wie die Jahre nach der Wiedervereinigung, von denen im Buch die Rede ist.
Hensel und Raether leben in Berlin und verdienen ihr Geld mit der Verfertigung von bedrucktem Papier. Das ist noch ein Glück, ein Bücher- und Heftefreund wie ich könnte die Ergüsse von irgendwelchen Fernsehschnepfen nur schwer ertragen; die Autorinnen haben sich neben altersgemäßen Interessen - Schuhe, Restaurants, Kurzreisen - eine Lust am Schreiben bewahrt.
Der Mann ist das Maß aller Dinge
Das Buch schildert, sozusagen in Stereo, ihre Zeit vom Volljährig- zum Erwachsenwerden, mal berichtet die eine, mal die andere. Raether kommt aus dem Westen, Hensel aus dem Osten. Die Kindheits- und Jugendjahre fehlen nicht, doch sie dienen mehr der Demonstration der Eltern: Wie unterscheiden sich neue deutsche Mädchen von alten deutschen Muttis? Aber eigentlich geht es in dem Buch darum, wie sich Frauen über die Männer definieren. Das böse Y-Chromosom ist immer und überall. Wir Männer legen das Koordinatensystem fest, in dem sich die Frauen bewegen, die angepassten und die aufmüpfigen. Der Mann ist das Maß aller Dinge, auch wenn sein Wille nicht immer erreicht, was er erstrebt.
Der Einstieg erfolgt über Alice Schwarzer. Die Urmutter wird nur wenig kritisiert, aber doch als DinosaurierIn entlarvt. Raether empfindet Schwarzers heutigen Feminismus als Charity. Das Buch vergleicht die Wirklichkeiten der neuen deutschen Mädchen und der Generationen vorher. Das betrachtete Sample ist nicht repräsentativ, aber unterhaltsam. Dabei wird auch theoretisiert, aber nicht zwanghaft. Man muss nicht alles ergründen wollen.
Und plötzlich ist es vorbei
Am Anfang berichten die Girls von ihrem Liebes- oder besser gesagt Triebleben. Kann man daraus etwas lernen? Nicht viel. Wir Schimpansen bleiben Schimpansen, auch wenn wir nach einem tieferen Sinn im Leben suchen. Die Autorinnen hatten eine Folge von Affären - nicht nur in Berlin -, von denen sie ein paar exemplarisch vorführen. Das war noch nicht einmal serielle Monogamie, aber zumindest dürfte in jeder der Beziehungen immer klar gewesen sein, ob man Hauptfrau oder Kebsweib war. So viel Struktur muss sein. Irgendwann kam dann stets der Tag, als plötzlich klar wurde, es ist vorbei. Anschließend hat man sich noch nicht einmal gehasst. Verräterisch ist aber doch, dass beide Autorinnen den guten alten moralischen Terminus betrügen verwenden, der Hormone und Strafrecht so nett vermengt.
Raether und Hensel sind Scheidungskinder. In Westdeutschland hatten sich die gesellschaftlichen Verhältnisse allmählich gewandelt, im Osten waren viele Ehen nach dem Untergang des Sozialismus plötzlich zerbrochen. Frau Raether senior besaß durchaus eine gewisse Affinität zum Leben als Hausfrau und Mutter, aber nicht so ausschließlich, wie ihr Ex-Mann es erwartete. Er nannte sie deshalb hysterische Emanze. In der DDR war die Gleichberechtigung nur Gleichmacherei, das Resultat von Unterdrückung, sagt jedenfalls Hensel. Nach der Wende brach alles zusammen.
Lammkeule und Wunschkind
Halten wir uns an den, der Geld hat. In Paris war Raether Geliebte eines älteren Herrn, sozusagen das klassische Ballettmädchen. Es hat sich durchaus gelohnt. Davon geblieben sind ihr aber nur Geschenke wie sündteure Klamotten und die Gesammelten Werke von François Mauriac, dem linkskatholischen Lieblingsschriftsteller von Charles de Gaulle. Ein schönes Detail. Überhaupt sollte man anmerken, dass sich die Beiträge von Raether manchmal durch eine hübsche subtile Ironie auszeichnen.
Hensel berichtet dann von neuen Vätern, die sich von ihrer Frau getrennt haben, aber den Kontakt mit den Kindern so eng wie möglich halten wollen, und wie das gerade bei Frauen oft auf wenig Verständnis stößt. Danach erfahren wir etwas über ihre Zeit als Praktikantin in einer männlich dominierten Berliner Redaktion. Die Kollegen lassen die Frau aus dem Osten noch nicht einmal über Frauen aus dem Osten schreiben. Wer sind Sie denn, dass Sie Angela Merkel Ratschläge geben wollen!
Aber jeder gute Hollywood-Film hat sein Happyend. Die neuen deutschen Mädchen lernen schließlich doch noch die richtigen neuen deutschen Burschen kennen. Hensel, die mit zwanzig abgetrieben hat, bekommt ein Wunschkind. Raether brät ihre erste Lammkeule. Über diese finalen Rettungen erfahren wir Leser aber nur wenig. Der heute allgemein übliche Exhibitionismus atrophiert genau dann, wenn nichts Peinliches mehr zu berichten ist. Raethers Quintessenz lautet: Es war für mich eine erleichternde Einsicht, dass nicht ein Mann mich glücklich machen würde, sondern mir dies selbst gelingen muss. So weit kann man immerhin kommen.
Jana Hensel, Elisabeth Raether: Neue deutsche Mädchen. Rowohlt Verlag, Reinbek 2008. 206 S., geb., 16,90 Euro.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Delphi/Cinetext
