Herr Strauß plädiert in diesem Artikel dafür, wenn ich ihn richtig verstehe, bei Preisverleihungen zu unterscheiden zwischen den großen kulturellen Leistungen eines Menschen und seinen vielleicht zweifelhaften wenn nicht gar verwerflichen politischen Aktivitäten. Ob Heidegger seine Kollegen und ehemaligen Lehrer rassehygienisch aus der Uni geworfen hat oder nicht - egal! - einen Preis für seine tollen Ideen hat er allemal verdient.
Doch diese Aufspaltung des Menschen in den Fachidioten (Poeten, Philosophen usw.) einerseits und das soziale Wesen andererseits ist für Preisverleihungsfragen höchst problematisch. Sie übersieht, dass eine Preisverleihung zu allererst eine Anerkennung der jeweiligen Person durch die Gesellschaft darstellt. Ein Preis sagt: ja, richtig, mach weiter so! Und "mach weiter so" würde ich auch einem Heidegger niemals sagen wollen, egal wie einflussreich seine philosophischen Ideen auch sein mögen. Wenn jemand fundamental gegen Grundsätze der Gesellschaft verstößt, darf die Gesellschaft diesen jemand nicht ausdrücklich loben.
Und allenfalls die fachliche Nachwelt, die nicht mehr mit dem gesellschaftlichen Wesen als ganzem zu tun hat, darf es sich mit gelassenem Abstand erlauben, festzustellen, dass die Bücher von Heidegger vielleicht gar nicht mal so schlecht sind.
Ob Peter Handke aber überhaupt in diese Kategorie von Leuten fällt, die geniale Künstler, aber menschliche Arschlöcher sind, sei hier völlig dahingestellt.
Oliver Brzoska, Berlin
Je mehr ich darüber lese, desto schwerer fällt es mir, die Kritik an Handke nachzuvollziehen. Die Anschuldigungen bestehen hauptsächlich aus Unterstellungen und unfairen auch unwahren Zitaten. Auch andere seriöse Zeugen haben die damalige einseitige Verteufelung der Serben und die dazu benutzte Sprache kritisiert. Mag sein, dass Handke aufgrund seiner persönlichen Eindrücke und vielleicht auch Sympathien nicht immer der Schuldverteilung zustimmen konnte, die die Politiker und die Medien uns vorgaben, aber nach allem, was ich bisher gelesen habe, besteht keinerlei Anlass, an der redlichen, menschenachtenden und demokratischen Gesinnung Handkes zu zweifeln. Vielmehr muss im Sinne Heines gewürdigt werden, dass er seine Stimme gegen eine einseitig empfundene Stimmung und eine gefährliche Sprache der Öffentlichkeit erhob.
Im übrigen sollte man den gesellschaftspolitischen Schaden bedenken, der entsteht, wenn eine Stadtregierung eine Jury beauftragt, eine "unabhängige und endgültige" Entscheidung zu fällen, sich dann aber nicht daran einhält.
Die Argumente von Botho Strauß überzeugen nicht.
Es ist ein Unterschied, ob ein lebender Dichter als Person oder ob sein Werk geehrt wird. Die Nachwelt bestimmt über den Rang eines Werkes. So geschehen bei Ezra Pound, Hamsun, Schmitt und anderen, denen man - lebten sie noch heute - kaum einen Preis verleihen würde.
Beim Heine-Preis wird der Dichter Peter Handke geehrt, das umfaßt Mensch und Werk. Ob es im Sinne Heines ist, einen Dichter zu ehren, der verblendet einem Demagogen, Volksverhetzer und Völkermörder bis über den Tod hinaus nachläuft, wage ich zu bezweifeln. Genau gegen solche dumpfen Nationalisten wie Milosevic hat Heine zeit seines Lebens angeschrieben. Es würde Heines Integrität und Intelligenz beleidigen, würde man den Anhänger und Speichellecker eines Milosevic ehren.
Wenn Sie Ihre eigenen Kommentar-Richtlinien beachteten, hätten die Zeilen von Botho Strauß über Leah Rosh so nicht veröffentlicht werden dürfen. "Wir leben gottlob noch nicht in einer Lea-Rosh-Kultur, in der sich deutscher Geist nur geduckt bewegen soll ..." - ist das "seriös und sachbezogen" oder nicht doch "beleidigend und verleumderisch", vielleicht sogar "rassistisch"? Oder halten Sie dies für eine "nachprüfbare Behauptung"?
Im übrigen ist eine Menge Heuchelei in der Diskussion: Politiker möchten vom Glanz der Kunst profitieren und bemühen dafür das Geld des Steuerzahlers, Schriftsteller erhalten Gelegenheit, alte Rechnungen zu begleichen, und das Feuilleton ist begeistert, hat man doch einen Skandal, über den man wochenlang schreiben kann.
Kästner hat mal geschrieben, er habe erst sehr spät im Leben gemerkt, daß ein guter Künstler nicht auch ein guter Mensch sein müsse. Damit ist alles gesagt.
... dass Ezra Pounds literarisches Werk seinen Faschismus überdauert hat. Trotzdem wäre es wohl anfechtbar gewesen ihm seinerzeit - sagen wir im Jahr 1942 - einen Literaturpreis zu verleihen.
Herr Handke hätte wissen können, dass seine politischen Äußerungen aktuelle Auswirkungen auf die Beurteilung seines Werkes haben würden.
Und dass er nun diesen Preis nicht bekommt, daran wird weder er noch die deutsche Kultur zugrunde gehen.
Während sich der dumme deutsche Michel mit den kleinlichen Niederungen der Wirklichkeit abplagt und im „Richtigen“ der Lea Rosh- Kultur herumkriecht, haben wir Sie Gott sei Dank noch unter uns: die wirklichen Deutschen Dichter, die Handkes und Botho Strauss, die sich in der Höhe des Genies härter ausbilden, um trotz Schuld und Irrtum das Gute unter die Menschen zu bringen- für uns und die Wahrheit tragen sie ihre Stigmata mit Würde. So sind wir alle dankbar, dass jemand Schuld und Irrtum für uns alle auf sich nimmt: Danke, danke danke! Das ist wahrhaft preiswürdig!
Was von Peter Handke bleibt, objektiv, vermag keiner zu sagen. Nur der Leser kann für sich erkennen, was er für sich von Handke mitnimmt und von ihm bleiben wird. Für viele ist Handke ein Autor, der ihnen eine neue, den Blick öffnende, lebensbejahendere Sicht auf die Welt geschenkt hat. Für viele ist Handke der bedeutendste und wortmächtigste lebende Autor deutscher Sprache. Für manche Leser ist Handke ein Autor, dessen literarisches Werk ihre Sehweise und ihr Leben verändert hat. Und zwar auch von solchen Lesern, die seine politischen Äußerungen zu Serbien und Milosovic keinesfalls teilen, sondern vielmehr ausdrücklich ablehnen. Dies ändert aber nichts am literarischen Rang Handkes. Botho Strauß hat das sehr schön auf den Punkt gebracht. Schriftsteller sind, das sei nochmals betont, keine Heiligen, keine Propheten, keine Götter und keine unfehlbaren Päpste der Sprache. Schriftsteller sind vielmehr genauso (politisch) fehlsam wie jeder andere Mensch, und ein großes literarisches Werk ist noch keine Garantie für eine überzeugende politische Meinung, wie man gerade an Peter Handke erkennen kann.
E. Schramm
Herr Strauß,meine Hochachtung !
Wie schnell und gründlich es geht,politische Stellungnahmen und Aussagen von sog. Intellektuellen (und damit gleich die ganze Person mit) zu relativieren,alle Achtung.
Heideggers Sympathien für den NAtionalsozialismus - nichts mehr wert.Brechts Toleranz gegenüber Stalins hitlerscher Diktatur - mit seinen Werken hat er diese Scharte wieder ausgewetzt.Und nun Handke ,der zwar den serbischen Diktator nicht ehren will,sich aber doch auf dessen Beerdigung
herumtreibt.
Man darf also als Intellektueller jedweden Unfug vertreten;am
Ende bleibt doch nur der Ruhm.
Überragender Rhapsode, Matador der Moderne, berüchtigte Rechtslehrer. Strauss Sprache war an der Gegenwart schon mal ungefähr so dicht dran wie es Handke an der Wirklichkeit war. Und nun? Stabreime, Betulichkeit und Flehen nach Beistand durch die Toten. Ja was bleibt denn? fragt er immer wieder. Und Ach! die Augen sind auch schon wieder schlechter geworden. Oder sind das diese neumodernen Plastikgläser, die sie einem da heute immer verpassen. Er ist schon kaum mehr der Brecht vom Pound zu unterscheiden. Eine rechte Wegscheide des Sehens ist das! Aber je schwächer das Licht wird, desto deutlicher kann er es sehen, was ihn da aus der Höhe ruft. Noch einmal hinauf, denkt er. In die Höhe. Noch einmal richtig hart werden und dann - einmal noch! - das Gute unter die Menschen bringen.
Herr Beck ist Bundestagsabgeordneter und rechtspolitischer Sprecher der Fraktion der Grünen. Dafür wird er vom Steuerzahler bezahlt. Das ist sein Beruf.
Herr Beck ist bekennender Schwuler. Das ist seine Privatsache, das geht keinen was an.
Nun nimmt Herr Beck an einer verbotenen Demo in Moskau teil. Nicht als Abgeordneter, geht auch gar nicht, sondern als Privatmensch, um seine eigenen Interessen zu vertreten. Kann und soll er ja machen.
Da diese Demo verboten wurde – wie viele andere Demos in ganz Europa, (Spanien, Italien, Frankreich, Nordirland, Deutschland usw.) liegt das Risiko der Teilnahme an Herrn Beck in seinem privaten Bereich !
Dieses Risiko hat der Privatmann Herr Beck in Kauf genommen, wie viele andere Demonstranten auf der Welt, die auch an verbotenen Demos teilnehmen.
Daß eine Demo kein Kaffeekränzchen ist, weiß jeder.
Aus welchem Grunde verboten, spielt eine rechtsunerhebliche Rolle. Verboten bleibt verboten.
Nun will Herr Beck für seine privaten Gründe zur Teilnahme an der Demo die Bundesregierung, ganz Deutschland in Haft nehmen. Und das ist unverschämt. Was hat die Bundesrepublik Deutschland mit den privaten Interessen des Herrn Beck zu tun??? Nichts!!! Überall Aufregung, weil Herr Beck ein Abgeordneter ist. Tausend andere Demonstranten in Europa, die verbotenerweise demonstrieren haben keine Lobby.
Und das ist es genau, was Herr Beck verwechselt. Lobbyismus zu seinen privaten Gunsten und gegen sein Mandat als Abgeordneter.
So
Um nicht gleich von „jüdischer Kultur“, die den deutschen Geist duckt und knechtet, zu sprechen fehlt Herrn Strauß wohl noch der Mut. Da muß vorerst Lea Rosh ersatzweise herhalten. Hat sie doch durch ihr Engagement nicht unwesentlich das Risiko für „deutschen Geist“ und deutsche Geister erhöht, bei Anwandlungen in aufrechter Haltung mit erhobener Stirn ohne „Rücksicht“ voranschreiten zu wollen, unvermittelt dennoch rückschaudernd zu erstarren. Aber die von Strauß beschriebenen Geistesgrößen waren ja auch keine Helden. Insofen passt dass schon und zwar ganz unabhängig davon, ob Herr Strauß nun ein Wichtiger oder doch nur ein Richtiger ist.
Helmut Suttor, Frankfurt
Ein Kommentator wundert sich, daß man zu Handke verschiedener Meinung in einer Zeitung sein kann. Warum eigentlich muß eine Zeitung nur eine Stimme und eine Linie haben? Gibt es darüber Vorschriften? Wenn ja, dann ist dieses Problem im Beitrag von Strauß bereits genannt.
Diese Zeitung hatte vor etlichen Jahren Handkes "Niemandsbucht" rezensiert. In dem Buch wurde viel Wert darauf gelegt, die Regierung in Belgrad in das Sonnenlicht der richtigen Weltanschauung zu rücken. So, als ob das etwas entschuldigt. Handkes weltanschauliche Tendenz hat ihm sicher mehr Interesse und Zuspruch beschert als Sprachkunst es je könnte. Man ahnt, daß die Düsseldorfer Jury ebenfalls solchem Maßstab verpflichtet ist. Eilfertige Sorge um die Freiheit der Kunst wirkt dann lächerlich. Der Anspruch würde keinem Test standhalten.
Botho Strauß frage ich, ob gesellschaftliche Wirkung etwas über die Qualität eines Schriftstellers aussagt - wie in seinem Brecht-Beispiel. Diese Wirkung kann man auch gezielt erzeugen und herbeireden.
Pech für Handke, daß er sich in der Niemandsbucht zufälligerweise im Gestrüpp an der Grenzlinie erwünschter Meinung verfangen hat. Das war damals vorab nicht abzuschätzen. Auch ist es ihm nicht gelungen, Schönwetter herbeizureden für einen der letzten europäischen Staaten mit einem Etikett in der Lieblingsfarbe westlicher Berufsintellektueller. Solcher Art von Dichtung muß man nicht nachtrauern.
Strauß ist zuzustimmen in der Entrückung singulärer Erscheinungen (wie Brecht,Handke,auch Nietzsche , Sloterdijk) aus den Befängnissen ihrer (mittelmässigen?) Umgebung.Und im Widerspruch ihrer Zurichtung in politisch korrekte Koordinaten. Auch die -Walserschen- Bedrohungsroutinen und Selbst-Beschwerungen der Deutschen - sind hier zu nennen.
Aber bitte keine leichtlippigen Abstreifungen eines kollektiven Bösen zugunsten einer elitär-schönen Genialität! Es bleiben auch die Solitäre in der Fluss-Landschaft solche , wenn sie sich zur kollektiven Kloake verdunkelt.
Entrinnen aus dem Sumpf und unser Entrinnen ermöglichen vermögen auch sie nicht.
Wenn Handke Serbien als Projektionsfläche eines mythisch-reinen Ortes braucht, dann ist dagegen nichts einzuwenden. Wenn er meint, die (westlichen) Medien würden gegen Serbien hetzen, dann ist das sein gutes Recht. Wenn sich diese Sympathien selbst auf Slobodan Milosevic und sein Regime ausdehen, dann ist das meiner Meinung nach sehr bedenklich, aber im Rahmen der Meinungsfreiheit. Dass aber genau dieses Verhalten, das die Relativierung von Kriegsverbrechen mit einschließt, (und nicht etwa sein literarisches Werk) mit 50.000 € aus Steuergeldern belohnt werden soll(te), ist ein Skandal.
Der hohe Ton des Herrn Botho nervt gelegentlich (und nicht zum ersten Mal). Aber in der Sache hat er vollkommen recht.
Nur - man reibt sich verwirrt die Augen: War es nicht ursprünglich ebendiese Zeitung, in der das Feuer gegen die Entscheidung der Heine-Jury aufgenommen wurde?
Bei alledem kommt einen nun doch das Mitleid an, vor allem mit den Kommunalpolitikern an der Düssel: Erst krabbeln sie eilfertig den großfeuilletonisierenden Leitartiklern hinterher - und jetzt kriegen sie schon wieder Haue. Da soll sich aber auch noch einer auskennen...