Türkei

Orhan Pamuk: Vor meiner Gerichtsverhandlung

Am Freitag vor Gericht: Orhan Pamuk

Am Freitag vor Gericht: Orhan Pamuk

15. Dezember 2005 Im Istanbuler Stadtteil Sisli, in dem ich mein ganzes bisheriges Leben verbracht habe, muß ich am morgigen Freitag in dem Gerichtsgebäude gegenüber dem dreistöckigen Haus, in dem meine Großmutter vierzig Jahre lang allein gelebt hat, vor einen Richter treten.

Ich werde beschuldigt, die Türkei verunglimpft zu haben. Der Staatsanwalt fordert drei Jahre Haft. Da vor demselben Gericht gemäß demselben Artikel 301 des Strafgesetzbuches kürzlich der armenischstämmige Istanbuler Journalist Hrant Dink zu sechs Monaten Haft verurteilt wurde, müßte ich mir eigentlich Sorgen machen, was ich aber nicht tue. Wie mein Anwalt glaube auch ich, daß dieser Prozeß ein Fehler ist, daß ich, juristisch gesehen, im Recht bin und daß man - wie auch viele Istanbuler Freunde meinen - mich wohl kaum ins Gefängnis werfen wird.

Es ist mir fast peinlich

So gesehen, ist es mir fast peinlich, um diesen Prozeß überhaupt weiter Aufhebens zu machen. Von Istanbuler Kollegen, bei denen ich mich kundig gemacht habe, weiß ich zudem, daß die meisten von ihnen im Verlauf ihres Lebens mindestens einmal wegen irgendeines Artikels oder Buches unter weit härteren Umständen als ich mit Untersuchungsverfahren, Gerichten und Gefängnissen zu tun hatten. Bisweilen mache ich mir die von Schamgefühl und Schweigen geprägte Haltung zu eigen, in der man nach türkischer Sitte solche Lebenslagen zu ertragen hat, aber zugleich habe ich das Gefühl, daß gerade diese Einstellung einen nicht unbedeutenden Teil des Problems selbst ausmacht.

Ich lebe in einem Land, das seine Generäle, Polizeioffiziere und Staatsmänner schon zu Lebzeiten bei jeder sich bietenden Gelegenheit würdigt und ehrt, seine Schriftsteller aber mit Gerichtsverfahren und Haftstrafen plagt und ihnen höchstens dann einmal eine Ehrung zukommen läßt, wenn abzusehen ist, daß sie bald das Zeitliche segnen werden. So hat mich die Nachricht von diesem Prozeß nicht sonderlich überrascht. Ich begreife auch diejenigen, die mir lächelnd versichern, erst jetzt sei ich ein richtiger türkischer Schriftsteller. Doch selbstredend habe ich die Aussage, die mir diesen Ärger eingebracht hat, nicht aus diesem Grund getan.

Ein türkisches Tabu

Ich habe im Februar dieses Jahres gegenüber einer Schweizer Zeitung gesagt, in der Türkei seien eine Million Armenier und dreißigtausend Kurden umgebracht worden, und darüber geklagt, daß diese Themen in meinem Land tabu sind. Gemeint war damit, was im Osmanischen Reich 1915 den Armeniern widerfahren ist. Unter seriösen Historikern herrscht weltweit Einigkeit darüber, daß im Ersten Weltkrieg ein großer Teil der armenischen Bevölkerung unter dem Vorwand, dem Osmanischen Reich in den Rücken gefallen zu sein, deportiert wurde und unterwegs zu Tode kam.

Von offizieller Seite wird in der Türkei behauptet, die Zahl der Toten liege weit niedriger, es habe sich ferner nicht um einen systematischen Völkermord gehandelt und außerdem seien während des Krieges auch zahlreiche Muslime von armenischer Hand getötet worden. Im September dieses Jahres kam es auf Betreiben von drei angesehenen Istanbuler Universitäten zu einer Fachtagung, auf der erstmals von der offiziellen Version abweichende Meinungen zu diesem Thema öffentlich diskutiert werden konnten (nachdem staatliche Stellen zuvor zweimal versucht hatten, die Veranstaltung zu verhindern). Bis dahin jedoch hatte jeder, der mit einschlägigen Äußerungen auffiel, mit einem Gerichtsverfahren und mit Haft zu rechnen.

Heftige Reaktionen

Man hat mit solcher Sorgfalt versucht, vor dem türkischen Volk zu verbergen, was mit den osmanischen Armeniern 1915 geschah, daß ein wahres Tabuthema daraus geworden ist. Die Reaktionen auf meine Interviewäußerungen waren denn auch von einer Heftigkeit, wie sie eben nur auftritt, wenn an ein Tabu gerührt wird. Einige Zeitungen starteten eine Hetzkampagne gegen mich, Leitartikler äußerten, nun sei es an der Zeit, mich zum Schweigen zu bringen, von Nationalistenvereinen wurden Versammlungen und Märsche organisiert sowie Bücher und Fotografien von mir verbrannt.

So wie Ka, der Held meines Romans „Schnee“ (siehe auch: Orhan Pamuks neuer Roman: Panik in Anatolien), mußte auch ich aufgrund meiner politischen Einstellung eine Zeitlang meinem geliebten Istanbul fernbleiben. Um die Angelegenheit nicht weiter anzuheizen und nach Möglichkeit aus den Schlagzeilen zu entfernen, verhielt ich mich zunächst ziemlich lang still und hoffte aus einem seltsamen Schamgefühl heraus, es werde Gras über die Sache wachsen. Erst als ein Landrat Anstalten machte, meine Bücher verbrennen zu lassen, und als nach meiner Rückkehr in die Türkei der Prozeß angestrengt wurde, erlangte der Fall internationale Dimensionen.

Die „Ehre“ eines Volkes

Ich sah nun ein, daß hinter all dieser Aggressivität nicht einfach nur persönliche Eifersüchteleien steckten, sondern die Sache sowohl in der Türkei als auch international ein Forum finden sollte. Zum einen, weil ich finde, daß die „Ehre“ eines Volkes nicht dadurch beschmutzt wird, daß man über dunkle Punkte seiner Vergangenheit spricht, sondern vielmehr dadurch, daß man nicht darüber spricht. Zum anderen aber, weil die Frage nach dem Schicksal der Armenier im Osmanischen Reich untrennbar mit der Frage der Meinungsfreiheit in der heutigen Türkei verknüpft ist.

Die vielen Solidaritätsbezeugungen, die mich aus dem Ausland erreicht haben, sind mir natürlich einerseits ein Trost, aber manchmal empfinde ich dabei auch Unbehagen, weil sie mir bewußt machen, daß ich zwischen zwei Stühlen sitze, zwischen meinem eigenen Land und dem Ausland. Das geht sogar so weit, daß ich europäische Konservative, die die Türkei nicht in der Europäischen Union haben wollen und auch wissen, daß eine Türkei, die nicht auf das Vergnügen verzichten will, ihre Schriftsteller ins Gefängnis zu stecken, niemals Einlaß finden wird, davon überzeugen muß, wie gut es sowohl der Türkei als auch der EU bekäme, wenn die Türkei einmal die vollständige EU-Mitgliedschaft erlangen würde.

Ein sanftmütiges Volk?

Dabei ist es am schwierigsten, schlüssig zu erklären, warum ein Staat, der sich um eine Vollmitgliedschaft bemüht, es darauf anlegt, einen international anerkannten Schriftsteller „unter den Augen des Westens“ - wie es bei Joseph Conrad so schön heißt - zu inhaftieren. Und das ist nicht der einzige Widerspruch, den ich mit Hinweisen auf „Unwissenheit“, „Neid“ und „Intoleranz“ nicht hinreichend erklären kann. Wie sollen etwa die Behauptungen nationalistischer Kreise aufzufassen sein, denen zufolge die Türken ein sanftmütiges Volk seien, das zu Völkermorden, wie sie vom Westen begangen würden, gar nicht fähig sei, wenn dieselben Leute mir mit Mord drohen?

Was für eine Logik steckt dahinter, wenn ein Staat sich darüber beklagt, von vielen Feinden in der Welt verleumdet zu werden, und dann selbst an seinem schlechten Image kräftig mitarbeitet, indem er seine Schriftsteller ständig mit Prozessen überzieht und einsperrt? Daß man in der Türkei zuerst einen Professor damit beauftragt, eine Untersuchung über das Problem der Minderheiten anzustellen, und ihm dann, weil man seinen Bericht darüber nicht für genehm hält, einen Prozeß macht, oder daß in der Zeit, die ich vom Anfang dieses Artikels bis zu dieser Zeile gebraucht habe, schon wieder fünf Journalisten und Schriftsteller mit Haft bedroht wurden, gehört wohl zu dem, was von mir bewunderte Dichter wie Flaubert oder Nerval in ihrem Hang zum Orientalismus zu Recht als bizarreries bezeichnet hätten, als Wunderlichkeiten.

Eine neue Mittelschicht

Dieses seltsame Phänomen ist aber keineswegs auf die Türkei beschränkt, sondern muß als weitverbreitete neue Gegebenheit angesehen und entsprechend behandelt werden. Das bemerkenswerte Wirtschaftswachstum, das wir in Ländern wie China und Indien erleben, hat dort zur Herausbildung einer neuen Mittelschicht geführt, deren spezifische Eigenschaften sich wohl am besten durch Romane beschreiben ließen. Ob man sie nun als nichtwestliche Bourgeoisie oder als neureiche Bürokratie bezeichnet, auf jeden Fall stehen diese neuen Eliten genau wie die westlich geprägte Elite meiner Heimat vor dem Dilemma, daß sie sich bemüßigt fühlen, zur Legitimierung ihrer Macht und ihres Wohlstandes zwei Haltungen an den Tag zu legen, die miteinander im Widerspruch stehen.

Zum einen möchten sie beweisen, daß sie selbst sich die Sprache und die Gepflogenheiten des Westens angeeignet haben, und möchten, daß ihr gesamtes Volk es ihnen am besten gleichtut. Zum anderen aber müssen sie sich der Kritik erwehren, nicht mehr genug „Stallgeruch“ zu haben, und suchen daher ihr Heil in einem militanten, intoleranten Nationalismus. Dem außenstehenden Beobachter bieten sich daher Wunderlichkeiten im flaubertschen Sinne, wenn er die Diskrepanz zwischen den politischen und wirtschaftlichen Programmen einerseits und den kulturellen Vorstellungen andererseits konstatiert.

Die Greuel der Vergangenheit

Der Nobelpreisträger V. S. Naipaul hat als einer der ersten aufgezeigt, wie unbarmherzig die neuen Eliten postkolonialer Gesellschaften im Umgang mit den Greueln ihrer jüngeren Vergangenheit sein können. Als ich im Mai in Korea mit dem großen japanischen Schriftsteller Kenzaburo Oe zusammentraf, erzählte er mir davon, wie er bei sich zu Hause zur Zielscheibe nationalistischer Angriffe wurde, weil er der Meinung war, die während der Besetzung Koreas und Chinas von den Japanern begangenen Verbrechen müßten öffentlich zur Sprache gebracht werden.

Die Intoleranz des russischen Staates gegenüber den Tschetschenen und anderen Volksgruppen, die Unterdrückung der Meinungsfreiheit in Indien durch militante hinduistische Eiferer sowie die in aller Stille an dem Turkvolk der Uiguren vollzogene ethnische Säuberung in China entspringen ebenfalls dieser Art von innerem Widerspruch: einerseits die inbrünstige Hinwendung zur globalen Wirtschaft und andererseits die Verdammung von Demokratie und Meinungsfreiheit als westliches Teufelszeug.

Die Freunde der Türkei in Europa bemühen sich, die um Aufnahme in die Europäische Union bittende Türkei immer wieder in angemessenem Ton darauf hinzuweisen, daß sich die Demokratie und die Menschenrechte in gleichem Maße auf die EU zubewegen müssen wie die Wirtschaft. Ich denke, daß die Schriftsteller in außerwestlichen Gesellschaften, die uns einmal das Leben der mächtigen neuen Mittelschicht dieser Länder in allen Farben schildern werden, vom Westen die gleiche kritische Haltung erwarten. Dergleichen von einem Westen zu erhoffen, dessen Ansehen durch die Lügen um den Irak-Krieg und die Gerüchte über Folterflüge merklich geschwächt ist, mag allerdings ein wenig optimistisch sein.

Aus dem Türkischen übersetzt von Gerhard Meier.



Text: F.A.Z., 15.12.2005, Nr. 292 / Seite 33
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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