Susan Sontag

Leid, Kultur

Von Felicitas von Lovenberg

17. Juni 2003 "Ich kann mich nicht wohl fühlen, wenn ein anderer leidet", sagte Graham Greene. "Solange wir Mitgefühl empfinden, kommen wir uns nicht wie Komplizen dessen vor, wodurch das Leiden verursacht wurde", schreibt Susan Sontag. Kaum ein Schriftsteller hat die Geisteshaltung eines unruhigen Gewissens so ins Zentrum seines Denkens gestellt wie die amerikanische Kulturkritikerin. Ihr radikaler, umstrittener Gestus liegt in der Fähigkeit, diese Ruhelosigkeit auf ihre Leser zu übertragen. Phänomene am Maßstab des eigenen Erlebens zu messen: Diese Methode begründet die moralische Qualität ihres Werks. Immer wieder sucht Susan Sontag den Punkt zu benennen, an dem wir vom Weg abgekommen sind - politisch, moralisch, ästhetisch. In ihren Augen können Probleme nicht gelöst, sondern nur ertragen werden. Unablässig ist sie auf der Suche nach Kriterien, um den Konflikten adäquat zu begegnen.

Daß Susan Sontag den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält, war seit langem fällig. Nun, im Jahr des Irak-Kriegs, drängte sich die Entscheidung geradezu auf, die amerikakritische Amerikanerin endlich auszuzeichnen. Die Schriftstellerin sei "in einer Welt der gefälschten Bilder und der verstümmelten Wahrheiten für die Würde des freien Denkens" eingetreten, heißt es in der Begründung der Jury. Pathetischer und wahrhaftiger hätte sie selbst es nicht formulieren können.

Eine brillante Essayistin

Denn die 1933 geborene Susan Sontag steht für wesentlich mehr als eine politisch trotzige, polemisch-unpatriotische Haltung. Trotzdem hat sie mit ihren tagesaktuellen Reaktionen, etwa auf den 11. September (F.A.Z. vom 15. September 2001), immer wieder für Aufsehen gesorgt. Sie ist eine seit knapp vierzig Jahren anerkannt brillante, unerschrockene Essayistin, eine aufgrund ihres moralisierenden Tons zunehmend unbeliebte Denkerin, eine nach wie vor eher glücklose Romanautorin.

Für das "alte" Europa ist Susan Sontag vor allem der Brückenkopf in die Vereinigten Staaten. Ihre intellektuelle Bandbreite und ihr literarischer Fundus, die lebendige Eleganz ihrer Sprache, ihre unbedingte Bereitschaft, den Elfenbeinturm in Manhattan jederzeit gegen Kriegsschauplätze, ob Hanoi (1968) oder Sarajevo (1993), einzutauschen und ihre anschließende Gewissenserforschung öffentlich zu machen - das alles macht Susan Sontag zur bedeutendsten Essayistin Amerikas. Längst wird alles, was sie sagt und schreibt, an die große Glocke gehängt, ohne daß sie selbst sie läuten müßte. Gewiß, eine Hierarchie des Intellekts regiert ihren - entschieden antipsychologischen - Blick auf die Welt. Doch dann verliebt sie sich immer wieder in Ideen - was nur denen gelingt, die die Menschen sehen, wie sie sind. Ihre größte Leidenschaft gilt der Erforschung des Verhältnisses von Kunst und Wirklichkeit, wobei die Kunst ihrer Auffassung nach vor allem sinnlich erfahren werden muß, während die Realität stets rational zu interpretieren ist.

Mysteriöse Amazone

In den Sechzigern, als sie mit ihren eindrucksvollen Aufsätzen "Against Interpretation", "On Style" und vor allem ihrer Auseinandersetzung mit der manierierten "Camp"-Ästhetik sozusagen über Nacht berühmt wurde, war sie das europäisch dreinschauende Wunderkind unter den amerikanischen Intellektuellen, eine schöne, mysteriöse Amazone in der Nachfolge Mary McCarthys und Hannah Arendts. Schon damals - Susan Sontag war Anfang Dreißig - umwehte sie etwas Dramatisch-Divenhaftes, das sich mit der Zeit zur Pose versteifte.

Romane verfaßt sie anfallartig - in den sechziger Jahren erschienen "Der Wohltäter" und "Todesstation", in den Neunzigern "Der Liebhaber des Vulkans" und "In Amerika", dazwischen lag nur ein Kurzgeschichtenband ("Ich, etc.", 1979). Doch obwohl Susan Sontag selbst großen Wert auf ihr belletristisches Werk legt, gilt der Friedenspreis der Essayistin. Die Dimensionen des Denkens und der Wahrnehmung, das Gären der Gefühle, unser Verhältnis zum Tod - die Themen, die sie in ihren Aufsätzen so emphatisch reflektiert, lassen ihre Protagonisten blaß erscheinen. Die an Benjamin, Canetti und Barthes geschulte Lebensbeobachtung, die ihre Essays befeuert, versickert in ihren Romanen.

Das Leiden anderer

Susan Sontags gesamtes Werk ist vom Bemühen um Aufrichtigkeit geprägt. Darum scheut sie sich nicht, frühere Meinungen zu revidieren. So beurteilt sie die in "Über Fotografie" (1978) geforderte "Ökonomie der Bilder" in ihrem neusten, in Kürze bei Hanser erscheinenden Band "Die Leiden anderer betrachten" (F.A.Z. vom 12. April), als aussichtsloses Unterfangen. Gerade wenn sie über den Krieg, dieses "männliche" Spektakel, schreibt, offenbart sich die Stärke ihres Stils, der von Pragmatismus ebenso geprägt ist wie von gelegentlicher Emotionalität, stets aber reflektiert und distanziert auftritt.

Susan Sontag ist immer Zuschauerin, doch ihre Position hat nichts Wohlfeiles, denn sie operiert mitten aus jener Kultur heraus, die Gegenstand ihrer Kritik ist. Nur einmal hat sie diese Distanz gänzlich aufgegeben, für "Krankheit als Metapher" (1978), ihrem vielleicht wichtigsten Werk, das seine Fortführung in "Aids und seine Metaphern" (1989) fand. Auch in ihrem neuen Buch erweist sich Neutralität als Fremdwort in Susan Sontags Kosmos. Mit der Benennung des Schrecklichen kämpft sie gegen die Gewöhnung an Schock und Leid. Doch auch diese Selbstvergewisserung darf sich nicht abnutzen; es gilt, sie immer wieder neu zu überprüfen - am Leiden. Und doch müssen wir auswählen, welches Leid wir an uns heranlassen und welches wir abblocken. "Wer menschlich bleiben will, muß Stellung beziehen", sagte Greene. Wer sagt, wo er steht, macht sich angreifbar. Bei Susan Sontag ist es nicht nur das Mitgefühl, das sie vom Komplizentum befreit.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.06.2003, Nr. 139 / Seite 35
Bildmaterial: dpa/dpaweb

 
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