Jonathan Littell

Großer Littell, kleiner Littell

Von Jürg Altwegg

16. April 2008 War alles nur ein Scherz? Hat ein „Neger“, wie es in Frankreich heißt, also ein Ghostwriter, Jonathan Littells Roman „Die Wohlgesinnten“ geschrieben, von dessen französischer Taschenbuchausgabe seit Ende Januar nochmals 200.000 Exemplare verkauft worden sind? Das „Figaro“-Magazin hat diese Verschwörungstheorie aus Anlass von Jonathan Littells Buch über den belgischen Faschisten Léon Degrelle neu aufgetischt. Jack-Alain Léger habe die fiktiven Memoiren des SS-Mannes Max Aue geschrieben, spekuliert der Autor. Und zwar aus Rache an einem Rezensenten, der ihn als „Neger“ eines anderen Buchs überführte und mit einem gnadenlosen Verriss eindeckte. Und tatsächlich sei der entsprechende Kritiker in die Falle getappt: Er habe als Erster die „Wohlgesinnten“ zum genialen Meisterwerk hochgejubelt. Wer gemeint ist, schreibt das „Figaro“-Magazin nicht - der Titel des Artikels indes weist die Spur: „Little Littell man“.

Sie führt, Irrtum vorbehalten, zum „Nouvel Observateur“ und zu dessen Titelgeschichte über „Littell Big Man“. Er hat jetzt auch mit einem Vorabdruck den Startschuss zur Debatte um Jonathan Littells „Le Sec et l'humide“ (Gallimard) gegeben. Léon Degrelle war in der SS. Er lebte nach dem Krieg in Franco-Spanien und schrieb mehrere Bücher. Littell bezieht sich auf seine Rechtfertigung des Russland-Feldzugs. Degrelle war in vielerlei Hinsicht Vorbild für Max Aue. Der hat ihn im Roman nicht getroffen, aber der faschistische Schriftsteller Robert Brasillach erzählt ihm vom legendären Chef der „Rexisten“.

In der Nachfolge Klaus Theweleits

Littell hat seine mehr philologische als biographische Studie vor dem Roman geschrieben. Mit ihr entdeckt Frankreich nun Klaus Theweleit und dessen „Männerphantasien“. Der Romancier der „Wohlgesinnten“ hatte das nie ins Französische übersetzte deutsche Kultbuch der siebziger Jahre auf Englisch gelesen und Theweleit um das Nachwort zu „Le sec et l'humide“ gebeten. Littells Argumentation und Terminologie beziehen sich oft auf Theweleit.

Das „Figaro“-Magazin wagt es nicht, auch noch diesen Essay Jack-Alain Léger - er hat denselben Agenten wie Littell - zuzuschreiben. Deshalb muss es Littell der Unfähigkeit bezichtigen. „Lächerlich“ sei das Buch und vor allem eine Gelegenheit, fünfzehn Euro zu sparen. In der Literaturbeilage derselben Zeitung, im „Figaro littéraire“, tönte es indes ganz anders. Von einem „sehr persönlichen und belesenen“ Buch ist hier die Rede, dessen „Schlüssel“ der Rezensent in den Bezügen zu Tschetschenien und Abu Ghraib ausmacht, wo das Lachen vor dem Grauen seinen Widerhall findet.

Gewogene Rezensionen

Auch „Libération“ und „Le Monde“ haben dem „Präludium“ zu den „Wohlgesinnten“ gewogene Rezensionen gewidmet. Als subtile Antwort auf Claude Lanzmanns „Zweifel an der Sprache, die Littell den Henkern zuschreibt“, hat „Le Monde“ das Buch gelesen. Die umfassendste Besprechung erschien in der Genfer Zeitung „Le Temps“. Laurent Wolf befasst sich mit Klaus Theweleits „Körpern und Worten der Nazis“. Er bringt Jonathan Littells Studie in Zusammenhang mit Victor Klemperer und Jean-Pierres Fayes Analyse der totalitären Sprache. In einer Zeit der „livres sans écriture“, der Bücher ohne Stil und Seele, zeige Littell, was „die Literatur und die Sprache zum Verständnis der Welt beitragen können“.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Matthias Lüdecke

 
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