Von Friedmar Apel
10. April 2007 Die Lebenslust, die Robert Gernhardt noch in Zeiten der Krankheit versprühen konnte, war immer auch Lust an der Pointe und ihrer Wirkung auf das Gegenüber. Nach dem Gedichtband Später Spagat (siehe: Gernhardt, Robert: Später Spagat) erscheint mit Denken wir uns nun das zweite Buch, das er bis kurz vor seinem Tod im Sommer 2006 noch selbst zusammengestellt hat. Die Lust an der Pointe hat ihn offenbar bis zuletzt nicht verlassen, aber unter den Umständen zielen viele von ihnen auf den Tod, als sollte der Gevatter, mit dem sich der Dichter schon lange duzte, schnell noch einmal verspottet werden.
Die Aufforderung an die Leser, das Salz der Erde gleichwohl fröhlich zu lesen, ist so nicht leicht zu befolgen. Sie schlägt in Beklemmung um, wenn ein Schriftsteller im Buch auf die Frage, wie er denn mit sich und der Welt zufrieden sei, in Gernhardtscher Manier antwortet: Oh - ich sehe keinen Grund, unzufrieden zu sein. Ich habe eine von mir geliebte Frau, einen von vielen geachteten Beruf und eine von allen gefürchtete Krankheit - mehr kann man vom Leben eigentlich nicht erwarten. Kann einer aber eben doch. Und wenn er dieses Mehr nicht bekommen hat und weiß, dass er es nie bekommen wird, so kann es nur noch geträumt oder gedacht werden.
Literarisches Denkspiel
Um ein solches Mehr und seine Versagung geht es offen oder verdeckt fast in jedem dieser Texte. Sie werden als Erzählungen vorgestellt, dabei hat Gernhardt im ersten Stück unter Berufung auf Jorge Luis Borges die viel treffendere Gattungsbezeichnung des Denkspiels gewählt und gleichzeitig seine Funktionsweise im Möglichkeitsraum der Literatur und der Einbildungskraft zwischen Shakespeare und Kafka vorgeführt. Das literarische Denkspiel in diesem Sinn ist ein Pendant zum wissenschaftlich gegründeten Gedankenexperiment, das nur im Kopf durchgeführt werden kann. In ihm geht es darum, sich eine Welt zu denken, in der ein bestimmter Sachverhalt möglich oder unmöglich ist. Um die Frage: Wie würden wir unser Leben gestalten, wenn es nicht vom Tod begrenzt wäre beispielsweise? Oder: Wie würden wir sein, wenn die Welt zweidimensional wäre?
Das Gedankenexperiment muss sich trotz seines fiktionalen Charakters in allen anderen als der Ausgangsbedingung an Empirie oder vorhandene wissenschaftliche Theorie halten. Das literarische Gedankenspiel dagegen darf die Wirklichkeit zeitlich und räumlich beliebig überschreiten; der Denkspieler darf sich, wie bei Gernhardt der Fall, sogar in die Rolle Gottes oder des Weltgerichts begeben. Gleichwohl ist die Form auf gedankliche Folgerichtigkeit verpflichtet. So entspricht es Robert Gernhardts Poetik, in der er immer wieder darauf verwiesen hat, dass Kreativität bei aller Abweichung von der Konvention durch strenge Bindung, durch Disziplin zustande kommt. Folglich sind auch die meisten dieser Texte scharfsinnige Exerzitien des Vorstellungsvermögens, an denen sich der Leser unter Aufbietung seiner ästhetischen Bildung beteiligen soll. Obwohl alle Texte mit Denken wir uns . . . beginnen, hat jedes Stück seine eigene Charakteristik. Gernhardt macht von der Freiheit des Denkspiels, sich bei anderen literarischen Formen wie bei der Kunstgeschichte zu bedienen, vielfältigen Gebrauch. Dem begnadeten Parodisten und literarischen Stimmenimitator kommt diese Form offensichtlich besonders entgegen.
Er litt unter mangelnder Anerkennung
Die meisten Stücke des Bandes haben aber unverkennbarer denn je autobiographischen Charakter. Bei manch einem ist der Leser ein wenig peinlich berührt, als würde er ungewollt Selbstgespräche mithören, die der Ertappte dann schnell ins Spaßige oder Alberne wendet. Da drängt sich in folgenlosem Mitleid der Eindruck auf, Gernhardt habe sein frühes Pseudonym Lützel Jeman nie ganz hinter sich gelassen. Dieser vielseitige und beliebte Künstler hat anscheinend bis in seine letzten Tage hinein unter mangelnder Anerkennung, unter Ruhmabschneidern und den anderen üblichen Verdächtigen gelitten.
In dem Dialog Bei den Reichen erscheint der Dichter als armer Sünder vor dem Weltgericht und muss sich vom Ankläger fragen lassen: Glaubten Sie, als Autor Ihres Talents nichts Besseres und Sinnvolleres leisten zu können? Der Dichter ist Gernhardt-Lesern unter dem Namen Gamsbart schon einschlägig bekannt. Die Forschung führt ihn weniger als Pseudonym, sondern als Kunstfigur, der Gernhardt beliebig eigene oder fremde Züge verleiht. Hier wird ihm seine Tätigkeit als Gagschreiber für einen gewissen Otto vorgeworfen, ein Vorhaben von großer Nichtsnutzigkeit, weiterhin die Anwesenheit auf Partys bei reichen Leuten. Zur Wahrheitsfindung aber gelangt das Weltgericht nicht. Die Pointe spielt mit der Dialektik von Kleinheits- und Größenwahn, sie folgt aber konsequent aus der Voraussetzung, dass Zeitbegriffe vor dem Weltgericht ihren Sinn verlieren, was freilich auch sein Gutes hat.
Literarischer Futterneid
Schwerer tut sich der Leser als Mitspieler, wenn es um einen Schriftsteller geht, der immerhin schon den Heine-Preis bekommen hat, gleichwohl um seinen bescheidenen Platz in der Welt der Literatur weiß. Obwohl er Autor seines Sprachraums geblieben ist, erreicht ihn dann doch der berühmte Anruf aus Stockholm. Das ist eine kleine Phantasie über literarischen Futterneid, die einer bekenntnishaften Peinlichkeit durch Albernheit zu entkommen sucht. Dass der Schriftsteller zwar etwas von den Preisen des bekannten schwedischen Möbelhauses weiß, aber nichts vom Nobelpreis und dem schon länger zurückliegenden Tod seines Stifters, strapaziert die Form des Denkspiels ebenso über wie die Witztechnik aus den Zeiten von Pardon den Humor des Lesers. So wenn der Schriftsteller beim Namen des anrufenden Sekretärs immer nur Smörrebröd versteht. Die eigentliche Pointe ist darüber aber nicht zu verfehlen: Wer hat diesen Preis denn als letzter bekommen? O je! Elfriede Jelinek! Und in welcher Sparte? Was - auch für Literatur?
Was erwartet ein Kind vom Leben?
In ihrer Offenheit sehr anrührend sind die Denkspiele in der Form von Kindheits- und Jugenderinnerungen des 1939 in Riga Geborenen, dessen Familie nach Posen umsiedeln musste, um nach dem Krieg nach Westdeutschland vertrieben zu werden. Sie erlauben die ungeschützte Reflexion einer künstlerischen Produktivität, deren Antrieb ein Ehrgeiz ist, der auf kindliche Erlebnisse, Phantasien wie Ängste zurückgeht.
Was erwartet so ein Kind groß vom Leben? Nicht viel. Die Weltherrschaft, vielleicht, mit Sicherheit aber vollständige Unterwerfung dessen, was ist, unter das, was es will. Und was will es? Nichts Außergewöhnliches. Der Einfallsreichste zu sein. Der Beliebteste zu sein. Der Gefeiertste zu sein. In der Wahl eines Faschingskostüms wird zwischen Kohlenklau, Sumsemann und Feind hört mit anschaulich, wie viel Schreiben mit der Abwesenheit des Gewünschten und der Anwesenheit des Unerwünschten zu tun hat und wie viel des Menschen Weg auf Erden mit Umwegen, mit Ersetzen und Übertragung.
Ästhetik des Alltags
Ein Meisterstück im mehrfachen Sinne ist Pennelino. Hier sollen wir Leser uns in Gernhardts geliebte Toskana versetzen und uns im verschatteten Lesesaal einer Abtei überlegen, wie Meister Gamsbardi ein altmeisterliches Madonnenantlitz ohne Pinsel malt. Die Lösung ergibt eine Künstlernovelle im Stil der italienischen Frührenaissance, erheiternd und belehrend in ihrer raffinierten Naivität. Zugleich enthält sie eine wunderbare Hommage an ein Tier, in dem Robert Gernhardt nichts als pure Lebenslust erkannte, wenn es, wie einst im Homburger Schlosspark, scheinbar Chimären nachjagte. Ebenso kunstvoll wird der Leser ins Delft des siebzehnten Jahrhunderts versetzt, wo er der Entstehung von Jan Vermeers Gemälde Die Musikstunde (Herr und Dame am Virginal) beiwohnt und sich am Gezeter seiner Ehefrau Catharina ergötzen darf: Mal doch mal eine ordentliche Unordnung. Nie liegt etwas auf deinen Bildern rum. Außer Bassgeigen, versteht sich. Mal doch mal das, was wirklich immer auf dem Boden rumliegt. Da ist Gernhardt auf der Höhe seiner Kunst, seiner Kenntnisse und zugleich seiner Ästhetik des Alltags.
Mit Denken wir uns hat Robert Gernhardt ein Trost- und Erbauungsbüchlein in bester artistischer Tradition hinterlassen, das den mehr oder minder scheinheiligen Leser, wie Baudelaire weniger höflich als Gernhardt formulierte, in ein Spiel der Spiegelungen zieht. Habgier, Eitelkeit, Rachsucht, Unmaß und Neid, und was der guten alten Sünden mehr ist, werden in der Wahrhaftigkeit des Denkspiels symbolisch in die feinen spirituellen Fähigkeiten Zuversicht, Humor und List verwandelt. Denken wir uns also noch einmal Robert Gernhardt, der das Leben liebte, und denken wir uns zugleich uns, Sterbliche, die wir gottlob selber sind.
Robert Gernhardt
Der Dichter, Zeichner und Satiriker wurde 1937 im estnischen Reval geboren und war Mitbegründer der Satirezeitschrift Titanic und der Neuen Frankfurter Schule. Zu seinen wichtigsten Werken zählen die Bände Wörtersee, Weiche Ziele und die K-Gedichte.
Robert Gernhardt: Denken wir uns. Erzählungen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007. 240 S., geb., 18,90 Euro.
Text: F.A.Z., 07.04.2007, Nr. 82 / Seite Z5
Bildmaterial: Brigitte Friedrich
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