Von Hubert Spiegel
08. Dezember 2004 Eine Schriftstellerin spricht über ihr Verhältnis zur Wirklichkeit und darüber, wie kompliziert das Wechselspiel ist, das die Realität und ihre eigenen literarischen Texte miteinander eingehen. Was aus dem Wechselspiel entsteht, ist eine eigene Wirklichkeit, die stets auf die Realität und die Sprache bezogen bleibt, aber weder zum einen noch zum anderen ganz gehört. Als wäre es Teil des poetologischen Konzepts, hält die Schriftstellerin ihren Vortrag nicht persönlich, sondern ist nur auf drei großen Videoleinwänden zu sehen.
Die Vorlesung wurde mit einer Videokamera in Wien aufgezeichnet und wird nun in Stockholm vor Publikum ausgestrahlt. Elfriede Jelinek ist also da, und sie ist nicht da. Aber wo mag die Schriftstellerin sich just in dem Augenblick aufhalten, als die Videoaufführung in Stockholm beginnt? Ihr Vortrag gibt die Antwort auf diese Frage, zwanzig Seiten lang, zwei Wörter kurz.
Das Abseits als Ort des Dichters
Wo ist der Ort des Dichters in unserer Zeit, wie kann der Dichter überhaupt einen festen Ort haben angesichts unserer Wirklichkeit, von der es gleich am Anfang der Vorlesung heißt: "Die ist ja sowas von zerzaust. Kein Kamm, der sie glätten könnte"? Wie soll, fragt die Nobelpreisträgerin, ausgerechnet der Dichter die Wirklichkeit kennen, wenn "sie es ist, die in ihn fährt und ihn davonreißt" - und zwar immer in jenes Abseits, von dem der Titel der Vorlesung spricht?
Das Abseits ist der gesellschaftliche und poetologische Ort des Dichters, nur hier, am Rand des Geschehens, ist die Distanz möglich, die der Autor benötigt. Er benötigt sie nicht etwa, um die Dinge zu beschreiben, wie sie sind - der Objektivitätsanspruch ist in den Augen Elfriede Jelineks lächerlich. Der Schriftsteller braucht die Distanz auch nicht, um die Dinge zu beschreiben, wie er sie sieht. Das wäre Weltanschauungsprosa, aber keine Literatur. Was im "Abseits", einem Jelinekschen Nicht-Ort, geschieht, ist eine Art chemischer Reaktion mit je ungewissem Ausgang: Es ist die Begegnung von Dichter und Sprache.
Wutwind Wirklichkeit
In dieser Begegnung, die Elfriede Jelinek im Verlauf ihrer Vorlesung schildert, sind Sprache und Wirklichkeit unablässig in einer Veränderung begriffen, in einem unaufhörlichen Prozeß der Metamorphosen. Die Wirklichkeit fährt als Wind, als "Wutwind", in Haare und unter Röcke und reißt alles davon. Der Sprache wird nach und nach ein Eigenleben zugeschrieben, das eine immer größere Dynamik entfaltet. Elfriede Jelinek beschreibt die Sprache als Tier, als Hund, der sich hündisch verhält: gehorsam und liebedienerisch, bereit, sich vor jedem in den Staub zu werfen, der ihm droht oder Liebkosungen verheißt.
Der Dichter wird zum eifersüchtigen Herrchen, das mißmutig mit ansieht, wie das eigene Tier sich freudig von Wildfremden das Fell kraulen läßt, um dann plötzlich den Gehorsam zu verweigern. Die Sprache beißt die Hand, die sie aufs Papier zwingt, sie reißt aus, und kein Befehl, kein hoher Ton der Hundepfeife bringt sie zurück. Dann, in typischer Jelinek-Manier, die den Kalauer, das Wortspiel benutzt, um Register und Richtung zu wechseln, wird die Sprache zum menschlichen Gegenüber und zum Kind, das ein Eigenleben entwickelt, das aufbegehrt, bis es den Eltern fremd wird, nicht mehr Fleisch von ihrem Fleisch, nicht mehr Wort aus ihrem Mund.
Ich bin die Gefangene meiner Sprache
Immer wieder greift Elfriede Jelinek in ihrer Stockholmer Rede auf die Familienstrukturen zurück, die ihr Werk geprägt haben. Autoritäts- und Hörigkeitsverhältnisse, das Spiel von Befehl und Gehorsam, Unterwerfung und Revolte klingen an, wenn die Sprache als aufsässiges Kind bezeichnet wird, das seinen "Anfang wohl vergessen habe"- "das ist nicht mehr mein Kind". Überdeutlich wird die Autorin, wenn es heißt: "Ich bin die Gefangene meiner Sprache, die mein Gefängniswärter ist". Sofort folgt jedoch die ironische Brechung: "Komisch, sie paßt ja gar nicht auf!" Das Idyll des Dichters, der auf die Sprache vertraut und sich in ihr geborgen weiß, ist dieser Autorin fremd. Wenn Heimat der Ort ist, dem man nicht entfliehen kann, dann ist Elfriede Jelineks Sprache ihre Heimat.
Niemand wird vermuten, daß Elfriede Jelinek den viertägigen Feierlichkeiten der Nobelpreisverleihung aus anderen Gründen als den von ihr genannten fernbleibt. Ihre Unfähigkeit, sich größeren Menschenansammlungen auszusetzen, ist keine Marotte, sondern eine Krankheit. Aber in ihrer Stockholmer Vorlesung hat die Schriftstellerin ihre Abwesenheit jetzt auch poetologisch begründet, indem sie den Ort benannt hat, an dem sie sich befindet, während die Feierlichkeiten ihren Lauf nehmen. Es ist das Abseits, in das ihre Sprache ihr den Weg gebahnt hat. Wer sie dort aufsucht, dem wird es ergehen wie den Zuschauern in Stockholm vor den Videoschirmen: Elfriede Jelinek ist da, und sie ist nicht da.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.12.2004, Nr. 288 / Seite 39
Bildmaterial: AP
Wir brauchen eine Geschichte für die Zeit nach dem ![]()
Das Pariser Grand Palais entdeckt den deutschen Expressionisten Emil Nolde
Physiknobelpreis: Die gebrochene Symmetrie des Mikrokosmos