Verlegerinnen

Den Ritterschlag hat die Dame schon erhalten

Von Melanie Mühl

Entdeckerin: die Verlegerin Elisabeth Sandmann

Entdeckerin: die Verlegerin Elisabeth Sandmann

24. Juni 2005 Elisabeth Sandmann ist eine Entdeckerin. Weil sie stets auf der Suche ist und sich dabei in ihren Ideen verliert, weil sie an jedem Tag ihre Gedanken auf Reisen schickt und diese erst dann zurückkehren läßt, wenn sie fündig geworden sind. Bisher, sagt die vierundvierzigjährige Verlegerin mit freundlich blickenden Augen, habe das Entdecken ganz wunderbar geklappt. Vor rund einem Jahr wagte die damalige Programmberaterin des Knesebeck Verlags den Schritt in die Selbständigkeit. "Irgendwann hatte ich das Gefühl, meine Ideen nur noch zurückzulassen, sie abzugeben, wie man einen Mantel an der Garderobe abgibt."

Es war längst an der Zeit, die kreative Unruhe in ein eigenes Projekt zu stecken und den Rahmen dabei selbst zu entwerfen. Schlaflose Nächte und ein Katalog an Zweifeln und bohrenden Fragen gingen diesem mutigen Sprung voraus, an den sie irgendwann so fest glaubte, daß plötzlich kein anderer Schritt mehr möglich schien. Ein wichtiger "Impulsgeber" ist ihr Mann gewesen, denn er trieb sie in entscheidenden Momenten voran.

Bücher mit Seele

Eine kleine, feine Adresse für illustrierte Bücher, der Elisabeth Sandmann Verlag in der Münchner Barerstraße, ist dabei entstanden. Schmucklos und grau mutet der mächtige Kasten unweit des Karolinenplatzes auf den ersten Blick an. Befindet man sich aber in der dritten Etage, geht den in leuchtendem Gelb gehaltenen Gang entlang, gelangt man an einen besonderen Ort. Zwei Räume gehören Elisabeth Sandmann und ihrer Assistentin Eva Römer, von der sie sagt, "ohne Eva geht nichts".

Der Verlag ihres Mannes, der Zabert Sandmann Verlag, hat sein Domizil gleich nebenan. Gemütlich hat die Verlegerin es sich hier eingerichtet, mit antikem Mobiliar, etliche Manuskripte und einige lose Blätter verteilen sich in leichthändig organisiertem Chaos über dem Schreibtisch. "Ich glaube, daß die Kombination von Text und Bild eine große Zukunft hat", sagt die promovierte Literaturwissenschaftlerin und Mutter eines vierzehnjährigen Sohnes. "Unsere Gesellschaft ist visuell." Entscheidend sei die Qualität, literarische und fotografische Elemente müssen eine Einheit ergeben. Bücher mit Seele möchte Elisabeth Sandmann verlegen, Bücher, die es in dieser Form nirgendwo sonst gibt, in denen man sich verirren kann und die bisweilen auch ein wenig schwer sein dürfen.

Ritterschlag von der Insel

"Tiefsinn" nennt sie das. Das klingt wenig marktgängig, aber das unlängst erschienene Buch "Frauen, die lesen, sind gefährlich" beweist das Gegenteil. Einen "Volltreffer" nannte Elke Heidenreich die "lesenden Frauen" aus vielen Jahrhunderten und Epochen, als die Verlegerin ihr davon erzählte, und schrieb das Vorwort zu dem Band, der mittlerweile in der vierten Auflage vorliegt. Selbst in England, der für deutsche Bücher nicht leicht zugänglichen Heimat des "coffeetable book", nahmen Buchhändler jene Kombination aus anspruchsvollem Text und schönem Bild begeistert auf. "Das ist wie ein Ritterschlag" sagt Elisabeth Sandmann.

Der große Erfolg der "lesenden Frauen" habe sie überrascht und in ihrer Programmarbeit sehr bestärkt. Selbst die hartnäckigsten Bedenken seien nun verschwunden. Gefangen hält sie derzeit nur eines: "Die Bilder der Deutschen", ein Buch, das im Herbst dieses Jahres erscheinen wird.

Wenig versprechen, viel halten

In den Jahren, als sie beim Kölner DuMont Verlag das Kultur- und Sachbuchprogramm lenkte, baute sie ein mittlerweile dichtgewebtes Netzwerk auf und gewann hervorragende Kontakte zu ausländischen Verlegern, die ihr heute einige Türen leichter öffnen. Aber damals spürte sie auch, wie schnell in großen Verlagshäusern der Kontakt zum Autor verlorengehen kann, wie rasch Zeitknappheit zur Folge haben kann, daß die Autoren sich vernachlässigt fühlen, weil sie allzuoft mit schönen Worten abgespeist werden. Dem will sie entgegenwirken: "Wir versprechen wenig und halten viel."

In diesem Sinn engagiert sich die Verlegerin auch als Geschichtenerzählerin. Sie besucht Buchhandlungen, veranstaltet Lesungen, beantwortet Fragen, ist stets präsent und erzählt von ihrem Verlag: "Die Leser, die Buchhändler und all die anderen wollen etwas über den Autor sowie den Fotografen erfahren und darüber, wie ein Buch entstanden ist." Und wie wird der Sandmann Verlag in fünfzehn Jahren aussehen? "In fünfzehn Jahren", sagt sie, "sind wir bescheiden gewachsen und verlegen wie heute handwerklich schön gemachte Eigenproduktionen."

Text: F.A.Z., 25.06.2005, Nr. 145 / Seite 37
Bildmaterial: F.A.Z. - Foto Frank Röth

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