Bücherverbrennungen

„Geiselmord an der Literatur“

Von Andreas Kilb

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09. Mai 2008 Eine Schwäche der öffentlichen Erinnerung liegt darin, dass sie von ihrem Gegenteil, dem Vergessen, immer durchsetzt ist. Sie entrinnt ihm nicht, eben weil sie öffentlich ist. Sie muss, als Mahnung an die Allgemeinheit, vom Bekannten sprechen, von dem, was sich wider alle Greuel und Verfolgungen erhalten hat, was Gemeingut geworden ist, der Geschichte zum Trotz. Vom wirklich Vergessenen schweigt sie. Dabei hätte es, gerade weil die Verfolger an ihm triumphierten, die offizielle Erinnerung noch viel mehr verdient als das Kanonische. Ebendarin liegt der schreckliche Sieg der Geschichte: dass von ihren Opfern bald keiner mehr weiß, dass sie Opfer waren.

Bei den Bücherverbrennungen des Jahres 1933, die keineswegs nur am 10. Mai und im Umkreis der Universitäten, sondern zwischen April und Oktober in mehr als hundert Groß- und Kleinstädten bei Schulfesten, Gelöbnisfeiern der Hitlerjugend und anderen öffentlichen Veranstaltungen stattfanden - bei diesem „Geiselmord an der Literatur“ (Erich Kästner) wurden neben Werken bekannterer Schriftsteller auch Bücher von Emil Ludwig, Georg Hermann, Waldemar Bonsels, Gustav Meyrink und Max Barthel verbrannt. Sie gehörten zu den meistgelesenen Autoren ihrer Zeit, die Gesamtauflage ihrer Bücher ging in die Millionen. Heute kennt sie fast niemand mehr. Nur der spätere Opportunist Bonsels ist wenigstens jenen Kindern ein Begriff, die seinen erfolgreichsten Roman gelesen haben - als Verfasser der „Biene Maja“.

Mit angemessen ernster Würde

Auch von ihnen, von Meyrink, Ludwig, Hermann und einigen Dutzend anderen, müsste an einem Gedenktag für die Bücherverbrennung die Rede sein. Aber es wäre wohl zu viel verlangt, ihre Namen in der Rede wiederfinden zu wollen, die Bundespräsident Horst Köhler in der Berliner Akademie der Künste als Repräsentant der deutschen Kulturnation gehalten hat. Köhler nannte Feuchtwanger, Brecht, Werfel, Tucholsky und die Brüder Mann, zitierte Joseph Roth und Walter Jens und spielte auch sonst seine Rolle mit angemessen ernster Würde.

Im literarischen Teil der Veranstaltung lasen Ingo Schulze, Volker Braun, Herta Müller und Günter Lamprecht Texte von Brecht, Feuchtwanger, Kästner und Heinrich Mann. Immerhin erklang, von der Schauspielerin Jutta Wachowiak vorgetragen, auch jenes Exilgedicht von Hans Sahl, das man nicht oft genug hören kann: „Kein deutsches Wort hab ich so lang gesprochen. / Ich gehe schweigend durch das fremde Land. / Vom Brot der Sprache blieben nur die Brocken, / Die ich verstreut in meinen Taschen fand.“

Es ist ein Kreuz mit dem offiziellen Gedenken

Zur gleichen Vormittagsstunde wurden vier Querstraßen weiter im Deutschen Historischen Museum die ersten zehn Bände der „Bibliothek Verbrannter Bücher“ vorgestellt, die das Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrum im Hildesheimer Olms Verlag herausgibt. Sie sollen an viertausend Schulen verschenkt werden und enthalten Werke von Jack London, Walther Rathenau, Anna Seghers, Tucholsky, Kästner, Kafka und Gide. Immerhin sind auch zwei wirklich Vergessene dabei, Gina Kaus und Salomo Friedlaender, dessen „Kant für Kinder“ allerdings schon vor vier Jahren neu erschienen ist.

Es ist ein Kreuz mit dem offiziellen Gedenken. Die Allgemeinplätze, auf denen es sich vorzugsweise niederlässt, gewähren zwar einen Blick in die historischen Abgründe. Aber einen nur - „dann sind die alten / Schlösser wieder vor- und eingehängt“. Der das schrieb, Gottfried Benn, lief 1933 für kurze Zeit zu den Barbaren über. Doch seine Verse gingen nicht mit.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: reuters

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