03. Dezember 2003 Der Suhrkamp Verlag kommt nicht zur Ruhe. Wenige Tage, nachdem der Weggang des Geschäftsführers Günter Berg bekanntgegeben wurde (F.A.Z. vom 26. November), haben jetzt Hans Magnus Enzensberger, Jürgen Habermas, Alexander Kluge Adolf Muschg und Wolf Singer ihre Mandate im Stiftungsrat niedergelegt. Das ist ein herber Schlag, in mehr als einer Hinsicht. Es ist ein Schlag für den Verlag, für Ulla Berkéwicz und für das von Heinrich Lübbert, dem Anwalt und Testamentsvollstrecker Siegfried Unselds, entworfene Stiftungsmodell, das im April vergangenen Jahres ins Leben gerufen wurde. Aber auch die Stiftungsräte selbst gehen nicht unbeschädigt aus der Affäre hervor. Sie müssen sich fragen lassen, welchen Anteil sie am Mißlingen der Zusammenarbeit haben. Haben schwerwiegende Diffenzen in grundsätzlichen Fragen zur Trennung geführt oder erfolgte sie aus verspäteter Einsicht in die eigene Machtlosigkeit?
Natürlich ist auch dieses jüngste und vermutlich nicht letzte Kapitel im dicken Buch der Suhrkamp-Querelen eines, das nach seiner literarischen Verarbeitung schreit. Der dramatische Gehalt ist enorm, man braucht sich nur einmal auszumalen, welche endlosen Gespräche die fünf Stiftungsräte in den letzten Tagen untereinander geführt haben müssen: Treten alle fünf Stiftungsräte zurück oder nur zwei oder drei? Wie soll die offizielle Begründung lauten und in welchem Ton soll sie abgefaßt werden? Verbindlich oder schroff, um Schadensbegrenzung bemüht oder die eigene Entäuschung offen zum Ausdruck bringend? Es muß ein Hörspiel von hohen Graden gewesen sein, dramatisch, spannend und mitunter gewiß nicht frei Komik.
Tragödie oder Komödie?
Ist, was sich seit vielen Monaten auf der Suhrkamp-Bühne in der Frankfurter Lindenstraße abspielt, eine Tragödie oder ist es eine Komödie? Naturgemäß, so hätte Suhrkamp-Autor Thomas Bernhard geantwortet, ist es beides. Aber auch die Oper dürfen wir nicht vergessen, nicht die Seifenoper und vor allem nicht Wagners "Ring der Nibelungen". Denn hier fällt der für das Suhrkamp-Drama maßgebliche, alles entscheidende Satz: "Was du bist, bist du nur durch Verträge".
Durch Verträge wurde auf indirekte und überraschende Weise die Frage der Nachfolge Unselds geregelt. Und jetzt erweist sich, daß der Satz auch eine negative Version hat: Auch was du nicht bist, entscheiden die Verträge. Denn der Rücktritt dürfte letztlich vor allem in der Einsicht begründet liegen, daß der Stiftungsrat nicht war, was er lange Zeit zu sein glaubte: ein mächtiges Gremium, das in allen entscheidenden Fragen der Verlagsgeschicke ein wichtiges Wörtchen mitzureden hatte.
Gravierende Risse
Nur zwanzig Monate hat die Konstruktion gehalten, jetzt haben sich die Risse, die wohl schon viel früher aufgetreten waren, als zu gravierend erwiesen. Ulla Berkéwicz kann einen weiteren Sieg verzeichnen, aber sie muß verkraften, daß ihr fünf der renommiertesten Intellektuellen des Suhrkamp Verlags die Zusammenarbeit in der Stiftung aufgekündigt haben. Sie hat sich von der geballten Autorität der fünf Herren offenbar nicht im mindesten beeindrucken lassen, muß aber nun mit dem Makel leben, fünf bedeutende Autoren des Verlags aus einem Gremium vertrieben zu haben, in das Siegfried Unseld sie berufen hatte. Vielleicht wird dieser Makel schnell abgeschüttelt sein. Falls nicht, wird Ulla Berkéwicz sich fragen müssen, ob sie ihre Siege nicht womöglich nach Art des Pyrrhus zu teuer erkauft.
Es war ein offenes Geheimnis, daß die Mehrzahl der Stiftungsräte entschieden für den Verbleib Günter Bergs im Verlag war. Mehr als einmal war die Befürchtung zu hören, der Suhrkamp Verlag vergesse, daß Bücher nicht nur gemacht, sondern auch verkauft werden müßten. Berg aber gilt als geschickter Vermarkter, der vor allem das für das traditionsreiche Haus so wichtige Talent zur Wiederverwertung besaß. Von Siegfried Unseld hatte Berg gelernt, wie man mit immer wieder neuen Ausgaben der Werke Hesses, Brechts, Koeppens und vieler anderer Hausautoren die Backlist lebendig erhält. Aber so wichtig diese Backlist für das Selbstverständnis und die ökonomische Situation zweifellos ist, die Zukunft des Verlages wird sich an einem anderen Punkt entscheiden: Wenn Suhrkamp weiterhin eine gewichtige Rolle im intellektuellen Diskurs des Landes spielen will, muß der Verlag nach vorn blicken und mit neuen Autoren neue Akzente setzen. Bislang weiß jedoch niemand, wie die künftige Ausrichtung von Suhrkamp aussehen soll. Alle Beteiligten beriefen sich stets auf Siegfried Unseld, dessen Erbe man fortführen wolle. Das ist aller Ehren wert, dürfte aber schon bald allzu formelhaft wirken, wie eine mehr oder weniger elegante Art, sich in Schweigen zu hüllen.
Es geht nicht um Personen
Als Ulla Berkéwicz die Erweiterung der Geschäftsführung durchsetzte und deren Vorsitz übernahm, mußte der Stiftungsrat zusehen, wie Bergs Kompetenzen beschnitten wurden und Ulla Berkéwicz das operative Geschäft übernahm. Genau dies scheint ihr der Stiftungsrat nicht zuzutrauen. Seine Erklärung füllt eine knappe halbe Seite und beginnt mit den Sätzen: "Als Mitglieder des Stiftungsrates der Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung sehen wir uns mit schwerwiegenden Entscheidungen konfrontiert, die ohne unsere Mitwirkung und entgegen unserem Rat gefallen sind. Es geht dabei nicht um Personen, sondern um die Leitungsstruktur des Verlags."
Ohne ihre Mitwirkung, aber entgegen ihrem Rat - diese widersprüchliche Formulierung kann nur bedeuten, daß der Stiftungsrat erfolglos nachträglich gegen die neue Geschäftsordnung protestiert hat, die ihm zur Kenntnis gebracht und nicht zur Absegnung vorgelegt wurde. Das ist auf formaler Ebene nicht zu beanstanden, denn Fragen der Geschäftsführung verhandeln die drei Gesellschafter. Einfluß des Stiftungsrat auf Personalentscheidungen ist laut Stiftungsverfasung nicht vorgesehen. Auch darf nicht übersehen werden, daß der Stiftungsrat keineswegs als Gremium des ganzen Verlages auftreten kann, sondern lediglich einem von dreien Gesellschaftern beigeordnet ist. Daß dieser Gesellschafter mit 51 Prozent der Anteile die Geschicke des Verlages allein bestimmen kann, muß den Stiftungsrat zu der Ansicht verleitet haben, er könne an dieser Machtfülle teilhaben.
Schadensbegrenzung
Die Erklärung des Stiftungsrats läßt erkennen, wie sehr man um Schadensbegrenzung bemüht ist. Ein offener Konflikt mit der Geschäftsführerin wäre wenig hilfreich und würde außerdem den Verbleib der Autoren im Verlag in Frage stellen. Aber keiner der Autoren denkt jetzt etwa daran, mit seinem publizistischen Lebenswerk den Verlag zu verlassen, dem er seit Jahrzehnten verbunden ist: "Unser Rücktritt berührt nicht die Loyalität, die wir als Autoren dem Verlag gegenüber nach wie vor empfinden. Allen Beteiligten stehen wir, wen sie es wünschen, mit unserem Rat auch in Zukunft zur Verfügung".
Über ihre Erklärung hinaus wollte sich am Mittwoch keiner der Beteiligten erklären. Nur Alexander Kluge sagte: "Wir standen am falschen Platz. Aber wir sind sicher, daß wir dem Verlag an anderer Stelle nützlich sein können. Und das wollen wir auch." Man wird diese Worte auch als Empfehlung verstehen dürfen, künftig keine Verlagsautoren mehr in den Stiftungsrat zu berufen. Welche Probleme dadurch entstehen können, hat sich im Fall des von Stiftungsrat Habermas empfohlenen Pamphlets von Ted Hondrich gezeigt.
Nicht gründlich gelesen?
Vieles spricht dafür, daß die Stiftungsräte überschätzt haben, was man gern als "natürliche Autorität" bezeichnet. Vielleicht haben sie überdies die Stiftungsverfassung nicht gründlich genug gelesen. Denn dort definiert der Paragraph fünf in sieben Punkten, was der Stiftungsrat soll und kann. Folgende Aufgaben sind aufgeführt: Der Stiftungsrat berät den Vorstand, bestellt dessen Mitglieder und erstellt nicht näher definierte "Richtlinien". Er wirkt an der "Beschlußfassung über die Vergabe von Zuwendungen" mit und koordiniert die Interessen der "Destinatäre" - also der Zuwendungsempfänger-, mit dem Stifterwillen. Er stellt die Jahresabrechnung fest und entlastet den Vorstand. So weit, so gut. Was aber bedeutet dies genau?
Viel und wenig zugleich. Denn wie in Familienstiftungen nicht unüblich, liegt alle Macht zunächst beim Stifter. Zu Lebzeiten von Siegfried Unseld und Ulla Berkéwicz ist der Einfluß des Stiftungsrates auf dem Papier sehr begrenzt. Und wenn es zum Streit kommt, entscheidet letztlich, was auf dem Papier steht. Auch was du nicht bist, entscheiden die Verträge.
Andere Mittel
So kann der Stiftungsrat - anders als gelegentlich berichtet wurde - die Nachfolger seiner ausscheidenden Mitglieder nicht selbst bestimmen. Das Recht dazu erhält er erst nach dem Ableben der Stifterin Ulla Berkéwicz. Dann würde er allerdings sogar den neuen Vorstand ernennen. Erst nach dem Tod der Stifter wird der Stiftungsrat zum machtvollen Gremium. Bis dahin ist er bei der Durchsetzung seiner Ziele auf andere Mittel angewiesen.
Was also kann der Stiftungsrat in die Waagschale legen? Das Gewicht seiner Mitglieder, ihre Erfahrung und Reputation sowie das taktische und diplomatische Geschick, das nötig ist, um einem Gremium mehr Einfluß zu verschaffen, als ihm von der Stiftungsverfassung zugestanden wird. Dies alles ist im Falle der fünf Betroffenen nicht wenig, da kommt einiges zusammen, wie man so schön sagt. Daß es dennoch nicht genug war, muß die Stiftungsräte gekränkt haben.
Vermutlich spielen für diesen Rücktritt Fragen der Reputation ebenso eine Rolle wie pragmatische Gesichtspunkte. Die Stiftungsräte, allesamt keine Leute, denen es an Beschäftigungsmöglichkeiten mangelte, haben die Konsequenz aus der Einsicht in ihre Einflußlosigkeit gezogen. das muß man bedauern, aber es trägt zur endgültigen Klärung der Lage im Hause Suhrkamp entscheidend bei. Was immer dieser Entscheidung noch folgen mag, jetzt, da aller Nebel sich verzogen hat, wird eines deutlich: Die Machtverhältnisse könnten klarer nicht sein.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.12.2003, Nr. 282 / Seite 35
Bildmaterial: dpa, epd-bild