Comics

Das gezeichnete Land: Comics über Palästina und Iran

Von Andreas Platthaus

Graphik aus Kindersicht: aus Marjane Satrapis “Persepolis“

Graphik aus Kindersicht: aus Marjane Satrapis "Persepolis"

11. März 2004 Dieser Comic (s.u.) ist meist in Untersicht gezeichnet: Wie Waffen drängen sich die Füße von aggressiv ausschreitenden Palästinensern oder Israelis in den Bildvordergrund; wir blicken mit dem Zeichner aus Straßenbelagsperspektive unter Autos und auf den Schlamm der ungepflasterten Wege in den von Israel besetzten Gebieten. Joe Sacco heißt der Zeichner dieser Bilder, 1960 auf Malta geboren, aber als amerikanischer Reporter seit 1991 aktiv - seit er erstmals für zwei Monate ins Westjordanland und in den Gaza-Streifen reiste.

Mit seiner fast dreihundertseitigen Comic-Reportage "Palestine", die von 1992 an in neun Teilen und dann 1994 gesammelt erschien, hat er ein neues Genre begründet, das sich seither größter Beliebtheit erfreut. Doch niemand anderes hatte bisher ein autobiographisch-politisches Comic-Werk von solchem Umfang geschaffen, bis Marjane Satrapi 2001 in Frankreich die Comic-Serie "Persepolis" über ihre Kindheit in Iran begann. Der Zufall will es, daß beide nun gleichzeitig ins Deutsche übersetzt worden sind.

Die Hoffnungslosigkeit der Situation ist spürbar

Das Folgebild von Marjane Satrapi

Das Folgebild von Marjane Satrapi

Das ist der richtige Augenblick, um damit ein größeres als das bloße Comic-Publikum zu erreichen. Die arabischen Staaten sind Schwerpunktthema der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Und "Palästina" wie "Persepolis" widmen sich Regionen, über deren politische Verwicklungen wir alles zu wissen glauben, deren Alltag uns aber unverändert fremd geblieben ist. Gerade er steht im Zentrum beider Arbeiten.

Sacco schlägt sich ohne Wenn und Aber auf die palästinensische Seite; schon seine Seitenarchitektur spiegelt den permanenten Umschlag der Stimmung in den zahlreichen Berichten, die seine palästinensischen Gesprächspartner ihm vom Leben in den besetzten Gebieten erzählt haben. Regt sich Widerstand gegen die Israelis, zeichnet Sacco raumgreifende Bilder, die ganze Seiten umfassen können; ist von Schikane oder Übergriffen der israelischen Armee, von Folter und Haft die Rede, werden die Einzelbilder klein, und deren klaustrophobisch-monotones Arrangement (oft noch auf schwarzem Papier montiert) läßt die Hoffnungslosigkeit der Situation spüren.

Terra incognita in der Welt des Comics

Dazu wählt Sacco eine Dichte der Graphik, in der sich die Dichte der Beschreibung spiegelt. Die akribisch ausgeführten Schraffuren und Punktierungen der schwarzweißen Zeichnungen legt ein Grau über die Szenerie, das den Schmutz und die Kälte des Intifada-Winters von 1991/92 heraufbeschwört. Daß Sacco in seiner Einseitigkeit zugunsten der Palästinenser bisweilen etwas weit geht - etwa wenn er, um Verständnis für die Regelungen der Scharia zu schaffen, die Todesstrafe für Ehebruch als urchristliches Prinzip bezeichnet, ohne aber an Christi Begnadigung der Ehebrecherin zu denken -, macht die Lektüre bisweilen zwiespältig, aber der Autor läßt nie Zweifel an seiner Anteilnahme aufkommen. Er suggeriert keine Objektivität.

Was macht Saccos Comic aber thematisch so besonders? Daß er Bilder schafft von Phänomenen, die man sonst meist nur beschrieben bekommt. Wie fast jede Kultur der Gegenwart ist zwar auch die arabische eine bildmächtige - ungeachtet des vom Koran geforderten Bilderverbots. Und in sämtlichen arabischen Staaten mit der Ausnahme Saudi-Arabiens gibt es eine produktive, wenn auch weitgehend anonyme Comic-Produktion, die sich vor allem an den unverändert großen Teil der Analphabeten richtet: zur Belehrung, aber auch zur Indoktrination. Doch obwohl die Sprache des Comics polyglotter ist als die aller sonstigen Kunstformen (inklusive des Films), weil die notwendige Abstraktion der Zeichnung nationalspezifische Einflüsse zurückdrängt (deshalb werden im Irak derzeit Comics verteilt, die vor einigen Jahren auch schon in Afghanistan im Einsatz waren, um Kinder vor Minen zu warnen), ist der arabische Raum in der Welt der Comics eine Terra incognita geblieben.

Erste Zeichnerin mit internationalem Erfolg

So erhebt Sacco seine Stimme für eine Lebensweise, die bei uns - im Gegensatz zu deren politischen Interessen - mit wenig Interesse rechnen darf. Er ist dadurch einer der prominentesten westlichen Stellvertreter der Palästinenser geworden; nur in Deutschland hat das kaum jemand bemerkt, und schon deshalb verdient sein Comic Beachtung. Zumal es lange genug gedauert hat, bis der Zweitausendeins Verlag, in dem "Palästina" nun erschienen ist, die Übersetzung erstellt hat - zehn Jahre nach der ersten Gesamtausgabe in Buchform. Dafür sind der deutsche Band und vor allem die Schriftgestaltung nun prachtvoll gelungen, was einiges bedeuten will angesichts der Textfülle, die Saccos Seiten prägt.

Marjane Satrapi wiederum ist die erste orientalische Comic-Zeichnerin, die überhaupt internationale Erfolge verzeichnen kann. Die in Teheran geborene Iranerin lebt allerdings seit ihrem vierzehnten Lebensjahr in Westeuropa: zunächst in Österreich, dann dauerhaft in Frankreich. Ihre Eltern hatten das Mädchen 1984 außer Landes geschickt, als absehbar wurde, daß die Repressalien des Mullah-Regimes in Iran gegenüber der Intelligenz des Landes weiter zunehmen würden. Marjane stammt aus einer politisch linksorientierten Familie, obwohl ihr Vater Ebi ein Enkel des von Reza Schah 1925 gestürzten Kadjaren-Kaisers von Persien ist. Die Opposition der Eltern von Marjane Satrapi gegen den Schah speiste sich also aus persönlichen wie politischen Quellen. Doch die Errichtung des Gottesstaates 1979 machte alle Hoffnungen zunichte; Ebis Bruder Anusch wurde vom Revolutionsgericht als russischer Spion hingerichtet, ein Schwager von Marjanes Mutter starb, nachdem ihm eine lebensrettende Herzoperation im Ausland verweigert wurde. Die demokratische Opposition wurde zur Bedeutungslosigkeit verurteilt.

Kindlicher Blick auf Folter, Hinrichtung und Krieg

All das erzählt Marjane Satrapi in "Persepolis". Hier hat es immerhin nur drei Jahre gedauert, bis der Comic endlich übersetzt wurde. Allerdings wäre der wunderbar aufgemachte deutsche Band (Edition Moderne, Zürich) wohl kaum erschienen, wenn die vor Jahresfrist in Amerika publizierte englische Version nicht ein sensationeller Erfolg gewesen wäre. Leider wählte man auch die amerikanische Ausgabe als Vorlage, die lediglich die ersten beiden Alben von "Persepolis" enthält, während in Frankreich mittlerweile schon Band vier vorliegt, der im vergangenen Sommer in der Zeitung "Libération" vorabgedruckt worden ist. Marjane Satrapi zählt nunmehr zu den Großen ihrer Zunft im comicverrückten Frankreich; dort sind insgesamt schon mehr als 200.000 Exemplare von "Persepolis" verkauft worden, während die Edition Moderne nur fünftausend zu drucken wagte. Und man wird wohl vergebens darauf warten, daß auch das erstaunliche Album "Broderies" (Stickereien) von Marjane Satrapi auf deutsch erscheinen wird, das mit subtilem Witz die amourösen Eskapaden der weiblichen Mitglieder ihrer Familie und des Freundeskreises erzählt - ein moderner Nachfolger des "Decamerone" in Comic-Form.

Doch ihr Meisterwerk ist zweifellos "Persepolis". Es ist benannt nach der von den Griechen als "Stadt der Perser" bezeichneten, 518 vor Christus gegründeten und später zerstörten Residenz der Archämeniden. So nimmt Marjane Satrapi eine Tradition des iranischen Exils auf, mit dieser Reminiszenz an die Glanzzeiten Persiens und dessen Untergang zu erinnern. Doch "Persepolis" ist ein durch und durch privater Comic, der konsequent den Blickwinkel eines jungen Mädchens einnimmt und seiner Protagonistin um keinen Erkenntnisschritt voraus ist. So setzt sich die Geschichte von der Einbindung der Familie in den politischen Widerstand gegen zwei Regime wie ein Puzzle zusammen, und noch die grausamsten Episoden von Folter und Hinrichtungen oder vom Krieg gegen den Irak werden durch die kindliche Perspektive gemildert - aber nie verharmlost.

Fenster auf den Alltag unter politischer Repression

Ein wesentlicher Beitrag dazu ist der Zeichenstil von Marjane Satrapi. Der Auftaktband zu "Persepolis" war 1998 ihr Debüt als Comic-Zeichnerin; zuvor hatte sie Kinderbücher illustriert. Die Zeichnungen sind ganz anders als die von Joe Sacco, aber kein bißchen weniger expressiv. Das verdankt sich allerdings nicht dem Gestus der Figuren, sondern dem bedrohlichen Schwarzweißkontrast. Schraffuren oder überhaupt feinere Strukturen, an denen Saccos "Palästina" so reich ist, haben bei Marjane Satrapi keinen Platz. Ihre Zeichnungen sind statisch, beinahe ungelenk, geschult am Werk von Zeichnern wie David B. oder J. C. Menu, die vor zehn Jahren den "Association"-Stil begründet haben, der nach ihrem unabhängigen Verlag benannt ist, bei dem auch "Persepolis" erscheint. Doch durch ihre graphische Beschränkung stellt Marjane Satrapi allein das Erzählen in den Vordergrund. Es gibt keine größere Meisterschaft im Comic als das - und nichts, was schwieriger wäre.

Das ist die Crux von Joe Sacco. Seine erkennbar an Robert Crumb orientierten Zeichnungen begraben in ihrem Reichtum bisweilen den Reportage-Inhalt, lassen die zahllosen Sprechblasen und Textkästen eher zu graphischem Schmuck als Treibstoff des Geschehens werden. Das macht seine Geschichte nicht weniger brisant als die von "Persepolis". Doch "Palästina" erhebt einen graphischen Authentizitätsanspruch, den ein Comic als prinzipiell subjektives, weil eben gezeichnetes Medium niemals einlösen kann. Darin liegt gerade dessen Stärke als Reportage-Instrument: Hier wird keine sachliche Schilderung erwartet, sondern ein individueller, lebendiger Blick auf die Welt. Das lösen Sacco und Marjane Satrapi jeweils auf ihre Art vorbildlich ein: Sacco als unbedingt parteiischer und bis zur Selbstkasteiung reflexiver Beobachter, Marjane Satrapi als unschuldig Beteiligte am historischen Geschehen.

Eine schöne Pointe ist, daß der kindliche Blick dabei eindrucksvoller gerät als der engagierte. Beide Arbeiten aber öffnen nicht nur ein, sondern viele hundert Fenster auf den Alltag unter politischer Repression. Und zugleich sind es auch persönliche Bildungsromane, die durch die so unterschiedlichen Intentionen ihrer Autoren eine unbändige Spannung bei der Lektüre entfalten.

Graphik in Untersicht - Seite aus Joe Saccos “Palästina“
Graphik in Untersicht - Seite aus Joe Saccos „Palästina”

Joe Sacco: „Palästina“, Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2004, 17,90 Euro
Marjane Satrapi: „Persepolis“, Edition Moderne, Zürich 2004, 22,- Euro



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.03.2004, Nr. 60 / Seite 41
Bildmaterial: Edition Moderne, Zweitausendeins

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