Verlegerinnen

Der magische Moment im Leben

Von Hannes Hintermeier

Arbeiten aus dem Fluß heraus: Doris Janhsen

Arbeiten aus dem Fluß heraus: Doris Janhsen

20. Juli 2005 Die gelegentlich zu hörende These, Doris Janhsen sei mit den Jahren ruhiger geworden, muß ins Reich der Gerüchteküche zurückverwiesen werden.

Von dort könnte man sich aber das Bild vom Dampfgarer borgen, denn diese Bücherfrau steht permanent unter Hochdruck - eine natürliche Grundausstattung, die in ihrem Gewerbe erfrischend wirkt, hat man es doch immer wieder mit nüchternen Controllern zu tun, denen soviel bauchgesteuerte Hingabe an Autoren und Bücher unheimlich sein dürfte. Doris Janhsen, zwischen zwei Zigaretten: „Ohne Instinkt und ohne Konzept, wie man ein Buch in den Markt schicken will, geht es nicht. Wenn ich ein Manuskript lese, weiß ich sofort die Farbe des Buches, ich sehe das Cover.“

Daß sie es vermag, in einem Konzernverlag eine eigene Handschrift zu entwickeln - diesen Beweis hat Doris Janhsen schon erbracht. Eine kommerziell erfolgreiche Mischung aus gehobener Unterhaltung und populärem Sachbuch plus Politik hat sie bei List und Claassen verwirklicht; Wally Lambs Roman „Die Musik der Wale“ und Charles Fraziers „Unterwegs nach Cold Mountain“ waren etwa solche Importerfolge, die auf ihr Konto gehen. Eine ähnliche Übung soll nun wieder gelingen und abermals bei einer großen Verlagsgruppe - dort, wo die Schwierigkeiten, Bücher durchzusetzen, anders gelagert sind als bei eigentümergeführten Häusern.

Ein Schritt zur Seite

Der Lebenslauf von Doris Janhsen könnte alle Anbeter der biographischen Stromlinie ermutigen, auch einmal einen Schritt zur Seite zu tun. 1961 in eine bäuerliche Großfamilie in Moers am Niederrhein hineingeboren, waren ihr zwei Dinge vorbestimmt: die Begeisterung für Bücher - Vorlesezeit trotzte sie der Mutter notfalls mit erfundenen Bauchschmerzen ab - und der Entschluß, Ärztin zu werden. Als Praktikantin sammelte sie schon in jungen Jahren Erfahrungen. „Ich habe mindestens hundertfünfzig Kinder zur Welt kommen sehen, und auch wenn ich heute selbst keine habe, weiß ich, wie das ist.“

In Marburg versucht sie es mit einem Doppelstudium, Medizin und Germanistik. Aber die Sexismen der Herren in Weiß vertreiben die feministisch bewegte Studentin aus dem Hörsaal. Die „reine Ideologie, mit der Frauen als das mindere Geschlecht dargestellt wurden“, veranlaßt sie zum Wechsel. Sie ersetzt die Medizin durch Philosophie, geht ein Jahr nach Charlottesville/Virginia, folgt der Germanistin Sigrid Weigel nach Hamburg. Nebenher fängt sie an zu übersetzen, Krimis für Ullstein. Zum Ausgleich schreibt sie poststrukturalistische Katalogtexte für Fotoausstellungen in den Hamburger Deichtorhallen. Die Doktorarbeit untersucht Irmtraud Morgners Werk und seine Entstehungsbedingungen. Es folgen Abstecher in Werbe- und Filmagenturen, Veranstaltungsservice, freies Lektorat.

Enthüllungsroman als Einstandstusch

Aber all das ist noch nicht das Richtige. Der „magische Moment“ kommt 1995, als sie Christian Strasser in sein aufstrebendes Münchner Verlagshaus Goethestraße holt. „Ich merkte plötzlich, daß ich davon profitieren konnte, so viele Erfahrungen gesammelt zu haben.“ Nicht einmal das Germanistikstudium bereut sie, man habe schon strukturiertes Denken gelernt. Unter der Ägide Strassers macht Janhsen in der Folge rasch Karriere, sie wird mit der Leitung von List, später auch von Claassen betreut. 1996 erscheint bei List die Übersetzung von Joe Kleins zunächst anonym publiziertem Enthüllungsroman „Primary Colors“, ihr Einstandstusch.

Ihr Mentor und späterer Lebensgefährte Christian Strasser läßt sie so arbeiten, als gehöre der Verlag ihr: Prinzip Eigenverantwortung. „Es war im Verlag bekannt, daß wir zusammen sind, aber wir haben uns bei der Arbeit gesiezt. Das mag Symbolcharakter haben, aber es hat mir sehr geholfen.“ Heute, da Strasser mit Pendo wieder einen eigenen Verlag führt, wirkt diese Regel auch ins Privatleben hinein: „Wir reden nicht über Bücher, die für beide Verlage interessant sein könnten.“

Schlag in die Magengrube

Als der Axel Springer Verlag 2003 seine Buchverlage abstößt und List und Claassen zu Ullstein nach Berlin ziehen, bleibt Doris Janhsen in München, weil sie diesen „Schlag in die Magengrube“ nicht wegstecken will. Sie heuert bei der Konkurrenz an, der Verlagsgruppe Droemer, die jeweils zur Hälfte Holtzbrinck und Weltbild gehört. Als Leiterin des Flaggschiffs soll sie das Droemer-Programm wieder dorthin bringen, wo der Verlag zu Zeiten eines Karl Blessing einmal war. „Das Blessing-Erbe ist für mich ein wirklicher Auftrag. Er hatte Leidenschaft für Texte und für die optimale Vermarktung.“ Der Weg heißt nun also neudeutsch „upmarket“, mit den „Droemer Profilen“, einem kleinen, literarisch ambitionierten Programm, soll verlorenes Imagegelände zurückgewonnen werden.

Führungspositionen in Verlagen sind noch immer überwiegend Männersache. Auch bei Droemer gibt es mit Geschäftsführer Hans-Peter Übleis noch eine Instanz über der Verlagsleiterin. Es sei keineswegs so, daß Frauen keine Macht haben wollten, sagt Doris Janhsen. Was dem entgegenstehe, sei womöglich die Art, wie „sie mehr an der Sache und weniger am eigenen Ego entlang agieren. Frauen arbeiten organischer, esoterisch gesprochen: aus dem Fluß heraus. Sie können mehr zulassen als Männer.“ Von Konzernverteufelung halte sie grundsätzlich nichts. Es komme nur darauf an, wie diese geführt würden. Und am Ende entscheide alles sowieso eine ganz andere Instanz: „Ohne Autoren wäre wir alle nicht da.“

Text: F.A.Z., 20.07.2005, Nr. 166 / Seite 35
Bildmaterial: F.A.Z. - Jan Roeder

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