Von Wolfgang Schneider
26. Juni 2007 Im Oktober 1933 brachte der Verleger Friedrich Fontane den Nachlass seines Vaters unter den Hammer. Der Verfasser von Effi Briest und Stechlin hatte noch längst nicht das Renommee des bedeutendsten deutschen Romanciers seiner Epoche. Gerade zu einer Zeit, als die schollenhafte Verwurzelung nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch von der Literatur gefordert war, erschien Fontane vielen als zweitrangig - aufgrund seiner Urbanität, seiner scheinbar bloß leichthändigen Art des Erzählens.
Deshalb gaben sich die Archive zugeknöpft, deshalb wurde bei jener traurigen Versteigerung vieles verschleudert. Für das Manuskript von Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland zahlte ein Privatmann 265 Mark. Seitdem galt es als verschollen. Kürzlich nun tauchten die drei Blätter unverhofft wieder auf und wurden jetzt vom Berliner Autographen-Auktionshaus J.A. Stargardt angeboten.
Fontane sparte Papier
Fontane fuhr mit der geliebten Schwanenfeder übers Papier bis zur Sehnenscheidenentzündung. Aber nicht nur Tintenschrift, auch Überarbeitungen mit Bleistift sind auf den Manuskriptblättern zu erkennen. So lässt sich der Entstehungsprozess des Gedichts stufenweise nachvollziehen. Auch die Rückseiten sind beschrieben. Dort findet man Fontanes Entwürfe zu seinem letzten, Fragment gebliebenen Werk über die havelländische Familie von Bredow. Offenbar sparte der Schriftsteller Papier. Wer das eingehend betrachten wollte, konnte das Manuskript bei der Auktion im Berliner Opernpalais ersteigern. Schätzwert: 30.000 Euro.
Wissen die Käufer, worauf sie sich einlassen? Nur die hohe Kanon-Würde des Gedichts kann über seine inhaltliche Brisanz hinwegtäuschen. Ein älterer Herr, der sich die Zutraulichkeit von Kindern mit Freigiebigkeit erschleicht - kann ein Sujet aus heutiger Sicht heikler sein? Gerade in der handschriftlichen Ur-Fassung des damals neunundsechzigjährigen Fontane ist jetzt die beinahe manische Getriebenheit Ribbecks zu erleben: Und kam die goldene Herbsteszeit / Und die Birnen leuchteten weit und breit / Da stopfte von Ribbeck rasch und toll / Mit Birnen sich beide Taschen voll. Rasch und toll - haben wir es etwa mit einem Humbert von der Havel zu tun? Jedenfalls könnte sich ein älterer Herr, der heute am Rande eines großstädtischen Spielplatzes sein Obst anböte, auf einiges gefasst machen.
Benns trostloses Weihnachtsfest
Den Autographensammlern sind solche Problemstellungen vermutlich gleichgültig. Im Eiltempo wechselten an diesem Dienstag Vormittag Hunderte von Literaten-Handschriften die Besitzer. Ein Böll-Brief ging für die angesetzten zweihundert Euro weg. Deutlich mehr wurde für eine Brecht-Epistel aus New York bezahlt (Es ist langweilig hier, meist spiele ich Schach mit Eissler), und immerhin siebentausend Euro erzielte ein Brief Gottfried Benns an die Ärztin Marthe Loyson. Der Autor klagt darin über das trostlose Weihnachtsfest 1935, zu dem ich stilgerecht am Heiligabend bei Glatteis am Autobus fiel u. mit einem cigarrenkistengroßen Hämatom am Rücken beschert wurde.
Kurz werden die jeweils verhandelten Manuskripte in aufgeschlagenen Mappen dem Publikum präsentiert, aber auf die Entfernung ist wenig zu erkennen. Nummern werden hochgehalten, Bieterrufe erschallen, einige junge Damen stehen über Handy mit zahlungskräftigen Sammlern in Kontakt: 700 im Saal - möchten Sie mitbieten? 750 - geht jetzt an Sie! Herzlichen Glückwunsch! Für ein Wilhelm Busch-Gedicht werden fünftausend Euro bezahlt: Halt dein Rösslein nur im Zügel / Kommst ja doch nicht allzu weit.
Ende bei 130.000 Euro
Dann knistert plötzlich die Spannung im festlichen Saal. Ein gewisses Pathos ist in der ansonsten neutralen Stimme des Auktionators zu spüren, als er die Nr. 63 ankündigt, das wunderbare Fontane-Manuskript. Wer jetzt sein Rösslein am Zügel hält, kommt wirklich nicht weit. Rasch entbrennt ein Bieter-Wettstreit, und der Preis schießt in die Höhe wie einst von Ribbecks prächtiger Birnbaum: 90.000 hinten! - 95.000 vorn! - 100.000 hinten! - 110.000 vorn! Als es bei 130.000 Euro schließlich vorbei ist, entlädt sich die Anspannung im Gemurmel, so dass die nächsten Posten fast untergehen.
Groß ist nun die Enttäuschung im Potsdamer Fontane-Archiv, wo seit Wochen eine Art weihnachtlicher Vorfreude herrschte. Man verfügte über einen finanzkräftigen Partner und war zuversichtlich, die Handschrift aus dem Jahr 1889 erwerben zu können. Aber noch über den vierfachen Schätzwert hinauszugehen - das könne eine öffentliche Einrichtung nicht verantworten, sagt Hanna Delf von Wolzogen aus dem Archiv. Sie bedauert, dass das Manuskript nun wohl nicht mehr für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden könne.
Unterschrift von Goethe
Die Potenz des unbekannten Privatbieters wurde deutlich, als er kurz darauf, als kleinen Nachschlag sozusagen, für eine ebenfalls erhebliche Summe eine Urkunde mit Goethe-Unterschrift erwarb - einen Gewährsschein über einen Kux oder Bergtheil an dem Ilmenauer Kupfer- und Silber-Bergwerk für Sr. Excellenz, den Herrn Geheimenrath Carl Alexander von Kalb auf Kalbsrieth. Von größter Seltenheit, vermerkt der Katalog.
Später wurden noch die Novalis-Briefe an Wilhelmine von Thümmel für 105.000 Euro versteigert. An einer Stelle schreibt der Dichter dort: Frühzeitig habe ich meine precaire Existenz fühlen gelernt, und vielleicht ist dieses Gefühl das erste Lebensgefühl in der künftigen Welt. Für manche Autoren der Generation Laptop würde sich die Lage freilich etwas weniger precair gestalten, wenn sie entschlossen zur Tintenfeder zurückkehrten. Wer, wie der alte Ribbeck, das Glück der nächsten Generationen im Sinn hat, schreibt mit der Hand. Das zahlt sich irgendwann aus.
Text: F.A.Z., 27.06.2007, Nr. 146 / Seite 36
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