Von Dirk Schümer, Venedig
25. April 2006 Generazione 1000 Euro - das war zunächst nur der Name eines italienischen Unterhaltungsromans, den die Autoren Antonio Incorvaia und Alessandro Rimassa im vergangenen Dezember ins Netz stellten.
Es geht darin um die kleinen Abenteuer und großen Geldnöte des siebenundzwanzigjährigen Claudio, der in Mailand bei einem Konzern als junior accountant für Marketing arbeitet und dabei in einer der teuersten Städte Europas mit 1028 Euro netto auskommen muß. Bald bildete sich um das Schlagwort der unsicheren Generation ein sehr aktiver Blog, fast zwanzigtausend Leser luden sich den Roman herunter, und Medien im ganzen Land interessierten sich plötzlich für die Schicksale in Claudios Wohngemeinschaft der schuftenden Habenichtse, weil hier die Malaise der italienischen Gesellschaft eine Stimme erhalten hatte.
Ansturm auf Busfahrerstellen
Tausend Euro sind in Italien für ungelernte Arbeitskräfte oder für städtische Angestellte bei der Müllabfuhr ein normal guter Lohn, wenngleich der traditionelle katholische Familienvater mit dem Geld die Seinen kaum über die Runden bringen kann. Seit Jahrzehnten funktioniert daher das mediterrane Modell des doppio lavoro, der Abend- oder Wochenendarbeit im Gastgewerbe oder als Aushilfe in Familienbetrieben. Als vor ein paar Tagen die städtischen Verkehrsbetriebe von Neapel 139 Stellen für Busfahrer ausschrieb, stürmten Tausende das Büro, um nach einem Monat Ausbildung und achtzehn Monaten Probezeit eine feste Stelle mit 1150 Euro Bruttogehalt zu bekommen. Für examinierte Studenten, schwarz arbeitende Kellner oder jugendliche Langzeitarbeitslose ist diese Aussicht immer noch rosiger als ein verkorkstes Leben ohne sicheres Einkommen unterm Vesuv.
Das Erkennungsmerkmal der Generazione mille Euro - im Jargon mit G 1000 abgekürzt - besteht in einer modernen Mischung aus Unsicherheit, schlechter Bezahlung bei hochqualifizierter Tätigkeit und immensem Druck mit bis zu zwölf Stunden Dienstzeit. Claudio etwa, der nette Ragazzo aus dem Roman, arbeitet europaweit als Experte für Handy-Reklame, doch er kann sich mit dem winzigen Gehalt seines Jahreskontraktes oft nicht einmal die Telefonkarten für Firmengespräche leisten, geschweige die schleppend erstatteten Spesen für Geschäftsreisen vorstrecken. Während eine schicke Metropole wie Mailand das Luxusleben, teure Markenmode, edle Diskotheken, perfektes Aussehen bis zur Aushilfssekretärin vorschreibt, müssen sich die Rackernden zu Zweck-Wohngemeinschaften in tristen Betonklötzen der Vorstadt zusammentun und mit dem Bus zu Billigmärkten aufbrechen, um Lebensmittel einzukaufen.
Nachtschattenwirtschaft
Typisch italienisch an diesem amerikanisierten Konsumleben ist allerdings der Optimismus der Protagonisten, die trotz der Unsicherheit und der Geldknappheit ihre Jugend genießen wollen, die nicht nur im Büro Emotionen suchen und von der traditionellen Familie träumen, ohne zu wissen, wie sie die je sollen finanzieren können. Die Generation ihrer Eltern, oft auch nicht auf Rosen gebettet, konnte wenigstens die Rollenspiele von Mamma, Pater familias und gehätscheltem Bambino ausleben, wohingegen es die knappen Teilzeitkräfte von heute oft nicht einmal mehr schaffen, das Kinderzimmer zu verlassen und eine eigene Wohnung zu beziehen; sechzig Prozent der Italiener unter fünfunddreißig wohnen noch bei den Eltern.
Den Kurzbiographien des modischen Reality-Romans läßt sich mehr soziale Wirklichkeit Italiens ablesen als so mancher Statistik. In der Welt der Vorstädte gehen Studentinnen auf den Strich und akzeptieren Universitätsabgänger bedenkenlos jede Schwarzarbeit, nur um irgendwie über ein Einkommen zu verfügen. Wieso Italiens Geburtenrate zu den niedrigsten der Welt gehört, wieso die Raten für Scheidung und Abtreibung konstant hoch liegen und im Süden die organisierte Kriminalität nicht zurückzudrängen ist, kann bei den prekären Lebensumständen der heute Dreißigjährigen niemanden verwundern. Wo nur zehn Prozent der Studienabgänger im ersten Jahr eine Festanstellung bekommen, wo weitere zehn Prozent sich mit einem Kurzzeitvertrag begnügen müssen und der Rest zur bloßen Verfügungsmasse wird, richten Normen und Traditionen nicht mehr viel aus.
Vergreisung der Macht
Wie das Problem mindestens einer verlorenen Generation zu lösen wäre, darüber diskutiert man in Italien jenseits aller Wahlkämpfe. Der dynamische Arbeitsmarkt Amerikas wird nicht als Lösung gesehen, weil man mit Flexibilität allein in Städten wie Neapel und Palermo Hunderttausenden von gut qualifizierten jungen Menschen keine Jobs verschaffen kann, wenn die Arbeitslosenquote bis an die sechzig Prozent reicht; landesweit liegt sie bei bedrückenden 24,4 Prozent. Und die skandinavische Flexsecurity mit sicherer Stütze und Arbeitsberatung kann im traditionell schwach entwickelten Sozialsystem und mit einer wegbrechenden Bürokratie der Arbeitsvermittlung wohl auch nicht funktionieren.
Die Lockerung des Kündigungsschutzes, die in Frankreich fast eine Revolution auslöste, wurde in Italien ohne größere Proteste schon von der letzten Linksregierung in Gesetze gegossen. Daß angesichts der Gerontokratie ihrer Gesellschaft Politik für die Jüngeren zunehmend egal wird, versteht sich fast von selbst; das Durchschnittsalter der Wähler lag beim Duell Prodi (66) gegen Berlusconi (69) bei knapp fünfzig Jahren. Bleiben einstweilen wohl nur Strategien, mit denen sich die Italiener von jeher behelfen: Pfiffigkeit und Improvisation.
Glück zu bezahlbaren Preisen
Optimisten mit Krawatten, so charakterisieren die beiden Autoren denn auch ihre Milleuristi, die hinter der professionell kühlen Fassade des Geschäftslebens bei Medien und Werbung im Herzen typisch italienische Halbwüchsige geblieben sind, die sich Tag für Tag über Inter und Juve streiten, Motorradjournale lesen und sich am Wochenende vor Mattigkeit einfach nur besaufen - nicht mit Barolo und Chianti, sondern mit billigem Alkohol aus der Dose, versteht sich. Mit allerlei Tricks versucht die 1000-Euro-Generation, ihr Scheibchen Glück zu bezahlbaren Preisen abzubekommen: Kleider-Discounter statt Boutiquen, Billigflüge statt Kreuzfahrten, Wohnungstausch statt Hotel, gefälschte Markenware statt Statussymbolen, SMS statt Gesprächen - das ganze Spektrum des Low-Cost-Lebens macht die von Geburt an schon wendigen Italiener noch erfindungsreicher. Und nur selten überkommt die Protagonisten des Romans - oder die Fans des zugehörigen Internetforums - die Mutlosigkeit und der Wunsch, das ewig klingelnde Telefonino abzuschalten und einfach nur aus diesem Leben zu verschwinden.
Für den Mai haben Incorvaia und Rimassa die Fortsetzung ihres Claudio-Epos angekündigt, diesmal sogar in Buchform. Entweder sie setzen auf ein neugierig gewordenes Publikum Älterer, oder sie haben die Hoffnung, daß ihre klamme Klientel die teure Investition in Gedrucktes für einen kommenden Klassiker nicht mehr scheuen wird. Im Blog der G 1000 finden sich außer enthusiastischen Anhängern aber auch kritische Stimmen aus dem armen Mezzogiorno oder der noch stärker verunsicherten Generation, die jetzt erst auf den Arbeitsmarkt drängt: Unglaublich! Da gibt es Leute, die verdienen tausend Euro und beschweren sich noch.
Text: F.A.Z., 25.04.2006, Nr. 96 / Seite 41
Bildmaterial: AP
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