23. März 2006 Das Schneeflöckchen, mit seiner zart aquarellfarbigen Orchesterpartitur die zweifellos schönste von Rimski-Korsakows Märchenopern, stellt zugleich ein subtil allegorisches Meisterwerk der russischen Theaterliteratur dar. Der ansonsten sozialkritische Dramatiker Alexander Ostrowski entnahm die Geschichte von der kühlen Jungfrau, die an der Liebe zugrunde geht, der Volksmärchensammlung von Alexander Afanasjew.
Das Schneeflockenmädchen, das beinahe wirkt wie ein russisches Äquivalent der japanischen Kirschblüte, ist der illegitime Sproß einer Affäre, welche sich die Frühlingsfee mit dem rotnasigen Frost erlaubt hat, womit sie die natursymbolische Ordnung durcheinandergebracht hat. Seither zürnt der Sonnengott dem Frühling und läßt es nach Winterende einfach nicht warm werden - genau wie in diesem Jahr in Rußland.
Unverständliche Liebe
Die fragile, mild frostige Wasserkristallfigur, die von der Mutter die Sehnsucht nach Wärme, vom Vater aber die Frigidität geerbt hat, strebt zu den Menschen, wo ihre Hitchcock-Schönheit Unfrieden sät. Die Schneejungfrau fühlt sich zum grazilen Hirten hingezogen, den jedoch ihre Kühle irritiert, und verdreht dafür einem jungen Handelsreisenden derart den Kopf, daß er seine Verlobte sitzenläßt. Beeindruckt von der ihr unverständlichen Liebe, will sie das mächtige Gefühl ebenfalls kennenlernen und läßt sich dazu von der Mutter zum sterblichen Wesen herabstufen, ganz wie Wagners Brünnhilde durch Vater Wotan.
Vergebens warnt die Frühlingsfee ihr Kind vor den Strahlen der Sonne. Stolz, die Leidenschaft des Kaufmanns endlich erwidern zu können, und den lieblichen Gesang ihres Hirten noch im Ohr, begrüßt das Schneeflöckchen den todbringenden Tag. Sie schmilzt augenblicklich. Doch nun ist der Sonnengott endlich versöhnt. Die warme Jahreszeit beginnt wieder pünktlich. Angesichts der glücklich wiederhergestellten Makro-Harmonie weinen die Märchenmenschen dem kleinen Schneeflockenmädchen keine Träne nach.
Eine Aufnahme von Rimski-Korsakows Märchenoper in vier Akten Schneeflöckchen mit dem Chor und Orchester des Bolschoi Theaters Moskau unter Leitung von Eygeni Svetlanov gibt es von Canus-Lin (DA Music). Eine Auswahl der Märchen aus der berühmten Sammlung Alexander Afanasjew gibt es unter dem Titel Russische Zaubermärchen im Reclam Verlag für 5,40 Euro.
Text: F.A.Z. vom 24. März 2006
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