Literatur

Als Hitler den rosa Hummer stahl

James Krüss im Jahr 1972

James Krüss im Jahr 1972

22. Juni 2006 Mein Urgroßvater und ich“, „Der Leuchtturm auf den Hummerklippen“, „Timm Thaler“: Die Bücher von James Krüss (1926 bis 1997) gehören zu den Klassikern der deutschen Jugendliteratur. Die meisten schildern liebevoll das Leben auf der deutschen Hochseeinsel Helgoland zwischen Hummerbuden und Badestrand. Krüss' Heimat wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Anschließend diente sie englischen Bombern als Übungsziel. Krüss ließ sich nach dem Krieg im Süden nieder. Seine Schwester Erni Rickmers, Jahrgang 1928, kehrte auf die Insel zurück und lebt dort noch heute.

Frau Rickmers, Ihr Bruder James Krüss, der kürzlich achtzig Jahre alt geworden wäre, hat von 1948 an die Zeitschrift „Helgoland“ herausgegeben: für die Insulaner, die ihre Heimat nach dem Krieg verlassen mußten. Wie war das, als Sie dann später wieder nach Helgoland kamen?

Ihr Onkel lieferte Hitler Hummer: Erni Rickmers

Ihr Onkel lieferte Hitler Hummer: Erni Rickmers

Ich fand das nur schön. Ob das kaputt war, war uns allen egal. Es war ein herrliches Gefühl von Freiheit.

Wie hat James Krüss diese Rückkehr der Helgoländer empfunden?

Er hat natürlich publizistisch dazu beigetragen, aber weil er schon in München lebte, fehlte es ihm am Kleingeld, um hierherzureisen. Seine Honorare flossen noch spärlich. Wir haben ihn damals wenig gesehen.

Er ist ja dann mit seinen Helgoland-Büchern bekannt geworden ...

Einmal Insulaner, immer Insulaner.

Und auf einmal kannte jeder die Insel.

Wir haben das ganz gelassen genommen. Man neigt hier eigentlich wenig zum Enthusiasmus.

Warum hat sich Ihr Bruder dann 1965 auf eine ganz andere Insel zurückgezogen, auf Gran Canaria?

Er wurde sehr schnell sehr populär, da hat ihm sein Verleger geraten, auf Reisen zu gehen. Er hat sich dann auch ein Auto zugelegt, ohne je fahren zu lernen. Er kam bis Gran Canaria, brachte aber dort das Auto nicht durch den Zoll, weil er sich weigerte, Schmiergeld zu zahlen. So blieb er erst mal da und lernte einen deutschen Architekten kennen, der ihm ein Haus im Landesinneren verkaufte. Er war allerdings auch zuckerkrank, und das Klima dort tat ihm gut.

Lebhafte Phantasie: James Krüss

Lebhafte Phantasie: James Krüss

Sein Talent zum Erzählen hat Ihr Bruder selbst oft als „Schwindeln“ bezeichnet. Wann haben Sie gemerkt, daß man seine Geschichten nicht unbedingt glauben mußte?

Schon als Kind - er hatte eine lebhafte Phantasie. Wir hatten aber eigentlich keinen engen geschwisterlichen Kontakt. Er war halt mein älterer Bruder, weiter nichts, und bei uns ging jeder seine eigenen Wege. Später wurde die Verbindung dann enger.

Ich habe gestern hier auf Helgoland eine Bunkerführung mitgemacht. Dabei wurde uns auch ein Schulraum gezeigt.

“Timm Thaler“ im Fernsehen mit Thomas Ohrner (vorn) und Horst Frank

"Timm Thaler" im Fernsehen mit Thomas Ohrner (vorn) und Horst Frank

Wir saßen oft im Bunker. Wenn nachts Alarm war, brauchten wir am nächsten Tag erst eine Stunde später zur Schule. Manchmal hat der Lehrer auch im Bunker versucht, uns weiter zu unterrichten. Helgoland lag ja im Einfluggebiet, und alle Häuser hatten sich - der Himmel weiß, wie! - mit Funk versehen und hatten den den ganzen Tag laufen. Da wurde jede Bewegung der feindlichen Bomber durchgegeben. Und wenn man dann hörte, daß die kommen, fingen die Hausfrauen schon an, das Essen beiseite zu stellen und den Koffer zu holen. Wenn die Alarmsirene ertönte, waren wir häufig schon fertig zum Start.

Wie haben Sie die Angriffe erlebt?

Das war schlimm. Die allerersten Bomben des Krieges fielen auf Helgoland, da wurden schon 1939 welche auf das Nordostgelände geworfen. Im Mai 1941 sind sie dann im Tiefflug über die Insel gezogen, haben Brand- und Sprengbomben geworfen und auf die laufenden Menschen geschossen. Es hat viele Opfer gegeben. 1945, beim großen Angriff, hatte mein Großvater gerade eine Pfanne mit Schollen auf dem Herd. Die wollte er noch zu Ende braten. Man hat später keine Spur mehr von ihm und meiner Tante gefunden.

Und Sie?

James Krüss bei Dreharbeiten zu “Jonny und Jenny“. Am Klavier: Udo Jürgens

James Krüss bei Dreharbeiten zu "Jonny und Jenny". Am Klavier: Udo Jürgens

Ich war beim Angriff 1941 mit meinem Bruder Detlef gerade beim großen Leuchtturm, Karnickel angucken - ich war fast dreizehn Jahre alt, er knapp drei. Da spielten Jungs auf einer Mauer Soldat, mit Stahlhelm und Holzgewehr, was man halt im Krieg so macht. Auf einmal hüpften die von der Mauer und riefen Der Tommy kommt, und ich dachte, das gehört zum Spiel, schaute aber vorsichtshalber noch zur Signalstation und sah die Alarmflagge. Ich klemmte mir meinen Bruder unter den Arm und rannte in die Kaserne - der Luftdruck einer Bombe schleuderte uns die letzten Meter in den Keller. Beim zweiten Angriff lag ich mit einer Mandelentzündung im Bett. Ich ging ans Fenster und sah, wie das Haus gegenüber in die Luft flog. Vorher sah ich noch das Flugzeug und das Gesicht des Piloten. Das könnte ich heute noch malen.

Es gab doch einen direkten Zugang von der Schule zum Bunker?

Ja. Und jeder hatte seinen festen Bunkerplatz, unter dem er ein paar Wertsachen hatte - die schönste Bettwäsche, oder was man halt so brauchte. Ich weiß heute noch, wer wo gesessen hat. Man hatte dann eben auch so Bunker-Nachbarschaften. Vier Helgoländer waren oben auf dem Leuchtturm, als Beobachter. Drei davon sind verschüttet worden, der vierte hat die Bunkertür noch erreicht, aber die durfte nicht geöffnet werden. Wir fanden ihn dann später ganz taub, ganz bleich, mit toten Augen. Immerhin hat er es überlebt. Zwei Tage später wurden wir evakuiert.

Als Sie 1954 endgültig zurückkamen, war alles zerstört.

Einmal Insulaner, immer Insulaner: Helgoland

Einmal Insulaner, immer Insulaner: Helgoland

Sicher. Die dünne Erdkrume der Insel war ja völlig weg, alles zerbombt. Und es mußte ja auch eine Sicherheitsräumung vorgenommen werden, wegen der Blindgänger, so daß die Erde wieder umgepflügt wurde.

Wie lange hat es gedauert, bis Helgoland wieder so bewachsen war wie heute?

Die Kinder kamen noch 1960 immer lehmverschmiert ins Haus. Und das Oberland brauchte sogar bis 1970, bis es fertig bebaut war. Andererseits ist die Insel heute auch viel stärker begrünt als vor dem Krieg. Damals kamen die Heuschnupfer gern zu uns, weil der Pollenflug minimal war.

Gab es hier Tiere, als sie zurückkamen?

Vögel, viele Vögel. Den Sommer 1953 habe ich im Zeltlager auf der Düne verbracht, vor dem Wiederaufbau der Insel. Wir liefen nur mit Stöcken herum, die wir über uns schwenkten, weil die Vögel uns natürlich angriffen - sie fühlten ihre Brut gefährdet. Die völlig zerbombte Insel war unwegsames Gelände, durch das man immer neue Wege finden mußte. Es wurden ständig Gräben für das Versorgungsnetz ausgehoben, und wir bewegten uns nur in Gummistiefeln, weil überall Matsch und Schlamm war.

Ihr Bruder ist ja dann auch mit sechzehn Jahren aufs Festland gegangen.

Ja, in eine Lehrerbildungsanstalt. Der Name James war dem nationalsozialistischen Leiter allerdings suspekt, er wurde dort Hans gerufen - hier war das dagegen absolut üblich, wir hatten gleichzeitig vier Menschen mit dem Namen James Krüss auf der Insel. Noch heute stehen oft Besucher am Grab unseres Delikatessenhändlers und glauben, sie stehen am Grab meines Bruders. Immerhin wird es ab 2007 eine James-Krüss-Ausstellung im Helgoländer Museum geben.

Viel später hat er bekannt, wie lange er noch an Hitler geglaubt hat.

Hitler hatte Charisma, als Jugendliche habe ich das so empfunden. Ich habe ihm selbst Auge in Auge gegenübergestanden, er war ja auch zwei- oder dreimal auf der Insel, und die Wege sind eng, er konnte ja nicht mit dem Wagen durchfahren. Er ging hier lang, schüttelte links und rechts die Hände und hatte seine Schirmmütze immer tief ins Gesicht gezogen - er hatte faszinierende Augen. Es kann durchaus sein, daß auch James ihm die Hand gegeben hat.

Was wollte Hitler auf Helgoland?

Ihn interessierte der Ausbau der Insel zur Festung, der U-Boot-Bunker.

Ihre Familie stand sogar in geschäftlicher Beziehung mit ihm, wenn auch nur kurz.

Ja, nach seinem Besuch 1938 hat Hitler bei meinem Onkel Leo Friedrichs ein paar Kilo Hummer bestellt. Mein Onkel sah keine Veranlassung, sie ihm zu schenken, aber er hat ihm einen Spezialpreis gemacht. Das kann man in dem alten Kontorbuch sehen, das wir aus den Trümmern gerettet haben. Da steht aber auch, daß Hitler die Hummer nie bezahlt hat. Sein Fotograf Heinrich Hoffmann hat übrigens auch Hummer bei uns gekauft. Und bezahlt.

Wenn Sie hier aus dem Fenster schauen und auf die neuen Hummerbuden am Hafen blicken, auf den Versuch, das alte Helgoland zu zitieren ...

Da bin ich ganz unromantisch. Sicher gibt es noch Leute, die sich das alte Helgoland herbeisehnen. Aber man muß auch wissen, daß es viel Geld gekostet hätte, die alten Quartiere wettbewerbsfähig zu halten, das waren teilweise alte holzverschalte Häuser. Darin zu wohnen war keine reine Freude. Daß unsere Insel nach dem Wiederaufbau solch ein modernes Gesicht trug, war unser Vorteil, wenigstens für den Tourismus.

Die Fragen stellte Tilman Spreckelsen.



Text: F.A.Z., 23.06.2006, Nr. 143 / Seite 52
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