„Zweiklassenmedizin“

Lauterbachs Schrei

Von Joachim Müller-Jung

Sozialpolitischer Polterer: Karl Lauterbach

Sozialpolitischer Polterer: Karl Lauterbach

29. Juni 2007 Ein Mann zettelt eine Revolution an. Karl Lauterbach ist nicht länger willens, stillzuhalten. Er will nicht länger zusehen, wie das Gesundheitssystem in eine Gesellschaft für Reiche und in eine Gesellschaft für Arme zerfällt. Deshalb hat er ein Buch geschrieben, dass die Fakten auf den Tisch bringt: „Zweiklassenstaat“.

Seit ein paar Jahren ist Karl Lauterbach aus der Öffentlichkeit nicht mehr wegzudenken. Er hat Gesundheitsreformen auf den Weg gebracht und als sozialpolitischer Polterer dieselben wieder haarspalterisch zerpflückt. Nur etwas bewirkt zu haben, wie das überhaupt zur Wahrnehmung deutscher Gesundheitspolitik gehört – das scheint ihm bisher nicht vergönnt. Nichts wird besser, alles teurer. Lauterbach lässt in seinem Buch die Katze aus dem Sack: Siebzig Millionen Kassenpatienten, sagt er uns, wurden mal wieder über den Berliner Tisch gezogen. Wir werden regiert von Klapperschlangen am Äskulapstab.

Eiertanz der Lobbyistenverbände

Ungenierter Angriff aufs medizinische System: Lauterbachs “Zweiklassenstaat“

Ungenierter Angriff aufs medizinische System: Lauterbachs "Zweiklassenstaat"

Es ist ja so: Wer von uns kann sich heute noch wirklich über den medizinischen Fortschritt freuen? Alle fünf Jahre soll sich ja mittlerweile das medizinische Wissen verdoppeln, aber wie soll sich der Genuss dieses Fortschrittssegens einstellen, wenn schon die Empfangsdame in der Arztpraxis das bunte Plastikkärtchen zum Eintritt in diese wundersame Welt der Heilkunde dreimal umdreht und behandelt, als wäre es ein falscher Fuffziger: KEH? Steht für Krankenkasse Eintracht Heusenstamm. Nie gehört. Hundertdreiundvierzig Jahre, so alt ist diese Organisation – übrigens eine der ersten ihrer Art in Deutschland überhaupt –, hundertdreiundvierzig Jahre sind kein Kapital in diesen gesundheitspolitisch labilen Zeiten, in denen das Misstrauen inzwischen noch schneller zu wachsen scheint als die teuer erkauften Wissensgebirge der medizinischen Wissenschaft.

Das Misstrauen der Massen ist auch die Verhandlungsmasse Lauterbachs. Gerade jetzt, da die existierende Zweiklassenmedizin immer deutlicher zutage tritt. Und in Berlin geht der Eiertanz der dreihundert mächtigen Lobbyistenverbände munter weiter. Was daraus folgt? Gesundheitspolitik von unten, hofft Lauterbach. Auf einmal machen in Berlin vorrevolutionäre Töne die Runde, wie jüngst die streikenden Ärzte auf ihrem Marsch nach Berlin.

Gefordert: Ein Aufstand der Bürger

Seitdem Lauterbach vorige Woche sein Buch vorgestellt hat, gab es viele Reaktionen, aber noch keine vernehmbaren, die sich grundsätzlich gegen seine ungenierten Angriffe auf das medizinische System richten. Der Kölner Gesundheitsökonom hat dem „parasitären Geschäftsmodell der Privaten Krankenversicherung“ offen den Kampf angesagt, die er es für eine Art „Steuerschlupfloch für Reiche in der Krankenversicherung“ und für ein Mittel zur „Luxusversorgung“ von weniger als zehn Prozent der Versicherten hält. Den mehr als neunzig Prozent in den „Billigheimer-Kassen“ will er zur Gleichbehandlung verhelfen. Was er im Grunde prognostiziert, nein, was er fordert, ist ein Aufstand der Bürger gegen die institutionalisierte Unsolidarität der Privilegierten.

Lauterbach spricht nicht wie Ärzte und Medizinjuristen über Rationierungen oder neuerdings über „Priorisierung“ bei Diagnosen und Therapien, also über das gezielte Ausschließen von allzu teuren medizinischen Leistungen. Da bleibt er wie alle im Gewerbe kleinlaut. Ihm geht es um Chancengleichheit, um Umverteilung. Die Kassen kommen dieser Aufgabe mittlerweile auf ihrer Weise nach: Wie die Privatversicherungen müssen sie um die Einkommensstarken kämpfen, damit die Patienten mit den geringsten Gesundheitsrisiken – jene also, die ihres sozialen Status wegen von vorneherein gesünder leben, besser versorgt sind – leichten Zugang zu Spezialisten haben und hierzulande inzwischen fünf Jahre, in einigen amerikanischen Städten sogar um bis zu fünfzehn Jahre länger leben als die große Masse der medizinische Leistungen verschlingenden Underdogs. Die Schieflage wird größer.

Gesundbrunnen „Wellnessangebot“

Und sie artikuliert sich auf groteske Weise neuerdings auch in so genannten Wettbewerbselementen. „Junge Familien, die überlastet sind, haben einen Anspruch auf Kuren“: Mit diesen Worten beschrieb Gesundheitsministerin Ulla Schmidt kürzlich in dieser Zeitung eine der Reformsegnungen. Realität ist: Während ein und dieselbe Kasse, die traditionsbehaftete Heusenstammer Eintracht zum Beispiel, mit großzügigen Zuschlägen für so genannte Präventionsreisen und Wellnessangebote werben kann, lehnt sie auf Anraten des zuständigen Medizinischen Dienstes gleichzeitig eine Kur für eine dreifache Mutter ab, die ihre Regenerationsbedürftigkeit durch drei unabhängige Atteste zu belegen versuchte.

Wie wäre es etwa mit einer Flusskreuzfahrt nach Budapest? Sechs Tage, fünf Übernachtungen, sechsmal Nordic Walking, fünfmal Yoga an Bord. Dr. Holiday, nach eigenen Angaben der führende Anbieter von Präventionsreisen, bietet solche Ausflüge mit bis zu zweihundert Euro Zuschuss an, die freilich auch nur in Anspruch nehmen kann, wer die 334 Euro Differenz zur Endsumme aufzubringen vermag. „Die Flüsse dieser Welt“, unkte daraufhin in einer Glosse das „Ärzteblatt“, rufen zum Gesundbrunnen. Wer will da kleinlich oder neidisch werden?

Wie lange hält der Berliner Pseudofriede?

Während die einen also weiter ungehindert abschöpfen und nach eigenem Geschmack verteilen – die aufgeblähten Kassenärztlichen Vereinigungen etwa, denen Lauterbach Versagen bei der gleichmäßigen Versorgung des Landes mit Ärzten vorwirft –, während diese also wie viele Akteure im medizinischen System ungerührt ihre Pfründe verteidigen, scheint die Bewegung, der Lauterbach nun einen neuen aggressiven Ton verliehen hat, unaufhaltsam. Es wird gepflügt für den Umbruch. Von allen Seiten.

Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat vor einiger Zeit konkrete Vorschläge für eine „bessere Medizin zu bezahlbaren Preisen“ vorgelegt, die das Misstrauen in das aus Kompromissformeln gezimmerte System nachhaltig unterstreichen. Die Werbeformel, die ein Schnäppchen in Aussicht zu stellen scheint, leckt leider ab vom Gehalt des Papiers. Es geht nämlich gar nicht ausschließlich ums Geld. Welcher Arzt gut und welcher schlecht arbeitet – diese für viele von uns wichtigste, ja manchmal lebensrettende Information – kann der Patient bis heute nicht erfahren. Den Verwirrten und Alleingelassenen sind die Wege zur Heilung verbaut: die Wege zu den niedergelassenen Spezialisten, deren Interesse den Privatpatienten gilt. Das ist die Lehrbuchbeschreibung einer revolutionären Situation.

Lauterbach will die Mittelschicht wachrütteln. Sie soll endlich merken, dass sie die Melkkuh des Systems ist. Vom Klassen- und Kassenkampf träumen zwar nicht alle. Schon wegen der demographischen Entwicklung wird die Gesundheit aber immer wichtiger. Die Frage ist: Wie lange hält der Berliner Pseudofriede noch?

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa, Verlag

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