Von Jordan Mejias, New York
22. Januar 2007 Der Vater versucht sich auch als Imker. Zwei Bienenvölker hat er erworben, und als das eine im Frühjahr zu schwärmen und sich zu vermehren beginnt, das andere aber von Tag zu Tag mehr Leichen auf dem Boden des Bienenstocks zurücklässt, ergreift ihn eine große Unruhe. Eine schreckliche Krankheit musste das eine Bienenvolk befallen haben. So beschließt er, um das gesunde Volk zu retten, das kranke zu vergasen. In der Natur, erklärt er seinem Sohn, dem kleinen Adi, gibt es keine Gnade für die Schwachen. Worauf Adi antwortet: Das stört mich nicht.
Den Leser aber mag die Szene, die Norman Mailer in seinem neuen Roman The Castle in the Forest beschreibt, nicht nur stören, sondern von Grund auf verstören. Denn er weiß, dass Adi mit seinem Vater den Nachnamen Hitler teilt und später seinen vollen Vornamen bevorzugt: Adolf. Ehe er es aber schafft, das Buch auf Seite 200, also noch nicht einmal in der Mitte, endgültig zuzuknallen, schaltet sich der Erzähler ein und warnt ihn, weder aus der Vergasung noch der Zahl der Honigbienenleichen zu viel zu machen: Es ist nicht als alleiniger Grund für alles, was später geschieht, zu verstehen. Mehr ist von diesem Ich-Erzähler auch nicht zu erwarten.
Durch Inzest optimiertes Erbgut
Vorgestellt hat er sich auf der ersten Romanseite als ehemaliges Mitglied einer unvergleichlichen Spionageeinheit, der SS, Sonderabteilung IV-2a, die unter Aufsicht von Heinrich Himmler stand. Nach Moby Dick-Art, immerhin, beginnt er seine Erzählung: Sie können mich D. T. nennen - was für Dieter stehen soll, aber auch das ist nur eine Finte. Als Adis Vater Alois die Bienen vergast, ist dem Leser längst bekannt, dass der charmante, blonde, blauäugige, gewitzte D.T. in Wirklichkeit ein Mitarbeiter nicht eines teuflischen Massenmörders, sondern des Teufels selbst ist.
The Castle in the Forest erhebt den Anspruch, Kindheit und Jugend Adolf Hitlers nachzuzeichnen. Mailer erfindet dazu eine inzestuöse Vorgeschichte, die sich zu einem erheblichen genealogischen Kuddelmuddel verdichtet. Inzestuarier, wie er diese nicht immer vorschriftsmäßig reinblütigen Arier nennt, erregen nun aber das wissenschaftliche Hauptinteresse Himmlers, dessen genetische Theorien auf der Spekulation beruhen, erst eine durch Inzest optimierte und intensivierte Kombination des Erbguts habe einen visionären Supermann vom Schlage des Führers hervorbringen können. Ein Albtraum nicht zuletzt für den Leser. Er hat seine liebe Mühe, sich unter den wild durcheinanderkopulierenden Poelzls, Schicklgrubers, Glassls, Hiedlers und Hitlers zurechtzufinden, bis Adi endlich Ordnung in die Handlung bringt.
Keine Angst: Die Story weitet sich ins Metaphysische
Allerdings geht es daraufhin nicht weniger skurril oder unappetitlich zu. Onanistische Praktiken, die patriotische Anwandlungen ebenso nach sich ziehen wie den Oberlippenschmuck des jungen Hitler, und fäkalienhaltige Divertissements gehören zu den Bausteinen von Adis Seelenbildung. Vom Vater geschlagen und von der Mutter verwöhnt, erweist sich der einhodige Bettnässer als eher unterdurchschnittlicher Schüler, zeichnet sich aber beim Kriegsspiel im Wald aus. Sein Verhältnis zum weiblichen Geschlecht ist problematisch. Doch keine Angst, Mailer läuft nicht Gefahr, das Duo Dani Levy und Rolf Hochhuth zum humoristischen Trio zu ergänzen, er hat nicht einmal wirklich Lust zum poppigen Psychologisieren - auch wenn passagenweise der Eindruck entstehen könnte. Seine Story weitet sich ins Metaphysische.
Auch ließe sich beinahe behaupten, in seinem Hitler-Roman gehe es gar nicht um Hitler. Adi zieht unweigerlich alle Aufmerksamkeit auf sich, doch im Brennpunkt steht der Kampf um den Menschen oder, wie es bei D. T. heißt, um den Klienten. Wer die Kämpfer sind? Schon bei Adis Zeugung sind Klara und Alois nicht allein. Dem Akt wohnt auch der Maestro bei, während D. K. den Kürzeren zieht, was kein Wunder ist, denn D. K. steht im Wörterbuch des Unterteufels für Dummkopf. Der Gegenspieler ist schlauer und nennt sich nur deshalb Maestro, weil Satan doch etwas zu vulgär klingt. Am Ende kommen dem Erzähler D. T. zwar Zweifel, ob es wirklich sein Boss war, der sich an der weltverändernden Begattungsfestlichkeit beteiligt hat, aber einer aus den allerobersten Höllenrängen war es bestimmt.
Die Schlinge, die der Autor selbst geknüpft hat
Egal, der Hase liegt anderswo im Pfeffer. Wo Mailer mit Hitler lockt, bekriegen sich in Wahrheit Gut und Böse, ja sogar der Gute und der Böse. Findet der Kampf nun in irgendeinem genetischen Determinationsprozess statt oder, wie Mailer es kraftvoll anzudeuten scheint, doch draußen in metaphysischen Gefilden? Wäre Ersteres der Fall, hätte der aufgeklärte Leser noch eine Chance, die Story metaphorisch zu deuten. Die Probleme, die dagegen Letzteres aufwürfe, hat Mailer sich bereits ausgemalt: Die Linke, sagt er, könnte das Buch hassen, weil er mit seiner Metaphysik die ihr so teure Ratio brüskiere. Die Rechte könnte es nicht minder hassen, weil er ihr einen Gott zumute, der von seiner Allmacht nur träumen kann. Und die Juden, prophezeit Mailer, könnten verstimmt sein, weil er die Deutschen aus der Verantwortung entlasse.
Denn was soll die ganze Aufregung um Schuld und Verbrechen, wenn der freie Wille ohnehin nur die Dekoration einer Mechanik ist, die Himmel oder Hölle, je nach aktueller Verteilung der Kraftreserven, in Gang setzt? Da rächt sich doch, dass Mailer seine kosmologischen Interventionen an Hitler exemplifiziert und nicht an Joe Sixpack. Sicher, der Ich-Erzähler ist ein Unterteufel, nicht Norman Mailer. Aber könnte oder wollte sich der Autor so aus der Schlinge ziehen, die er geknüpft hat? Die Reaktionen, die der erst in dieser Woche in Amerika erscheinende Roman bisher hervorrief, waren dementsprechend gemischt: Newsweek findet das Buch leichtfertig, der New York Observer schwärmt von seiner Kraft, seinem Reiz, seinem Humor und seiner geistigen Weite.
Herzhaftes Bekenntnis zur deutschen Sprache
Vor allem aber ist es ein echter Mailer. Liegt sein letzter Roman auch mehr als ein Jahrzehnt zurück, so setzt The Castle in the Forest nun doch bruchlos fort, was an intellektuellem Ungestüm und rasant überbordender Phantasie schon in Mailers altem Ägypten (Ancient Evenings) oder, vielleicht noch bezeichnender, in seinem alten Jerusalem (The Gospel According to the Son) anzutreffen war. Auch als Vierundachtzigjähriger geht Mailer mit einer Verve ans Werk, die von Altersweisheit nichts wissen will und kein Risiko scheut. Trotz seines stilistischen und kompositorischen, genealogischen und genetischen, philosophischen und theologischen Vabanquespiels besteht er aber darauf, ernst genommen zu werden, sehr ernst, und so hängt er an die 467 Romanseiten noch eine siebenseitige Bibliographie, als müsse er belegen, wie tief seine Meditation in der historischen Wirklichkeit verankert ist. Er vergisst nicht, seiner Deutschlehrerin zu danken, würzt die Prosa, die sich wohl D. T. zuliebe eine seltsame Steifheit auferlegt, immer mal wieder mit einem deutschen Wort und kennt sich anscheinend in der österreichischen Provinz so gut aus wie in Brooklyn. Die Atmosphäre des Buchs, Temperament und Obsessionen aber lassen keine Zweifel am wahren Handlungsort: Mailer's World.
Niemand wird darum The Castle of the Forest mit einem Geschichtsbuch verwechseln. Aber auch als warnende Gegenwartsparabel ist die fiktive Chronik nur von begrenztem Nutzen, obwohl Mailer es sich im Epilog nicht verkneifen kann, den Maestro mit der Ankündigung zu zitieren, er werde seine Operationen nun nach Amerika verlegen. Deutschland spielt in diesem Hitler-Buch keine Rolle, für die deutsche Sprache scheint Mailer jedoch eine Schwäche entwickelt zu haben: D. T. erlaubt er, ein herzhaftes Bekenntnis zu ihr abzulegen. Auch zum Buch äußert er sich im Buch. Es sei nicht klassifizierbar, sei mehr als ein Memoirenband und müsse als Biographie sicherlich höchst kurios wirken, da es die Privilegien eines Romans genieße. Wir sind nicht weniger ratlos. Wir wissen indes: Auf das große Buch, das Mailer uns seit sechs Jahrzehnten verspricht, müssen wir weiter warten.
Text: F.A.Z., 20.01.2007, Nr. 17 / Seite 33
Bildmaterial: AP
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