Cornelia Funke im Interview

Beim Schreiben bin ich gerne Diktatorin

02. November 2007 Cornelia Funke hat mit dem von Fans langersehntem Buch „Tintentod“ die „Tintenwelt“-Trilogie abgeschlossen. Im Gespräch mit der F.A.Z. spricht die Erfolgsautorin über das Dichten in zwei Sprachen und die Parallelwelt Kalifornien.

Frau Funke, Ihr „Tintentod“ ist gerade erschienen, jetzt haben Sie ein Gespensterbuch angekündigt, eine Fortsetzung des „Drachenreiter“ und anderes mehr. Arbeiten Sie immer an so vielen Büchern gleichzeitig?

Das habe ich erst hier in Los Angeles gelernt. Ich habe im vergangenen Jahr mit dem Filmproduzenten Lionel Wigram in englischer Sprache an einem Drehbuch gearbeitet, das auf E. T. A. Hoffmanns „Nussknacker und Mausekönig“ basiert, und nachmittags dann auf Deutsch an „Tintentod“, ohne dass sich das negativ beinflusst hätte. Es ist sogar sehr erfrischend, wenn man an zwei so unterschiedlichen Geschichten in unterschiedlichen Sprachen arbeiten kann.

Auch in der „Tintenwelt“-Trilogie besetzen Sie Rollen gern doppelt: Es gibt jeweils einen Meister und einen Stümper. Das betrifft die Dichter Fenoglio und Orpheus oder die Feuer-Artisten Staubfinger und Rußvogel, die Vorleser Mo und Darius, genannt „Zauberzunge“ und „Stolperzunge“.

Aber Darius sehe ich überhaupt nicht als Stümper! Er ist einfach derjenige, dem man die meiste Angst machen kann. Es ist immer reizvoll, mit einem Thema auf die eine oder andere Weise zu spielen - einen Meister zu zeigen und einen anderen, der das nicht erreicht. Wobei die drei genannten Paare das auf unterschiedliche Weise verkörpern: Darius steht Mo eigentlich nicht nach, er hat nur viel mehr Angst. Auch Rußvogel hat Angst vor dem Feuer, mit dem er spielt, und das hindert einen immer daran, besser zu werden. Orpheus aber ist einfach zu eigensüchtig und deshalb nicht gut in dem, was er tut.

Alle drei sind Künstler. Wie weit kommt man da, wenn man ängstlich ist?

Es gibt in jedem Schaffen den Punkt, an dem man über die Klippe springt und feststellt, man fliegt - oder, dass es mit dem Fliegen eben doch nicht klappt. Ich habe beim Schreiben mehrere Punkte gehabt, an denen ich mich entscheiden musste: Mache ich weiter mit dem, was ich derzeit beherrsche, oder versuche ich etwas anderes?

Sind Sie dabei auch schon einmal abgestürzt, künstlerisch gesprochen?

Bislang noch nicht. Der „Herr der Diebe“ war das schwerste Buch, das ich bislang geschrieben habe. Die ersten hundert Seiten habe ich erst mal weggeworfen. Aber das Buch hat mir sehr viel Zuversicht gegeben, immer wieder etwas Neues zu versuchen. Mein nächster Schritt ist jetzt, auf Englisch zu schreiben, und das ist das größte Risiko bisher. Ich hoffe aber, dass mich auch das weiterbringt - für mein deutsches wie für mein englisches Schreiben.

Und welche Risiken gab es zuvor?

Bei „Drachenreiter“ habe ich mich auf ein wesentlich längeres und komplexeres Schreiben eingelassen, als ich mir bis dahin zugetraut hatte. Das war auch ein finanzielles Risiko, weil ich ein Jahr an einem Buch schrieb, und gleichzeitig meine Familie ernährt sein wollte. Und beim „Herrn der Diebe“ habe ich mich oft gefragt, ob die Kinder das lesen wollen, ob irgendjemand das lesen will, ob ich da etwas riskiere, was meine Familie finanziell ruiniert - ich hatte schlaflose Nächte.

Sie waren damals Alleinverdienerin?

Ja, mein Mann hatte sich, als wir Kinder bekamen, entschlossen, zu Hause zu bleiben. Er war gelernter Buchdrucker, hat mir also einmal bei der Arbeit geholfen und andererseits sichergestellt, dass ich trotzdem zum Arbeiten kam. Das war unser Arrangement und hat wunderbar geklappt, aber dadurch lag natürlich die finanzielle Verantwortung bei mir. Ich habe immer durch Schreiben Geld verdienen müssen. Seit dieser Zeit habe ich eine eiserne Schreibdisziplin, die sich auch jetzt, wo ich es nicht mehr unbedingt so sein müsste, noch sehr gut hält.

Warum haben Sie einen Teil der „Tintentod“-Widmung auf Englisch geschrieben?

Je länger ich jetzt parallel in beiden Sprachen lebe, umso mehr stelle ich fest, dass sich manches besser in Englisch sagen lässt und manches in Deutsch. Was genau das ist, versuche ich gerade herauszufinden. Ich stelle aber fest, dass meine aus dem Deutschen ins Englische übersetzten Bücher ganz anders klingen, als wenn ich sie direkt auf Englisch geschrieben hätte.

Gerade wenn man vom Klang her schreibt, so wie ich das tue, stellt man fest, dass in den beiden Sprachen, obwohl sie so sehr verwandt sind, ganz andere Gesetze herrschen. Außerdem entdecke ich abenteuerlicherweise beim Schreiben auf Englisch ganz neue Seiten an mir. Etwa, wenn es darum geht, über Gefühle zu sprechen. Im Deutschen sind wir vorsichtiger; die Wörter, die uns zur Verfügung stehen, um Gefühle auszudrücken, klingen sehr schnell dramatischer, als sie es in der englischen Übersetzung wären.

Werden Sie einmal ein Buch ganz auf Englisch schreiben?

Vor wenigen Monaten hätte ich noch nein gesagt. Aber der Roman, den ich nach dem eingangs erwähnten Drehbuch schreibe, entsteht auf Englisch. Danach allerdings werde ich ihn auf Deutsch noch einmal neu schreiben. Die Geschichte hatte am Ende nur noch sehr lose mit Hoffmanns „Nussknacker“ zu tun. Als dann aber keine Chance mehr bestand, dass daraus ein Film werden würde, hatte ich mich schon so in die Figuren verliebt, die wir selbst entwickelt hatten, dass ich mich entschloss, daraus eine ganz eigene Geschichte zu machen, die mit der Vorlage nichts mehr zu tun hat. Ich vermute, dass sie die Altergruppe ansprechen wird, die „Tintentod“ liest, und auch Erwachsene. Sie spielt wieder in einer Parallelwelt, und ich habe nicht die geringste Ahnung, was daraus wird, nur, dass es unglaublichen Spaß macht, ihr zu folgen.

Sprechen Sie mit Ihren Kindern manchmal englisch?

Nein, nur deutsch. Ich lese auch wieder viele deutsche Bücher, gerade weil einem die Sprache hier so selten begegnet.

Auch Jugendbücher?

Der deutsche Jugendbuchmarkt interessiert mich insofern, als einige meiner Freunde in diesem Bereich arbeiten. Aber ich lese eigentlich weder deutsche noch englische Jugendbücher. Zum Vergnügen dienen mir eher Klassiker wie Katherine Mansfield, Ernest Hemingway oder Stendhal. Ich lese meistens fünf Bücher gleichzeitig - diese Sucht habe ich mir mit „Tintenherz“ selbst ins Herz geschrieben, und jetzt muss ich sehen, wie ich da wieder herauskomme.

In „Tintentod“ zitieren Sie aus einem ganz aktuellen Jugendbuch, aus „Der Joker“ von Markus Zusak.

Ja, den habe ich über eine Empfehlungsliste aus der Schule meiner Tochter kennengelernt, und er hat mich mit seiner Sprache maßlos beeindruckt. Das ist auch so einer dieser Grenzgänger, die für Kinder wie für Erwachsene schreiben.

Haben sich die Chancen für Jugendbuchautoren in den letzten Jahren verbessert?

Ja, natürlich, seit Harry Potter. Einmal, weil Verlage wesentlich höhere Gewinnspannen wittern und daher auch bereit sind, für Kinderbücher mehr in Anzeigenwerbung zu investieren. Und Erwachsene greifen stärker zu Kinder- und Jugendbüchern, weil sie Hunger nach klassisch erzählten Geschichten haben. So erleben wir gerade eine Renaissance des Kinderbuchs mit unglaublich vielen interessanten Autoren wie Jerry Spinelli, Philip Pullman und David Almond, den ich sehr bewundere.

Viele Autoren scheinen sich zurzeit mit der Frage zu beschäftigen, was aus ihren Büchern wird, aus den Geschichten und Charakteren, etwa als Film. Sie haben sich während der Dreharbeiten an „Tintenherz“ täglich das gerade gedrehte Material schicken lassen.

Ich war damals noch mit dem dritten Band beschäftigt und wusste also, dass ich darauf achten musste, dass meine Geschichte durch den Film nicht beschädigt wird. Was mich sehr am Film und auch am Theater reizt, ist, dass es eine wunderbare kreative Ergänzung zum Schreiben ist. Ich liebe es, beim Schreiben Diktatorin in dem Land zu sein, das ich erschaffe, aber ich merke, dass es meiner Inspiration guttut, an Film- oder Theaterprojekten mit anderen zusammenzuarbeiten.

Sie haben keine Angst vor jemandem wie der Figur „Orpheus“ in Ihrer Tintenwelt, der Ihre Geschichte umschreibt?

Ich würde das sogar sehr spannend finden, wenn jemand das versuchte. Und solange er dann noch so stümperhaft wäre wie Orpheus, könnte ich mich ja auch beruhigt zurücklehnen. Meine Geschichten sollen ein Eigenleben entwickeln und sich irgendwann von mir entfernen. Das werden meine Kinder ja auch tun. Zumal es schon unheimlich ist, dass ich bisweilen beim Schreiben den Eindruck habe, dass ich buchstäblich etwas herbeischreibe - Dinge, die dann plötzlich in meinem Leben stattfinden.

Beim Schreiben von „Tintenherz“, „Tintenblut“ und „Tintentod“ dachte ich manchmal, vielleicht schreibe ich gerade über etwas, was genau so in irgendeiner anderen Wirklichkeit passiert. Und dass wir alle permanent geschrieben werden. Oder die Tatsache, dass ich „Tintentod“ geschrieben hatte, wo es ja viel um Trauer und Verlust geht, und danach meinen Mann verlor - als hätte mich das eigene Schreiben auf die Situation vorbereiten wollen.

Die Begegnung mit dem leibhaftigen Tod ist eine besonders intensive Szene in „Tintentod“ - und sie ist sehr tröstlich.

Ich habe diese Stelle geschrieben, lange bevor mein Mann krank wurde. Damals hatte ich diese enge Erfahrung mit dem Tod noch nie gemacht. Es mutete mich sehr seltsam an, als ich die Stelle nach dem Tod meines Mannes wieder las. Ich hatte mich auf merkwürdige Weise selbst getröstet, bevor es überhaupt geschehen war. Allerdings habe ich selbst den Tod schon immer auf diese Art gesehen und nicht gefürchtet.

Am Ende von „Tintentod“ bleiben Ihre Figuren in der Parallelwelt und kehren nicht in die Wirklichkeit zurück. Ist das eine endgültige Entscheidung?

Ja, Ich glaube, dass sie dort bleiben werden. Aber das kann sich natürlich ändern. So wie ich selbst nicht sagen kann, ob ich für den Rest meines Lebens in Kalifornien bleiben werde, auch wenn ich jetzt gerade den Eindruck habe.

Cornelia Funke liest vom 18. November an gemeinsam mit dem Schauspieler Rainer Strecker in Hamburg, München, Berlin, Köln und Hannover aus „Tintentod“.

Die Fragen stellte Tilman Spreckelsen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

 
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