Nobelpreispolitik

Doppelschlag gegen Amerika

Von Jürg Altwegg, Genf

Kosmopolit mit Ortsbindung: Jean-Marie Le Clézio

Kosmopolit mit Ortsbindung: Jean-Marie Le Clézio

09. Oktober 2008 Am Donnerstagmorgen war Jean-Marie Gustave Le Clézio im französischen Rundfunk „France Inter“, und zwar live. Solche Auftritte des Schriftstellers sind ungefähr so selten wie Nobelpreise für Frankreich. Le Clézio ist extrem medienscheu. Aber diesmal war man sich in Paris erstaunlich sicher. Es war nicht die bekannte gallische Überheblichkeit, der genauso regelmäßig die Niederlage und die Tragödie folgen – wie beim Fußball wie vergangenes Jahr bei der Rugby-Weltmeisterschaft im eigenen Land. Vor Tagen schon berichtete Agence France Presse aus Stockholm, dass Le Clézio zu den Favoriten gehöre. Auch Michel Tournier wurde am Rande genannt. Große Chancen räumten die Buchmacher dem Poeten Yves Bonnefoy ein. Es konnte aber nur Le Clézio sein.

In seinem Interview ein paar Tage vor der Vergabe hatte der Juror Horace Engdahl die amerikanische Literatur attackiert; als zweitklassig, isoliert und auf den Massengeschmack ausgerichtet bezeichnete er sie. Das war ein Hinweis auf einen Literaturnobelpreisträger aus dem „alten“ Europa. Wer in den Kategorien des transatlantischen Kulturkriegs denkt, kennt die Fronten: Kein Land vertritt den Rest der Welt so inbrünstig wie Frankreich. Die Franzosen leisten den durchaus auch ideologischen Widerstand der Zivilisation gegen die „Cocacolonialisierung“. Jacques Chirac führte den weltweiten Kreuzzug gegen den Einmarsch im Irak an. In den achtziger Jahren bekämpfte der sozialistische Kulturminister Jack Lang den kulturellen Imperialismus von Hollywood.

Für Frankreich heißt gegen Amerika

Das war die Zeit, in der auch eine andere, noch unbekannte Seuche die Welt heimsuchte. Praktisch gleichzeitig entdeckten der Amerikaner Robert Gallo und der Franzose Luc Montagnier 1983 das Aids-Virus. Jahrelang tobte der Kampf zwischen den beiden Virologen und ihren Nationen. Es ging um Prestige und um Geld. Die Auseinandersetzungen war Thema eines Gipfeltreffens zwischen Chirac – als er noch Mitterrands Premierminister war – und dem amerikanischen Präsidenten Reagan.

Mehr als zwei Jahrzehnte danach hat die Nobelpreisjury den Streit für die Nachwelt entschieden: für die Franzosen, gegen Amerika. Und für einmal hat sich in der Stunde des historischen Triumphs ein Franzose als würdiger Sieger erwiesen: Luc Montagnier widmet seinen Preis allen Aidskranken dieser Welt und bedauert, dass Gallo, der ihm übel mitgespielt hatte, nicht ebenfalls berücksichtigt wurde.

Gepflegte Abneigung

Mit dem Nobelpreis für Medizin waren die Weichen im Bereich der Literatur gestellt. Vor Jahresfrist hatte das Nachrichtenmagazin „Time“ in einer Titelgeschichte den „Tod der französischen Kultur“ proklamiert. Gerade hat der Verfasser mit einem Buch nachgedoppelt. Er verhöhnt die Subventionen und die staatlichen Strukturen. Die Auszeichnung für Montagnier ist nebenbei auch eine Anerkennung für das Institut Pasteur, Montagniers Arbeitgeber, und generell für die französische Forschung. „Sauver la Recherche“ hatte der bürgerlichen Regierung im Wahlkampf den Krieg erklärt und bekämpft die Tendenz der Privatisierung.

Auch der letzte Literaturnobelpreis für Frankreich geht auf die antiamerikanischen achtziger Jahre unter Mitterrand und Jack Lang zurück: 1985 wurde Claude Simon ausgezeichnet. Die Liste der zuvor nobelisierten Franzosen ist lang. Sie reicht von Sully Prudhomme im Jahre 1901 über Mistral, Romain Rolland, Anatole France, Henri Bergson, Roger Martin du Gard, André Gide, Mauriac, Camus bis zu Saint-John Perse. 1964 lehnte Sartre den Preis ab, und Frankreich musste bis Claude Simon warten. Auch die Vergabe an den „unpolitischen“ Vertreter des „Nouveau Roman“ war noch eine Reaktion auf Sartres Verweigerung. Tournier, den Mitterrand vorgeschlagen hatte, wurde übergangen.

Befreiungsschlag im Kulturkrieg

In Jean-Marie Gustave Le Clézio bekommt die Welt einen würdigen Nobelpreisträger. Auch im französischen Literaturbetrieb ist Le Clézio ein Außenseiter geblieben. Er knüpft an die engagierte Literatur an, aber außerhalb jeglicher Ideologien. Sein Kampf gilt der Umwelt und den vertriebenen Ureinwohnern pazifischer Inseln. Immer stärker hat er in seinen jüngsten Werken seine eigene Geschichte zu Literatur gemacht. „Revolutionen“ ist ein autobiographisches Buch. Die soeben in Frankreich erschienene „Ritournelle de la Faim“ (Hunger) setzt der Mutter ein Denkmal. In Le Clézios Familienroman geht es um die Insel Mauritius und den Kolonialismus, um Sklavenhandel und Holocaust.

Nie hat dieser extrem öffentlichkeitsscheue Dichter den „Massengeschmack“ bedient, von dem Engdahl gerade sprach. Ja, es konnte, nach Luc Montagnier erst recht, nur Le Clézio sein. Horace Engdahl wusste, an wen er dachte, als er im transatlantischen Kulturkrieg am Ende der Ära George Bush zum europäischen Befreiungsschlag gegen die amerikanische Literatur ausholte.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS

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