04. Dezember 2003 "Allem Anfang wohnt ein Zauber inne, / der uns beschützt und der uns hilft, zu leben" heißt es in Hermann Hesses "Stufen", dem Lieblingsgedicht von Siegfried Unseld. Auf wieviele Neuanfänge jedoch kann sich ein solcher Zauber erstrecken? Die fragt man sich angesichts der Turbulenzen im Hause Suhrkamp.
Hesse, der Peter Suhrkamp 1950 zur Verlagsgründung ermunterte, zählt mit einer Millionenauflage zu den immergrünen Säulenheiligen des Frankfurter Verlags, dessen intellektuelles Profil mit Autoren wie Adorno, Mitscherlich und Marcuse, mit Handke, Bernhard oder Frisch auf die Bundesrepublik ausgestrahlt hat wie kein zweites. Mit seinem Programm hat Siegfried Unseld die geistige Physiognomie des Landes stärker beeinflußt als viele bedeutende Politiker. Wäre Suhrkamp ein Staat, hätte man meinen können, daß die Monarchie nach dem Ausschalten des - einzig legitimen - Kronprinzen Joachim Unseld und dem Ableben des Patriarchen, der durchaus als Diktator auftreten konnte, nur als Republik überlebensfähig sein würde. Doch stattdessen hat nun, nach dem Abgang des letzten Anwärters auf die Nachfolge, die Königin das Szepter selbst in die Hand genommen.
Heikler Neubeginn
Spätestens seit Siegfried Unselds Tod im Oktober letzten Jahres steht Suhrkamp vor einem heiklen Neubeginn, der schon ohne die prekäre Lage der Buchbranche schwierig genug wäre. Wie energisch die Veränderungen jetzt vorangetrieben werden, zeigte sich vor einigen Wochen mit dem Eintritt von Unselds Witwe, der Schriftstellerin und ehemaligen Schauspielerin Ulla Berkéwicz, in die Geschäftsführung: eine Entscheidung, die den Machtverhältnissen Rechnung trug. Denn Frau Berkéwicz hält - über die Siegfried und Ulla Unseld-Familienstiftung - 51 Prozent der Verlagsanteile und ist als Erbin ihres Mannes weisungsbefugt gegenüber der Geschäftsführung: So sehen es Testament und Suhrkamp-Verfassung vor.
Die Reaktionen folgten Knall auf Fall. Am Dienstag letzter Woche schied Günter Berg, seit fast fünfzehn Jahren im Verlag und zuletzt angesehener verlegerischer Geschäftsführer, aufgrund von Differenzen bei der Neuaufteilung der Zuständigkeiten aus. Und am Mittwoch hat der Stiftungsrat, bestehend aus Hans Magnus Enzensberger, Jürgen Habermas, Alexander Kluge, Adolf Muschg und Wolf Singer, allesamt Hausautoren, deren Werke schon zu Lebzeiten Klassikerstatus genießen, geschlossen seinen Rücktritt bekannt gegeben. Tabula rasa im Hause Suhrkamp?
Entscheidender Punkt
Ulla Berkéwicz hält es offenbar mit Tomasi di Lampedusas Romanfigur Tancredi: "Wenn wir wollen, daß alles bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, daß sich alles verändert." Der Verlag, den ihr Mann ihr vermacht und dessen Geschicke er auch vertraglich in ihre Hände gelegt hat, steht nicht nur aufgrund des Führungswechsels an einem entscheidenden Punkt seiner Geschichte. Zur Zeit sieht die wirtschaftliche Lage nicht rosig aus: Der Jahresumsatz beträgt bei über 140 Mitarbeitern knapp vierzig Millionen Euro, im letzten Jahr sollen die Zahlen rot gewesen sein. Ob die "schwarze Null" 2003 erreicht werden kann, ist trotz des Bestsellers von Carlos Ruiz Zafón noch ungewiß. Soll die Suhrkamp-Kultur im neuen Jahrtausend nicht wie ein Dinosaurier aussehen, müssen inhaltlich rasch neue Akzente gesetzt werden. Außerdem muß der Weggang des Vertriebschefs verkraftet werden: Ulrich Sonnenberg wirkte im Hintergrund, gilt aber als nahezu unersetzlich.
Das Frühjahrsprogramm, das von vielen mit Argusaugen gemustert werden dürfte, sollte nicht nur durch große Namen imponieren, sondern muß sich auch gut verkaufen. Angekündigt sind unter anderem neue Romane von Christoph Hein und Mario Vargas Llosa, die Tagebücher Einar Schleefs, Essays von Andrej Stasiuk, eine Gesamtausgabe der Gedichte Robert Schindels sowie Adolf Muschg über Goethe: "Der Schein trügt nicht".
Der Vielfalt verpflichtet
Suhrkamp stand immer auch für eine geistige Haltung, die der Vielfalt verpflichtet war. Zwar steht Ulla Berkéwicz keineswegs allein: Unselds Anwalt und Testamentsvollstrecker Heinrich Lübbert berät sie als Stiftungsvorstand, und der Programmchef Rainer Weiss sowie der Kaufmann Philip Roeder sind neben ihr Mitglieder der Geschäftsführung. Für Günter Berg soll rasch ein Nachfolger gefunden werden. Dennoch wirkt Frau Berkéwicz isoliert, auch wenn der Rücktritt des Stiftungsrats faktisch keinerlei Folgen hat. Bis spätestens zum 1. März nächsten Jahres, so heißt es in der Erklärung, werden die fünf Herren im Amt bleiben, und bis zu diesem Zeitpunkt könnte Ulla Berkéwicz auch die Riege der Nachfolger neu bestimmt haben. Es muß sich dabei nicht um Suhrkamp-Autoren handeln, wenngleich die bisherige Zusammensetzung einem Wunsch Unselds folgte. Sicher wäre es klug, Fachleute zu berufen, die stärker beim Verlagsgeschäft beraten können als bei der Programmgestaltung.
Mindestens eine Lehre muß Frau Berkéwicz aus dem Abgang des Stiftungsrats ziehen: daß sie Ratschläge auch wollen, manche Empfehlung auch beherzigen muß. Schließlich ist auch sie von Unseld bestellt worden, genau wie ursprünglich die fünf Stiftungsräte. Der leise Vorwurf, daß diese Konstellation an dem Affront schuld sei, klingt denn auch in ihrer Pressemitteilung an: "Ursächlich für die nunmehr eingetretene Entwicklung im Stiftungsrat ist in meinen Augen ein schon bei der Berufung ungeklärt gebliebenes Mißverständnis über die sich überschneidenden Strukturen einerseits der Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung und andererseits der Verlagsgesellschaften."
Erbe Unselds
Niemand spricht Berkéwicz das - vertraglich festgehaltene - Recht ab, nach eigenem Gutdünken zu entscheiden. Gleichwohl hätte sie den Bruch vielleicht besser vermieden. Denn die Stiftungsräte gehören eben auch zum großen Erbe Unselds, als Ikonen der Suhrkamp-Kultur. Jeder steht für eine eigene Richtung, die der Verlag unter seinem Dach vereint: Poesie, Philosophie, die Schweizer Literatur, die bei Suhrkamp immer einen hohen Stellenwert hatte, die Wissenschaft oder die "Frankfurter Schule". Hätte es nicht zu den Pflichten von Frau Berkéwicz gehört, diesen Aufsichtsrat in eine, wie auch immer geartete Zukunft des Verlags einzubinden? Die Autoren gehören zu Suhrkamp ebenso wie das hehre Prinzip der Werktreue, um das auch schon mancher bangt.
Rainer Weiss ist jedoch zuversichtlich, daß kein Autor die Veränderungen zum Anlaß nehmen wird, dem Verlag ganz den Rücken zu kehren. Sobald sie erkennen, daß die Änderungen gut und richtig seien, hätten Unruhe und Besorgnisse ein Ende, sagt er. Er selbst habe eine "tiefe innere Sicherheit", daß sich alle rasch beruhigen würden. Auch die unbesetzten Stellen machen ihm keine Sorgen: "Im Moment läuft alles ganz blendend ohne die Profis." Was Martin Walser angeht, der seit einiger Zeit öffentlich Kritik an den neuen Strukturen übt, so gibt Weiss allerdings zu, daß sein Weggang von Suhrkamp eine "Tragödie" wäre. Die Frage sei wohl, was der Verlag Walser noch "an Heimat" bieten könne.
Während Hanser-Verleger Michael Krüger den Rücktritt des Stiftungsrats bedauert und vor Alleingängen warnt, sieht Helge Malchow vom Verlag Kiepenheuer & Witsch in der jüngsten Entwicklung einen "Normalisierungsvorgang": "Ein Haus, das vorher mehr war als nur ein Verlag, wird zu einem ganz normalen Verlag." Durch den teils mythologischen, teils reellen "Bedeutungsüberschuß" sei Suhrkamp viel zu lange eine Projektionsfläche für den Literaturbetrieb gewesen. Nun müsse sich weisen, ob der Verlag das Schrumpfen auf Normalmaß aushalten werde. Und das wird nicht zuletzt von Ulla Berkéwicz' Talent als Verlegerin abhängen.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.12.2003, Nr. 283 / Seite 3
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