13. September 2003 Nur einer wütet noch. Einer überzieht noch die Welt, die Menschen mit seinem Haß, seiner Verachtung, seinem Furor. Häßlich, häßlich, häßlich, geifert der Wilde Mann in Peter Handkes neuem Stück Untertagblues die Fahrgäste einer U-Bahn an. Macht euch ungeschehen. Was hast du, und du, und du da, auf der Erde denn noch zu suchen? Der wilde Mann, er will die Einsamkeit, die wilde, schöne Einsamkeit. Die Liebe, wie sie auf dieser Welt nur möglich ist, die bescheidene, kleine Liebe, die genügt ihm nicht, bedeutet ihm nichts. Deiner Art Liebe bin ich entgangen, Frau. Hast mich nicht in deine Falle gelockt. Wirst mich nicht in deine Falle locken. Die U-Bahn fährt weiter. Gleichgültig steigen die Fahrgäste aus. Am Ende ist der Mann allein.
Allein steht auch dieses neue Buch von Peter Handke zwischen all den anderen neuen deutschsprachigen Büchern in diesem Herbst. Scheinbar allein als Anti-Liebesbuch zwischen all den anderen Büchern einer neuen deutschen Romantik, einer neuen Liebe zur Liebe, einem unbedingten Willen zum Glück. In einem Herbst, in dem die deutsche Literatur offensichtlich beschlossen hat, auf Krise, Kriege und das Ende der Utopien mit Liebesromanen zu reagieren. Es ist, als habe die deutsche Literatur zurückgefunden zu sich selbst, habe all die beharrlichen Selbstthematisierungsbücher, die Metaromane, die Unglückssuche, Selbstzerfleischung vergangener Tage hinter sich gelassen für einen manchmal leichten, manchmal schweren, manchmal glücklichen, manchmal unglücklichen, für einen großen Herbst der Liebe.
Entfesselte Altersleichtigkeit
Was ist zum Beispiel bitte in Günter Grass gefahren? In geradezu entfesselter Altersleichtigkeit, Altersverliebtheit wirft er da Koitus-Gedichte und -Zeichnungen in großer Zahl auf großformatiges Papier, manche in peinlicher Altmänner-Potenz-Protz-Pose (nach so viel Jahren Gebrauch, / steht er / - was Wunder! / er steht-,), manche plötzlich selbstironisch heiter (Nah dem Polarkreis, in der Wüste Gobi koitieren / selbst Greise noch, bevor sie kollabieren.), aber immer glücklich, die schwere Vergangenheit, den alten Grass beiseite legend: Verjüngt war ich gottähnlich / die Pfeife lag abseits, kalt. Weit, weit weg vom Politikverdrießer und mühsamen Konstruktionsromancier der langen, letzten Jahre. Grass tanzt. Grass liebt. Grass hat sich selbst vergessen.
In merkwürdiger Parallele zu seinem politischen Antipoden der Vergangenheit, zu Botho Strauß, dessen Romanheld in jener Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schlich, in den tausend Träumen einer betrogenen Nacht unzählige Glücksmöglichkeiten, Liebesmöglichkeiten erdichtet, um am Ende in einem großen romantischen Finale zu seiner Frau, zu Julia zurückzukehren, in Erinnerung an den einen, den großen Moment des Liebesanfangs, die Unschuld des Anfangs, die man nie wieder, die das Herz nie wieder vergißt.
Ein Wunderroman für Verliebte
Ist das kitschig? Oh ja. So ist dieser Herbst 2003. Der Liebesherbst. Da gibt es keine Angst vor Kitsch. Hanns-Josef Ortheil, seit vielen Jahren Schreibreflektierer und Schreiblehrer für Nachwuchsschriftsteller hat sogar einen ganzen, programmatisch unprogrammatischen Kitschroman geschrieben. Die große Liebe. Thema: die große Liebe. Ein Filmemacher reist nach Italien, verliebt sich auf den ersten Blick in die Direktorin eines meeresbiologischen Instituts, sie verliebt sich in ihn, und alles wird ganz, ganz gut. Es wird so viel gegessen, getrunken, geliebt und von Liebe gesprochen, daß einem ganz schwindelig wird und unromantische Menschen sich vielleicht übergeben müssen oder das Buch dem lächelnden U-Bahn-Passagier gegenüber wütend an den Kopf pfeffern. Für Verliebte hingegen ist es ein Wunderroman, in dem alles stimmt und der - natürlich - sehr, sehr gut endet.
Und da, wo es in der neuesten deutschen Literatur keinen Willen zum Kitsch gibt, da gibt es doch immerhin auch keine Angst davor. Benjamin Leberts verzweifelter Frauen-Sehnsuchtsroman Der Vogel ist ein Rabe etwa, der alles andere als gut endet, ist voller sich mutig aller Kritik schutzlos ausliefernden Sätze wie: Ich finde, Liebe ist das Größte, das Leuchtendste, das Wunderbarste. Oder: Auf der Welt. Ist jeder Mensch allein. Die stehen so da, solche Sätze, so groß und banal und wahr und lächerlich und schön.
Protest der Liebe
Ist Liebe die letzte Utopie? stand auf einem kleinen Zettel, der im Frühjahr im Roten Salon der Volksbühne verteilt wurde, als Maxim Biller nicht aus seinem neuen Liebesroman Esra gelesen hat. Er hatte nicht aus dem Roman gelesen, weil eine einstweilige Verfügung gegen den Roman erlassen worden war. Es gab nur diesen kleinen Zettel. Als Botschaft. Als Frage. Liebe als letzte, ferne Unerreichbarkeit. Und der Roman dazu: verboten. Die Begründung des Gerichts: Er sei zu nah an der Wirklichkeit, der Roman. Das Leben hatte protestiert. Die Liebe hatte protestiert. Die Realität. Eine frühere Geliebte Billers glaubte sich in dem Buch wiederzuerkennen und verlangte das Recht an ihrer Geschichte zurück. Zurück aus der Literatur. Zurück ins Private.
Sie protestierte gegen Sätze wie: Einmal, das war noch ganz zu Beginn, vergaßen Esra und ich kurz die Welt um uns herum. Und: Esra hatte Angst vor der Literatur. Es folgte ein langer, zäher Kampf, der in den letzten Monaten verschiedene Gerichte beschäftigte. Das Ergebnis: Esra gibt es nicht mehr. Auch in einer entwirklichten Version mit vielen Auslassungen soll Esra, sobald die aktuelle Auflage verkauft ist, nicht mehr wiederkommen. Das Gericht hat entschieden. So wirklich darf ein Liebesroman nicht sein. Der große Herbst der Liebesbücher begann im Frühjahr mit einem Skandal.
Keine Sprache
Und man kann die jetzt erscheinenden Liebesromane auch als einen Protest lesen. Ein Plädoyer für die Liebe in der Literatur, die wirkliche Liebe in der Literatur mit einer neuen, einer alten, romantischen Sprache. Die fulminante Liebeserklärung des jungen Bachmannpreisträgers Michael Lentz ist genau das, was der Titel verspricht. Ein Versuch auf 190 Seiten, die Liebe zu erklären, eine Sprache zu finden für die Liebe: Dieses Phänomen, schreibt er, daß wir keine Sprache der Liebe haben, aber eine Liebesflucht, einen Liebesabgrund, eine Vernichtung, daß wir keine Sprache der Liebe haben, die so ganz lieb ist, außer immer wieder die Hinwendung, das Versichern des Körpers, das Kommen und Gehen, und immer wieder sagen wir ,Ich liebe dich' und sind auch beschämt, nicht etwas anders zu sagen von identischer Wucht, aber nein, wir können nur ,Ich liebe dich' sagen, und sagten wir endlich etwas anderes, es liefe auf das selbe hinaus.
Und er reist durch Deutschland, durch ein krisengeschütteltes Land, das sich im Unglück wohlfühlt, ein Jammertal, und er, der größte Jammertalist, er reist, hin zu seiner Liebe, fort von seiner Liebe, an einen utopischen Ort, der nirgendwo ist. Der ein Abschied ist. Irgendwann. Und ein Neubeginn. Immer wieder. Es ist ein Leben um der Liebe willen. Und ein Lieben um der Literatur willen. Zum Schluß heißt es: Jetzt haben wir uns nicht mehr. Aber wir haben diese Geschichte.
Und wir Leser haben eine Unzahl weiterer Geschichten, weiterer Liebesgeschichten. Raoul Schrott bildet in seinem schwergewichtigem Sehnsuchts- und Weltumsegelungsroma Tristan da Cunha über fünf Jahrhunderte hinweg vier Liebesgeschichten kunstvoll dem Tristan-Motiv nach. Der junge Peter Stamm umschreibt in seiner neuen Geschichtensammlung In fremden Gärten die Abwesenheit von Liebe, das Ende, die Hoffnung und die Trauer mit minimalem Wortaufwand. Katharina Hacker sucht Eine Art Liebe in Jerusalem, Tel Aviv und Berlin zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart auf. Alban Nikolai Herbst konfrontiert in seinem Künstlerwahnsinnsliebesbuch Meere den Protagonisten mit dem Vorwurf: Sie sind ein Romantiker, Fichte. Ihre Kritiker haben ganz recht. Und viele andere Neuerscheinungen auch. Die Liebe ist das Paradigma. Und der Vorwurf, ein Romantiker zu sein, trifft wohl keinen sonderlich hart.
Und zum Schluß, ein letztes Mal, wenden wir uns der U-Bahn zu. Der U-Bahn mit dem Wilden Mann, den Handke sich erfand. Die Fahrgäste sind alle ausgestiegen. Haben sich ausreichend beschimpfen lassen. Der Wilde Mann ist ganz allein. Da besteigt eine Frau das leere Abteil. Eine Frau von blendender, medusenhafter Schönheit. Sie sieht ihn sitzen, ganz allein, und sagt: Zu spät, zu spät kommt deine Reue. Du Friedensstörer. Du Störenfried. Lieblos sei er, der Wilde Mann. Lieblos wie ein enttäuschter Liebhaber. Oder wie ein unglücklich Verliebter. Nur solche können grundlos lieblos sein. Der Wilde Mann tanzt ein wenig, zu ihren schönen Worten, hängt an ihren Lippen, summt ihre Worte mit und flieht ihr schließlich, entfesselt fast, entgegen, stracks hin zu ihr, der Vollstreckerin. Der Vollstreckerin der Liebe. Ihr entkommt in diesem Herbst kein Schriftsteller.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 14. September 2003
Bildmaterial: Rechte Steidl-Verlag