Sportliche Dichter

Endlich wissen die Menschen, was sie anfangen sollen

Von Hannes Hintermeier

30. März 2006 Ludwig Thoma hat ein Image als biersaufender, pfeiferauchender und stets grantelnder Stubenhocker. Aber wie das mit dem Image so ist, zeigt es eben auch hier nur die eine Seite des bayerischen Schriftstellers. Die andere ist die des sportlichen, weltoffenen Autors, der auf dem Sattel seines Fahrrads die Welt erkundet hat.

1903 etwa fuhr Thoma mit den Freuden Thomas Theodor Heine, Rudolf Wilke und Eduard Thöny mit dem Rad ins gelobte Bildungsbürgerland Italien, nach Mailand, Genua und bis Florenz. Im Jahr darauf radelte er gar mit Thöny und Wilke bis nach Nordafrika: Von Marseille aus setzten die drei nach Algier über - und fuhren dann durchs algerische Gebirg' über Biskra, Bougie und Constantine bis Tunis.

Bauernwirtschaft, doch gutes Essen

An seinen Freund Ignaz Taschner schreibt Thoma aus der Oase Biskra eine Postkarte: „Biskra 17.4. Heiß! Herrgott a Maß!! Lb. Nazi, Am südlichsten Punkte sind wir angelangt, jetzt geht es zurück nach Constantine - Tunis. (...) Wenn Du diese Karte erhältst, bin ich schon in Neapel.“ Und seinem Spezi Conrad Haußmann schildert er die Anstrengungen der Radtour, aber auch die Entschädigung durch phantastische Ausblicke. Über die fünfzehn Kilometer lange Schlucht zwischen Bougie und Kerrata notiert er begeistert: „Ich habe nicht in Tirol und nicht in der Schweiz etwas Wilderes gesehen.“ Bodenständig bleibt er trotzdem. Das „Hotel de Vogoguas“ in St. Arnaut findet gnädige Aufnahme im Tagebuch - als „Bauernwirtschaft, doch gutes Essen“.

Zu sehen ist diese unbekannte Seite Ludwig Thomas derzeit in einer Ausstellung, die das Münchner Literaturarchiv Monacensia unter dem Titel „SportsGeist. Dichter in Bewegung“ organisiert hat. Es ist der Versuch, mit bescheidenen Mitteln in der ehemaligen Hauptstadt einer sogenannten Bewegung den Anfängen der internationalen Sportbegeisterung nachzugehen - im Falle Thomas eine ergiebige Suche, denn der Schriftsteller war nicht nur ein leidenschaftlicher Radfahrer, sondern auch einer der ersten, die in Deutschland den Skisport ausübten. Und auf seinem Landhaus überm Tegernsee, der Tuften, ließ er sich sogar einen Tennisplatz anlegen, um mit der jungen, aus Manila gebürtigen Tänzerin und späteren Ehefrau Marietta di Ragardo ungestört spielen zu können. Er mochte es nämlich nicht, beim Tennis begafft zu werden: „Wenn wir Tennis spielen, ist immer große Gesellschaft da. Ich glaube, das Viehzeug fährt eigens herüber, um Marion anzuglotzen und sich die Frau zu zeigen, ,die mit dem Thoma durchging'.“

Bergsteiger und Wasserballer

Ausgangspunkt der subjektiv auf rund vierzig Autoren verknappten Schau sind Fotografien, die man aus Archiven zusammengetragen hat. Sie zeigen unter anderen den Radsportler Henry Miller, die autonärrische Erika Mann, den bogenschießenden Heimito von Doderer, Uwe Johnson als pfeiferauchenden Kanuten, Friedrich Torberg als Wasserballer, Ödön von Horvath als Bergsteiger, Schwimmer und Ringer, Vicki Baum beim Boxtraining, Liesl Karlstadt und Karl Valentin als Skifahrer, Robert Musil als Fechter und Arthur Schnitzler als Tischtennisspieler. Im Vergleich zu Alkohol oder Drogen, diesen Eindruck nimmt man mit, hat bei aller Begeisterung der Sport sehr viel weniger Prägekraft für die Kunst der Literatur entfaltet. Vielleicht, weil der Sport, wie Nabokov in seinen Memoiren vermutet, für Exzentriker weniger Raum läßt: „In dem England meiner Jugend war der nationale Horror vor aller Angeberei und eine zu humorlose Vorliebe für solide Team-Arbeit der Entwicklung der exzentrischen Kunst des Torwarts immer abträglich. Auf diese These verfiel ich, um zu erklären, warum ich auf den Sportplätzen von Cambridge nicht sonderlich erfolgreich war.“

Franziska Gräfin zu Reventlow erkundete bereits 1900, als die Nackten im Englischen Garten noch ferne Zukunftsmusik waren, als unverhüllte Baderin, wie sich die Ägäis bei Samos anfühlt. Die Gegenwart ist mit dem Marathonläufer Günter Herburger und dem Torwart Albert Ostermaier vertreten. Den Vogel schießt Hermann Hesse ab: Er ließ sich am Walensee in der Schweiz nackt beim Durchsteigen einer Felswand ablichten. „Die Sonne brannte mir fleißig auf die verwöhnte Haut, die Dornen zeichneten mir ein Netz von roten Schrammen auf die Beine; die Knie und Hüften stieß und ritzte ich mir am Kastaniengestrüpp und an den Felsen wund. Aber ich war fröhlich dabei, ich sang und hatte meine Lust an der wilden schönen Landschaft.“ Nacktklettern? Man sieht, daß mancher Geistesheld im wirklichen Leben nur bedingt als Vorbild taugt. Das Bild zeigt Hesse naturgemäß von hinten.

Sie sporten

„Seit der Sport so epochal geworden ist, wissen die Menschen endlich, was sie anfangen sollen.“ - Siegfried Kracauers Notat aus dem Essay „Sie sporten“, 1927 in der „Frankfurter Zeitung“ erschienen, bildet quasi den theoretischen Sammelplatz, von dem aus die Ausstellung gedacht ist. Konzipiert hat die noch bis Ende September zu sehende Schau die Leiterin der Monacensia, Elisabeth Tworek, eine Horvath-Expertin und ehemalige Handballerin, zusammen mit dem Germanisten Michael Ott, einem Alpinisten, der sich über Literatur und Alpinismus habilitiert. Eingezwängt in die für Ausstellungen wenig geeigneten Räume der ehemaligen Künstlervilla am Isarhochufer, zeigt die Schau Glanz und Elend dieser Art von Literaturvermittlung. Die Wände mit Zitaten beklebt, wenig Platz rund um die Vitrinen, bewußt mehr Bild als Text: Stellvertretend für eine Reihe ähnlich räumlich beschränkter Archive wird in München gern an diesen „Vitrinenausstellungen“ herumgemäkelt - sie seien zu wenig sexy und zuwenig „Event“.

Dazu muß man wissen, daß die Monacensia über einen Jahrestetat von 39.000 Euro verfügt, mit dem sie Ausstellungen, Vorträge und Lesungen bestreiten muß. Da sind keine großen Sprünge möglich, und ohne die Hilfe von Sponsoren, in diesem Fall der Kulturstiftung der Münchner Stadtsparkasse, sähe die Lage längst noch trüber aus. Daß die Schau mit gleicher Optik, aber anderen, lokal verankerten Exponaten ab 9. April im Lübecker Buddenbrookhaus gezeigt wird, verweist auf den Versuch, vielbeschworene Synergieeffekte herzustellen. Das Begleitbuch, im Arche-Verlag erschienen, dokumentiert Bilder und kurze biographische Aufsätze; es dient - wie die Ausstellung auch - als Anreger, sich den einen oder anderen Text zur Lektüre vorzunehmen.

Synergie muß sein

Daß der Fußball hier nur eine untergeordnete Rolle spielt, ist nichts als pure Absicht, denn als „historische Ergänzung“ sieht Elisabeth Tworek den „SportsGeist“. Das erscheint sinnvoll. Denn noch bevor mit der Weltmeisterschaft das alles erdrückende Ereignis in diesem Sommer ausbricht, fühlte sich das Münchner Kulturreferat bemüßigt, seine Frühjahrsbuchwoche unter das Motto „Literatur und Sport“ zu stellen. Am heutigen Donnerstag wird sie mit einer Lesung von Peter Esterhazy („Deutschlandreise im Strafraum“) eröffnet. Bis einschließlich 6. April lesen Autoren wie John von Düffel, Günter Herburger, Tim Krabbe, Per Olov Enquist, Jerker Virdborg und Tim Parks, werden Filme zu Sportthemen gezeigt, Hörspiele und Live-Musikperformances angeboten. Ein Symposion geht am kommenden Freitag - Synergie muß auch hier sein - in der Monacensia über die Bühne. „Die Regeln des Spiels. Sport in der Gegenwartskultur“ überschrieben, soll eine zehnköpfige wissenschaftliche Equipe erkunden, wie es um Ethik, Ästhetik und die Produktion des Sozialen im Sport steht. Warum man vergessen hat, den schwimmenden und radelnden Philosophen Julian Nida-Rümelin einzuladen, der just am Veranstaltungsort aufwuchs, ist rätselhaft - vielleicht, weil in München derzeit gewitzelt wird, daß er als Kulturreferent wiederkommt.

Nur noch alle zwei Jahre kann die Frühjahrsbuchwoche stattfinden, immerhin mit einem Etat von 220.000 Euro. Das Konzept ist durchaus im Sinne der Referatsspitze, der Medizinerin und Psychologin Lydia Hartl - Hauptsache vernetzt und im Zweifelsfall lieber verkopft. Ersteres, weil jedes verfügbare Institut mit einbezogen wird; zweiteres, weil man sich dem Populismus, wie ihn unlängst das Kölner Literaturfestival „lit.Cologne“ so erfolgreich vorexerziert hat, ganz bewußt verschließen will. Daß hier, wie am Rhein geschehen, ein Autor wie Bastian Sick eine Arena mit fünfzehntausend Besuchern füllen könnte, gilt vielen in München als unvorstellbar. Ausgerechnet in einer Stadt, die mit Freiluft-Klassik am Königsplatz und „Oper für alle“ beste Erfahrungen gemacht hat, sollte das aber ein kleineres Problem sein. Wenn Literatur den Karneval überlebt, wird sie auch vor dem Oktoberfest bestehen.

Die Ausstellung ist zu sehen im Literaturarchiv Monacensia, Maria-Theresia-Straße 23, 81675 München (29. März bis 29. September), sowie im Buddenbrook-Haus Lübeck, Mengstraße 4, 23552 Lübeck (vom 9. April bis zum 25. Juni).



Text: F.A.Z., 30.03.2006, Nr. 76 / Seite 42
Bildmaterial: Monacensia

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