Walter Benjamin

Heim nach Berlin

Von Andreas Kilb

Walter Benjamin

Walter Benjamin

30. Mai 2005 Seine bekannteste begriffliche Anstrengung galt der Aura des Kunstwerks, die im technischen Zeitalter erlischt, und so ist es eine historische Ironie, daß gerade Walter Benjamins philosophisch-kulturkritisches Werk in den Jahrzehnten seit seinem Tod immer auratischer geworden ist.

Benjamin wird nicht nur studiert, er wird verehrt, und ein Zeichen dieser Verehrung ist das Projekt der neuen Gesamtausgabe, die ihr Finanzier Jan Philipp Reemtsma gemeinsam mit den Herausgebern Christoph Gödde und Henri Lonitz in den Räumen des Walter-Benjamin-Archivs der Akademie der Künste in Berlin vorstellte. Das Archiv selbst stellt die Herausforderung dar, auf die das Projekt editorisch antwortet, denn es führt seit Herbst 2004 jene drei Teile von Benjamins Nachlaß zusammen, die der Zweite Weltkrieg in alle Welt verstreut hatte.

Mit Adornos Nachlaß nach Frankfurt

Der erste, bestehend aus den Papieren, die der Philosoph bei seinem Freitod auf der Flucht 1940 in Port Bou bei sich trug, gelangte mit dem Nachlaß Theodor W. Adornos nach Frankfurt. Der zweite, ein Konvolut aus Briefen und Manuskripten, das die Gestapo in Benjamins Wohnung in Paris beschlagnahmt und nach Berlin gebracht hatte, kam nach dem Krieg über Moskau an die Akademie der Künste der DDR, von wo er 1996 in den Besitz von Reemtsmas Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur überging. Der dritte Teil schließlich enthält Aufzeichnungen zum „Passagen-Werk“, die Georges Bataille in der Pariser Nationalbibliothek versteckt hatte und die erst in den achtziger Jahren wiederentdeckt wurden.

Alle drei Nachlaßteile wollen Gödde und Lonitz in ihrer auf zwanzig Bände angelegten Edition dokumentieren. Die neue Gesamtausgabe ist ein ebenso kühnes wie luxuriöses Unterfangen: Zum einen will sie Benjamins Hinterlassenschaft so vollständig auswerten, daß, wie Henri Lonitz erklärte, „nichts mehr übrigbleibt“; zum anderen wollen die Herausgeber bewußt unchronologisch vorgehen, thematische Schwerpunkte setzen und alle Textvarianten von Benjamins wichtigsten Schriften im Hauptteil abdrucken, was dazu führt, daß etwa die „Berliner Kindheit um Neunzehnhundert“ in vier verschiedenen Versionen hintereinander zu lesen sein wird.

Nicht nur Konkurrenz, sondern Ablösung

Inwieweit dies der Wahrheitsfindung dient, bleibt abzuwarten; klar ist, daß die zwischen 1972 und 1996 erschienene Benjamin-Werksausgabe von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser durch die neue Edition nicht bloß Konkurrenz bekommen, sondern abgelöst werden soll. Das „Passagen-Werk“ und die Notizbücher Benjamins, die Tiedemann und Schweppenhäuser noch unvollständig vorlagen, wollen Gödde und Lonitz in vier großformatigen Faksimilebänden abbilden, die übrigen sechzehn Bände sollen Normalformat haben.

Erdmut Wizisla, der Leiter des Benjamin-Archivs, der selbst unter Göddes und Lonitz' Ägide die „Gesammelten Essays zur Literatur“ herausgeben wird, kündigte für 2006 eine Ausstellung und eine Konferenz an, bei der das Archiv seinen Manuskriptbestand in wesentlichen Auszügen präsentieren will, darunter auch jene Theorie-Windrosen, die Benjamin zur Verdeutlichung seines Denkens aufs Papier warf. Er sei „ein Primzahl-Mensch“ gewesen, sagte Jan Philipp Reemtsma über den Philosophen, einer, der „nur durch sich selbst teilbar“ bleibe. Der erste Band der neuen Gesamtausgabe soll spätestens im Frühjahr 2007 erscheinen.

Text: F.A.Z., 31.05.2005, Nr. 123 / Seite 42
Bildmaterial: SWR

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