Literatur

Herodot unserer Zeit: Ryszard Kapuscinski ist tot

Von Marta Kijowska

24. Januar 2007 Notizen eines Weltbürgers: „Wenn wir sterben, / Kommt der Wind an diesem Tag, / Um uns von hier fortzuwehen, / Die Spuren unserer Schritte zu verwischen. / Der Wind weht Staubwolken hoch / Und verschüttet damit / Die Spuren, die dort waren, / Wo wir gegangen sind, / Sonst wäre es so, / Als würden wir / Weiterhin leben.“ Mit diesen Zeilen endet das Buch, mit dem der Eichborn Verlag den fünfundsiebzigsten Geburtstag seines polnischen Starautors Ryszard Kapuscinski demnächst hätte feiern wollen. Die „Notizen eines Weltbürgers“ heißen auf polnisch „Lapidarium“ und haben eine Form, an der die Schnelllebigkeit unserer Welt sichtbar wird: Es fängt lediglich Ereignisfetzen, scheinbar wenig zusammenhängende Reflexionen, flüchtige Stimmungen ein.

Weltweit bewundert wurde Kapuscinski allerdings nicht als Meister lapidarer Form, sondern als scharfsinniger Analytiker politischer Umwälzungen und sozialer Prozesse sowie gleichzeitig als Schöpfer einer besonderen Art der literarischen Reportage, einer „Mixtur aus Reportage und Kunst“ (Salman Rushdie), deren Stil und Sprache den Fakten eine zweite Dimension verliehen. Und nicht zuletzt als Reporter, für den nur eine Arbeitsform in Frage kam: lediglich darüber zu schreiben, was er selbst gesehen und erlebt hatte. Wo immer in den vergangenen fünf Jahrzehnten ein Bürgerkrieg, eine Revolution, ein Umsturz stattfand, war er zur Stelle. Oft fuhr er in die Krisengebiete bereits dann, wenn alte Machtzentren und Institutionen des öffentlichen Lebens zwar noch bestanden, aber sein aufmerksames Auge erste Anzeichen der Erosion registrierte.

Eruption der Emotionen und Hoffnungen

Ob er die Umwälzungen in Afrika („König der Könige“), in Asien („Schah-in-Schah“) oder in Lateinamerika („Der Fußballkrieg“) verfolgte, immer ging es ihm darum, das Geschehen „direkt und unverfälscht zu erleben“. Schon seine ersten Themen suchte er in der Dritten Welt, weil sie damals, in den fünfziger Jahren, als seine Karriere begann, eine gewaltige Transformation, eine „Eruption der Emotionen und Hoffnungen“ erlebte. Sie ist schließlich zu seinem Lebensthema geworden, dem er auch dann treu blieb, als in Europa die alte Ordnung zusammenbrach; wenn man einmal von „Imperium“, seinem grandiosen Bericht über den Zerfall der Sowjetunion, absieht. Seine Treue galt vor allem Afrika. Erste Reisen führten ihn nach Ghana und in den Kongo, wo er sofort in den Strudel der Revolution geriet. 1962 ging er als Korrespondent der polnischen Nachrichtenagentur PAP nach Afrika. Sechs Jahre lang reiste er kreuz und quer durch den Kontinent, bevor er ihn gegen Lateinamerika eintauschte. In den folgenden vierzig Jahren kehrte er dennoch immer wieder nach Afrika zurück, um in seinen Reportagen („Afrikanisches Fieber“) die Stationen seiner Entwicklung zu registrieren.

In den letzten Jahren konnte man sich kaum vorstellen, von seiner Seite eine weitere literarische Überraschung zu erleben. Doch eine hatte er noch parat: den Bericht „Meine Reisen mit Herodot“, der vor zwei Jahren auch auf deutsch erschien. Die Erinnerungen an die ersten Eskapaden und an sich selbst aus jener Zeit - einen jungen Reporter, der seine Unerfahrenheit durch Mut und Enthusiasmus auszugleichen wusste - vermischen sich darin mit Reflexionen über Herodot, in dem Kapuscinski eines seiner großen Vorbilder sah. Auch sein altgriechischer „Reporterkollege“ tendierte nämlich dazu, am Rande seiner Reisen über die Gesetzmäßigkeiten der Geschichte zu sinnieren.

Arbeit als Berufung

Aus seinem auf Interviewauskünften basierenden „Selbstporträt eines Reporters“ konnte man all das erfahren, was man schon immer über ihn wissen wollte: seine Kindheit in Pinsk (heute Weißrussland), wo er am 4. März 1932 zur Welt kam, seine Kriegserlebnisse, seine literarischen Anfänge - und die Höhen und Tiefen eines Reporters, der wie kein anderer mit Gattungen und Stilen zu jonglieren wusste. Es gebe Menschen, erklärte er darin, die sich für die Welt überhaupt nicht interessieren, denen die Tiefen der eigenen Seele völlig ausreichen. Es gebe aber auch solche, die die Welt in ihrer ganzen Vielfalt erleben wollen, und einer dieser Unruhigen sei er selbst. Allerdings gehe es ihm dabei nicht nur um die Befriedigung der eigenen Neugier: „Meine Arbeit ist eine Berufung, eine Mission. Ich hätte mich diesen Gefahren niemals ausgesetzt, hätte ich nicht gespürt, dass es hier um etwas Wichtiges geht, das uns alle betrifft.“

Er hätte dies nicht schreiben müssen. Seine Leser hatten die Größe seines Werks längst erkannt, die polnischen ihm dafür mit dem Titel „Journalist des Jahrhunderts“ gedankt. Seinen runden Geburtstag werden sie mit ihm nicht mehr feiern: Am Dienstagabend ist Ryszard Kapuscinski in einem Warschauer Krankenhaus gestorben. Die Spuren, die dort sind, wo er gegangen ist, wird der Wind allerdings gewiss nicht verwehen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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