65 Jahre Bob Dylan

Sisyphos und Rolling Stone

Von Uwe Ebbinghaus

Der „Rattenfänger”, der einfach nur „Kuhhirte” sein möchte

Der „Rattenfänger”, der einfach nur „Kuhhirte” sein möchte

24. Mai 2006 Am Mittwoch wird er 65 Jahre alt und ist die wohl einflußreichste lebende Kultfigur unserer Zeit: undurchschaubar, intuitiv, publikumsscheu und unendlich gelangweilt vom eigenen Erfolg - wie im 20 Jahrhundert vielleicht nur noch Marlon Brando. Wie diesem unterliefen Dylan in mittleren Jahren eine Reihe künstlerischer Aussetzer, die man niemand anderem als einem Genie verziehen hätte. Wie Brando gelingen ihm in späten Jahren aber auch wieder augenzwinkernde Erfolgsstreiche, Comebacks, wenn man so will, während die Zahl der Nachahmer und Inspirierten eigentlich nie abgenommen hatte.

Was oft überschätzt wird, ist Dylans distanziertes Verhältnis zum Publikum, denn im Grunde ist seine Beziehung zu diesem innig - letztlich liebevoll spielt er mit ihm Hase und Igel: Immer wenn es meint, Dylan eingeholt, vielleicht sogar begriffen zu haben, wartet er schon lässig mit einer neuen Pose auf: Setzt sich einen Cowboy- oder einen Doktorhut auf (siehe auch Dr. h. c. Bob Dylan), macht einen richtig schlechten Film, schüttelt dem Papst die Hand, macht Werbung für Damenunterwäsche (siehe auch Bob Dylan als „Mr. Lingerie Man“) oder eine überraschend gute neue Platte.
Neuerdings arbeitet er als Radio-Jockey und ist in den Vereinigten Staaten für diese erneute Volte wieder in aller Munde.

Vier Thesen zu Dylan

Was aber macht Dylans Bedeutung und seinen Kultstatus wirklich aus, was macht ihn zu einer der nachwirkendsten Tendenzen des 20. Jahrhunderts? Eine Annäherung in vier Thesen:

1. Dylans Musik ist - allein von ihren Ursprüngen im Folk her - die trotzige Vision einer besseren neuen Welt, die im Grunde eine bessere alte sein soll. Dylans Musik ist die eigentliche amerikanische Nationalhymne, Dylan hält sogar den linken Amerikanismus in Mode. (siehe auch Denk zweimal, das paßt schon)

2. Dylans künstlerische Variabilität (er hört sich niemals gleich an) und seine notorische Selbsterfindung sind ein demonstrativer Befreiungsakt, der die Freiheit, schlecht zu singen und gelegentlich sogar Schwaches zu produzieren, einschließt. Auch wenn Dylan dies zurückweist, allein in seiner schnoddrigen Gesangsverweigerung, seinem permanenten Ansingen gegen die einlullende Schwerkraft der Musik, steckt eine Botschaft - die der Nichtanpassung. (siehe auch Der gelebte Traum)

3. Dylan ist ein Sisyphos der Wiederholung, dem eigentlichen Menetekel der Industriegesellschaft. Das Publikum verlangt gerade im Konzert nach der Aura des Bereitsgehörten, nach Repertoire und er liefert es, ohne sich selbst dabei zu langweilen, jedoch - anders als etwa die Rolling Stones - auf Kosten eines planen Wiedererkennungswertes. Den Ansprüchen, die man an ihn stellt, begegnet Dylan mit diszipliniertem Trotz. Er ist der eigentliche Rock'n Roller, der stellvertretend Pubertierende, sein Nonkonformismus überträgt sich auf jede neue Generation. (siehe auch Immer ein anderer und immer sich treu / Das Rad dreht sich)

4. Dylan hat Gespür für Pop. Auch das erklärt seine verwickelte Publikumsbindung: Anders als der gleichfalls störrische Künstlertypus „Peter Handke“ etwa, verliert Dylan den gemeinsamen Nenner mit dem großen Publikum nicht und bedient es auf subtile Weise am Rande des Mainstreams (zu denken ist nur an seine eingängige Filmmusik der letzten Jahre, an seinen MTV-Auftritt, seine Traveling Wilburys). Seine Kunst ist, obwohl er sich gerne über sie ausschweigt, kommunikativ, sie läßt dem Zuhörer auch in der Wiederholung die Würde des produktiven Zuhörens.

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Text: @uweb
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, Paramount, picture-alliance / dpa

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